Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1887)
- Date
- 1887-11-03
- Page
- Seite 692 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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692 eine Rettung darin, daß er „ein Fest dem Ewigen" auf den folgenden Tag anordnete. Als Moses Ahron Vorwürfe machte, entgegnete dieser: „Laß Deinen Zorn nicht über mich entbrennen, Du kennst ja das Volk, daß es im Argen ist!" d. h. zu Streit, Hader und Widersetzlichkeit geneigt. Ahron, da er der Herrschaft über das Volk nicht mächtig war, wollte Spaltung und Kampf mit ihren blutigen Folgen vermeiden und gab dem Volke nach, in der Hoffnung, es wieder zurückführen zu können und auf die Rückkehr Moses' sich verlassend. Dies ist es, was Ahron zum Vorbilde für die Friedensliebe eignete. Er sah selbst über religiöse Verirrungen hinweg, um die Eintracht und den Frieden im Volke zu wahren; er war kein religiöser Zelot und sah in der Einigkeit des Volkes das Mittel, um es von seinem Abfall nach und nach zurückzubringen. Gerade dieser Umstand weist uns auf die Zeitverhältnisse, unter welchen dieser Ausspruch erfloß, hin. Hillel war es, der ihn that. Zu seiner Zeit gingen im jüdischen Volke die religiösen Ansichten sehr auseinander und bildeten Parteien, die sich schroff gegenüber standen. Von der einen Seite die strengen Anhänger an den buchstäblichen Sinn der h. Schrift, welche jede andere Erklärung und Ausdeutung verwarfen — die Sadduzäer. Von der anderen die Anhänger der traditionellen Auslegung, welche nach den veränderten Zeitverhältnissen die Satzungen des geschriebenen Wortes deuteten, aus ihnen specielle Bestimmungen zu folgern suchten, um das religiöse Leben zu fixiren — die Pharisäer. Aber selbst unter diesen letzteren war eine Spaltung hervorgetreten, nämlich zwischen der Schule des Hillel und der des Schamai, welche in fast allen Satzungen verschiedene Bestimmungen aufstellten. Dabei hatten jene großen Parteien einen politischen Charakter angenommen, welcher zu blutigen Conflikten zu führen drohte. Hierzu kam, daß der Römer das Land beherrschte und selbst den Bestand der Religion gefährdete. Was war unter solchen Umständen ein größeres Bedürfniß für das Volk als die Friedensliebe, als das Streben, die Parteien zu versöhnen und zu diesem höheren Zwecke selbst über die religiösen Verschiedenheiten in der Ausübung des Gesetzes hinwegzusehen, mit einem Worte, ein Schüler des Ahron zu sein und mit allen Mitteln dem Frieden nachzujagen. Daß dies zwischen den Hilleliten und Schamaiten gelang und in dem Worte seinen Ausdruck fand: diese und jene sind Worte des lebendigen Gottes, ist bekannt, weniger gelang dies zwischen den Sadduzäern und Pharisäern, deren Widerstreit erst durch den traurigen Ausgang des Römerkrieges endete. — Als die Quelle der Friedensliebe glebt unser Ausspruch „die Liebe zu den Menschen an." Wer die Menschen wahrhaft liebt, findet in seinem Herzen den Drang, mit ihnen in Frieden zu leben und durch alle Mittel diesen wiederherzustellen, wenn er gestört worden. Aber wie eine Warnung, hierin doch nicht zu weit zu gehen, schließt er mit den Worten „und nähere sie der Thora." Also von dieser darf man sich nicht selbst um des Friedens willen zu weit entfernen, sondern stets die Absicht hegen, die Menschen gerade durch seine Friedensbeflrebungen der Thora näher zu bringen, wie es Ahron suchte. Wir glauben hiermit einige hauptsächliche Grundzüge der Moral des Midrasch hervorgehoben und ihren Gang aus den Zeitverhältnissen erklärt zu haben. Daß von hier aus dieser höchst weitschichtige Gegenstand weiter verfolgt werde, ist unser Wunsch. Wohlthätige Werke. XIV. Aus Chicago All. Heute ist es uns weniger um den Bericht über eine Wohlthätigkeitsanstalt zu thun, als die sonderbaren Grundsätze zu bekämpfen, welche in dem betreffenden Berichte ausgesprochen werden. In Chicago besieht eine „Vereinigte jüdische Unterstützungsgesellschaft" (United Hebrew Belief Association of Chicago), welche jüngst ihren 28. Jahresbericht über das Jahr Oktober 1886 bis Oktober 1887 veröffentlicht hat, den wir in „the Occident" vom 7. Oktober lesen. Der Bericht ist von dem Exekutiv - Konnte an die Delegirten und Mitglieder gerichtet. Der zweite Abschnitt beginnt folgendermaßen: „Unsere wohlthätigen Vereine haben eine Ausdehnung und einen Charakter angenommen, welche die Aufmerksamkeit und die Beobachtung Jedermanns in unserer Gemeinde verdienen. Im vergangenen Jahr gingen 3152 Personen uns um Hilfe an und das Jahr vorher 3493. Von den ersteren waren 525, also mehr als ein Sechstel Fremde. Hilfe wird nur gewährt, nachdem sorgfältige Untersuchung durch unsren sehr erfahrenen und keine Mühe scheuenden Oberaufseher, Herrn Kiss, sowie durch besondere Komites, über den Charakter und die Bedürftigkeit vorgenommen worden: so daß von 3153 Personen, welche um Hilfe bei uns einkamen, nur 1070, ungefähr ein Drittel Werth befunden wurden, Unterstützung zu erhalten. Diese tausend Personen zu unterstützen kostete uns Dollars 10,856, und es wird sofort erkannt werden, daß, hätte jeder Bittsteller Unterstützung erhalten, eine Summe größer als Dollars 30,000 erforderlich gewesen wäre, um ihrem Bedürfniß zu genügen. Wir können annehmen, daß ohne die Dazwischenkunft unseres Vereins, jeder dieser Bittsteller Hilfe erhalten haben würde, denn sie würden Gegenstände der Privatwohlthätigkeit geworden sein; und in diesem Falle wäre die Summe von Dollars 20,000 für die Unterstützung unwürdiger Personen verschwendet worden. Unsere Gesellschaft sparte also der Gemeinde, — das ist