Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1887)
- Date
- 1887-11-03
- Page
- Seite 694 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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694 Wandel geführt hat. Es schreibt vor, seinem bedürftigen Nebenmenschen das zu leisten, dessen er bedarf und zwar mit freudigem Herzen — Jedermann kennt die schönen Worte der h. Schrift darüber. Von einem Unterschiede weiß es nichts. Bei den bestimmten Vorschriften über das, was wir den Armen von unserem Erndteertrage und am Zehnten des dritten Jahres, wie auch an den Festmahlen zu überlassen haben, ist keine Spur von einer Unterscheidung. Wen hält der Mensch für mehr unwürdig, als seinen Feind, und doch schreibt die h. Schrift vor: „Hungert Dein Feind, so reicht ihm Speise, dürstet ihn, so lang' ihm Wasser zu." Nach der talmudischen Vorschrift und der jüdischen Sitte haben wir jeden Fremden, der es bedarf, an unseren Tisch zu nehmen oder ihm doch die nöthige Unterstützung zu gewähren, ohne daß wir ihn erst auf seinen bisherigen Lebenswandel zu prüfen hätten, was ja auch in den meisten Fällen unmöglich wäre. Dies Alles sind Grundsätze der echten Humanität, die uns gebietet, keinen Mitmenschen ganz fallen zu lassen oder dem Untergange zu überweisen — wissen wir doch nicht was in der Seele eines Menschen verborgen liegt und wie er sich auch moralisch wieder aufrichten könne! Und um was handelt es sich denn hierbei? Nicht um die bleibende Unterhaltung, sondern um eine durchschnittliche Unterstützung von 10 Dollars aus den Hilfesuchenden, wobei noch zu beobachten wäre, daß in Amerika im Verhältniß zur alten Welt das Geld nur die Hälfte des Werthes besitzt. Dies möge genügen und wir möchten nicht glauben, daß diese Grundsätze der Herren zu Chicago die in unserer amerikanischen Glaubensgenossenschaft herrschenden sind. Auch den Tadel, welchen jene über die Auswanderungs-Kommission in New-Iork ausspricht, daß sie die Ankömmlinge zum Theil nach anderen Gebieten und Städten befördert, muß man ablehnen, da es sicherlich unmöglich ist, die sämmtlichen Einwanderer an einem Orte zusammen zu halten, sondern ihre Vertheilung auf das ganze ungeheuere Land in jeder Beziehung geboten ist. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 21. October. Bei Oskar Seiner in Leipzig erscheint eine „Bolksthümliche Geschichte der Juden in drei Bänden von Dr. H. Graetz, Professor an der Universität zu Breslau". Das erste Heft „erste Periode, die uralte Zeit" und zwar „erstes Kapitel die Ansiedlung und Volkswerdung" (!!) enthaltend, liegt uns vor, und soll das ganze Werk 30 Hefte (zu vier Bogen gr. 8.) befassen. Dieses erste Heft enthält die Geschichte Israels von der Eroberung Kanaans bis in die Regierung David's hinein. Selbstverständlich können wir dieses neue Werk des verdienstvollen Geschichtschreibers erst beurtheilen, wenn wir die Bearbeitung einer größeren Periode in Händen haben. Bemerken wollen wir jedoch schon jetzt, daß die Sprache nicht sehr korrekt ist, und daß der Berf. auch hier seine Sucht nach Hypothesen, und diese als ganz gesichert hinzustellen, nicht verleugnen kann, obschon eine populäre Geschichtschreibung gerade hiervon sich fern halten muß. weil sie dem Zwecke und Raume nach die Beweisführung nicht geben kann. So giebt der Berf. z. B. an, daß das Schilfmeer nicht das rothe Meer, sondern der „Krokodilensee", der Sinai oder Horeb nicht in der sinaitischen Halbinsel, sondern in der Wüste Paran an der Südgrenze des h. Landes gewesen sei. Solche, allen gangbaren Ansichten widersprechenden Behauptungen, dürfen wohl in einer populären Schrift ohne irgend welche Beweise beizubringen, nicht aufgestellt werden. In der Schilderung des Landes und seiner Beschaffenheit, durch welche der Berf. gleich Anfangs den Charakter und den Verlauf der Geschichte des Volkes bestimmen läßt, vergißt er anzuführen, daß die Israeliten keinen Hafen besaßen, was für sie und die Gestaltung des Volkslebens von größter Bedeutung war, weil ihm dadurch Schifffahrt und Handel abgeschnitten war. Hiermit wollen wir jedoch den Werth einer solchen Arbeit nicht verringern, und erwarten die Fortsetzung. Der Verleger hat das Werk sehr angemessen ausgestattet. — Dagegen kündet Prof. Di-. Graetz an, daß die von ihm herausgegebene Monatsschrift mit dem Ende dieses Jahres zu erscheinen aufhören werde. Als Ursache giebt er den Mangel an Mitarbeitern an, was bei seinen so zahlreichen Schülern sehr auffällig ist und als ein testimonium xauxertatis angesehen werden müßte. Die Zeitschrift ist bekanntlich vom sel. Zacharias Frankel schon 1844 begründet worden, hatte mehrfache Unterbrechungen erlitten und wurde von Graetz fortgeführt. — Wir werden ersucht, folgende Notiz zu veröffentlichen: „Im Verlage von F. & P. Lehmann in Berlin erscheint in nächster Zeit ein interessantes Buch des ausgezeichneten Heineforschers Gustav Karpeles, betitelt: „Heinrich Heine und seine Zeitgenossen", in dem neue und sehr interessante Mittheilungen über die Beziehungen des Dichters zu seinen hervorragendsten Zeitgenossen zu Goethe, Grillparzer, Franz Liszt, H. Laube, L. Hildebrand, F. Hiller, Josef Lehmann, zu George Sand, Caroline Jvubert, der Mouche u. a. m., sowie viele bisher unbekannte und sehr werthvolle Briefe Heine's enthalten sein werden." — Das Heft Nr. 29 (Juli-September 1887) der Revue äe Rtuckes ckuives (Paris, Durlacher) enthält sehr interessante Aufsätze. Voran eine schöne Arbeit über die Disputation im Fahre 1263 zu Barcelona zwischen dem Predigermönch Pablo (Paulus Christiani) und Moses benNachmann, dem berühmten Exegeten und Vertheidiger