Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1887)
- Date
- 1887-11-03
- Page
- Seite 699 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227708--44831-3267133- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
699 Kongo-Konferenz zu Berlin. Er war Mitglied der zwei Staatskommissionen für ein neues Handelsgesetzbuch und für die Berfassungsrevision. Er ist einer unserer besten Rechtsautoren: sein Grundriß des internationalen Privatrechts wurde 1880 von Prof. Max Cohn in das Deutsche, 1884 von Alphonse Rivier in das Französische übersetzt. Seit 1877 lehrt er an unserer Amsterdamer Universität Handels- und Seerecht und Internationales Privatrecht; er ist der gefeiertste Lehrer unserer juristischen Fakultät. Auch das Ausland hat oft seine Verdienste erkannt: so ernannte ihn die Edinburger Universität zum Doktor der Rechte honoris cansa. Gestern wurden ihm zahlreiche Huldigungen und Geschenke dargebracht: von dem Kuratorium der Universität, von dem akademischen Senat, von der juristischen Fakultät, von dem Gemeinderath, von früheren Zöglingen, von Freunden und Verehrern. Des Abends brachte ihm die Studentenschaft eine Serenade mit Fackelaufzug. Aus dem Auslande kamen viele Beweise von Theilnahme. Rußland. Moskau, im Oktober. Bon Herrn Katkow zirkuliert in den Blättern folgende wundersame Historie, die, obschon die „Nordd. Allg. Ztg." sie reproduzirt, doch wohl der Bestätigung bedarf — „Biele Russen zerbrachen sich lange schon vergeblich den Kopf, weshalb Katkow die Juden stets (dies ist nicht richtig, vielmehr war K. eine Zeit lang ein recht eifriger Antisemit, bis er Plötzlich eine Wendung machte und sich über die Juden gemäßigt oder gar nicht aussprach — Red. d. A. Z. d. Jud.) mit Sammethandschuhen angefaßt habe und nie, eingedenk seines Vollblut-Nationalrussenthums gegen sie energisch zu Felde gezogen sei. Daß er ihnen im Grunde seines Herzens eigentlich gar nicht gewogen war, galt bei genaueren Kennern Katkows für ausgemacht. Nachträglich will man nun den Schlüssel zur Lösung dieses Räthsels in seiner Hinterlassenschaft gefunden haben. Dort kehrte, als Einnahmeposten gebucht, alljährlich die Summe von 35 000 Rubel wieder, mit dem stets gleichen Vermerk: „Zinsen des an P. (darunter ist wohl der Millionär Poliakow gemeint) gegebenen Kapitals." Ein Dokument über dieses Kapital, um es eventuell kündigen zu können, war nicht vorhanden und so wandten sich denn jetzt die mit der Erbschaftsregulirung betrauten Advokaten direkt an den sehr reichen und unter, den Juden Rußlands eine hervorragende Rolle spielenden Herrn P. und baten um Aufklärung. Der wollte anfangs nicht recht mit der Sprache heraus; dann zuckte er lächelnd die Achseln und meinte: „„Daß ich oder wohl richtiger wir (Juden nämlich) von Katkow jemals ein Kapital erhalten haben, das werden Sie wohl selbst kaum im Ernst annehmen; die Sache ist aber an und für sich sehr einfach. „Wir" erzeigten uns alljährlich dem' jetzt Verstorbenen dafür dankbar, daß er seine einflußreiche Stimme nicht gegen uns erhob. Für uns war diese Liebenswürdigkeit gut so viel werth, als ob uns Katkow ein Kapital von 700000 Rubel vorgestreckt hätte. Da nahmen „wir" denn stillschweigend an, letzteres sei wirklich geschehen und zahlten dementsprechend gern und pünktlich in unserem eigenen Interesse die Interessen dieses imaginären Kapitals. Machte 35000 Rubel alljährlich."" Lodz, 20. Oktober. (Privatmitth.) In unserer Correspondenz vom 2. d. M. ist u. A. erwähnt daß, in Charkow allein 67 Juden den orthodoxen Glauben angenommen haben. Wir entlehnten diese Mittheilung einer russ. Zeitung der „Nowoje Wremja". Wie wir aber jetzt aus dem „Hameliz" entnehmen, soll diese Nachricht eine Erdichtung der russ. Antisemiten sein; wir lassen hier in wörtlicher Uebersetzung die bezügliche Corresp. aus dem „Hameliz" folgen. „Als ich diese Nachricht, daß 64 jüdische Studenten zum Christenthum übergetreten sind, las, schrieb ich an den Rabbiner von der Regierung in Charkow und bat ihn um genaue Auskunft über diesen Vorfall. Nach kurzer Zeit erhielt ich die Antwort des Rabbiners, nämlich daß die ganze Geschichte eine unbegründete sei. Diesen Brief theilte ich der „Riga'schen Zeitung" mit und schon in nächster Nummer war dort die Wiederlegung jener Mittheilung zu lesen. Nach meiner Meinung sind die,,Vorsteher der Charkower Gemeinde wie auch der Rabbiner verpflichtet, eine solche Widerlegung der „Wol. Wiestnik" und „Nowoje Wremja" zugehen zu lassen." A—n. Odessa, im Oktober. In Odessa sind 100 jüdische Familien, welche aus dem Gouvernement Kiew ausgewiesen worden sind, angekommen, und weitere 100 Familien, welche seit 1882 in jener Provinz leben, haben den Ausweisungsbefehl erhalten. Es sind meist österreichische Staatsangehörige. Die Lage derselben ist eine um so traurigere, als die kalte Jahreszeit beginnt. Merkwürdigerweise scheinen die Ausweisungen aus Rußland meist um diese Zeit zu erfolgen. Daß auch hierin in Rußland ein Unterschied zwischen Christen und Juden gemacht wird, erweist folgende Mittheilung: „Die Regierung hat sämmtlichen in Warschau lebenden österreichisch-ungarischen Unterthanen christlicher Religion den Uebertritt in den russischen Staatsverband gestattet und bis jetzt haben von dieser Bewilligung 2304 österreichisch-ungarische Staatsbürger Gebrauch gemacht." Nordamerika. New-Uork, 15. Oktober. (Privatmitth.) Lassen Sie mich zuerst eine Notiz aus dem American Magazine mittheilen. Nach diesem Journal bezifferten sich die Juden in Amerika im Jahre 1845 bei einer Bevölkerung von 20 44*