Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1887)
- Date
- 1887-11-03
- Page
- Seite 691 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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691 meine Väter mit euren Vätern gethan. Da sagten die Fische: du bist nicht das listigste unter den Thieren, sondern ein Narr; haben wir uns an dem Orte unseres Lebens zu fürchten, wie nicht um so mehr an dem Orte unseres Todes. Sind wir in Gefahr, da wir uns mit der Schrift beschäftigen, in welcher geschrieben steht: „Sie ist dein Leben und die Verlängerung deiner Tage," wie sollten wir es nicht noch mehr sein, wenn wir uns von ihr entfernen. Akiba wurde ins Gefängniß geworfen; kurze Zeit darauf ergriff man auch den Papus: wohl dir, Akiba! sagte er, der du wegen der Beschäftigung mit der Schrift ergriffen wurdest, wehe mir, dem Papus, der ergriffen wurde wegen verwerflicher Dinge, wegen Beschäftigung mit Eitlem und Weltlichem! — Es konnte dem Volke nicht klarer als durch diese Erzählung und die in ihr enthaltene Fabel gelehrt werden, daß jede Halbheit verwerflich ist, da sie doch nur die Gefahr nicht beseitigt, wohl aber all' den Lohn vernichtet, all' die Stärke, welche sowohl in der Ueberzeugungstreue enthalten ist, in dem Bewußtsein für ein höheres Gut zu leiden, als auch vor dem göttlichen Gerichte bestehen zu können. Akiba hatte ein schweres Martyrium zu ertragen, aber er ertrug es mit Freudigkeit und sein letztes Wort war: jetzt verstehe ich, was da heißet: liebe Gott „mit ganzer Seele". Papus dagegen empfand tiefe Reue uud das Bewußtsein der Schwäche, deren er sich schuldig gemacht. Die unerschütterliche Treue Akiba's erfüllte ihn mitten in seinen Schmerzen mit der freudigsten Siegesgewißheit; Papus fühlte zu seinen Leiden noch die Schmerzen der Schuldhaftigkeit und der Reue. Konnte man dem Volke in nachdrücklicherer Weise die Ueberzeugung einflößen, daß uur Entschiedenheit, nur ganze Hingebung an Lehre und Gesetz retten und aufrecht erhalten könne? Viele würden untergehen, aber noch mehr bestehen bleiben, wenn sie in der Treue gegen ihren Glauben nicht wankten. Man erinnere sich, daß mit demselben Rabbi Akiba die Ausgestaltung des Gesetzes erst recht ihren Anfang nahm und die talmudischen Satzungen ihre feste Gestalt bekamen. Diese waren aber dazu angethan, die Juden mitten unter den Völkern in religiöser Absonderung zu erhalten, was ihnen von der einen Seite die Feindseligkeit ihrer Umgebungen, von der anderen Seite den unerschütterten Bestand bewirkte. So lag hier ausgesprochen, was zum bleibenden Inhalt ihrer Geschichte seit jener Zeit wurde, was aber auch den sittlichen Charakter von da ab ausmachte: keine Gefahr zu scheuen und um der Religion willen jedes Martyrium zu übernehmen, das war die Losung, die aus dieser Fabel hervorging, die in ihr ausgesprochen ward. Diese beiden Midraschim sprechen sehr entschieden zwei religiös-sittliche Gedanken aus. Einerseits die göttliche Vergeltung, welche den Verbrecher, den Gewaltthätigen, und wäre er der größte Herrscher auf Erden, trifft, und die Ohnmacht. : des Menschen vor jener, welche sich zur Bestrafung der Schuli digen auch der geringfügigsten Mittel bedient, so daß der Schwache und Unterdrückte auch da auf den Sturz des frevel- . haften Mächtigen zu hoffen hat, wo durch irgend eine Uml Wälzung keine Aussicht dazu vorhanden ist. Andererseits die > Pflicht, in der Religion und in der Uebung des Gesetzes : nicht zu schwanken, der Treue in ihr keinen weltlichen Vor- - theil und Genuß vorzuziehen, und jedes Martyrium für; sie freudig zu übernehmen, da hierin das Heil der Seele ' liegt, während die weltlichen Vortheile vor dem Untergange . nicht schützen. Zu diesen entschiedenen Anschauungen des , Midrasch gesellt sich aber ein dritter Charakterzug, der sich i wie ein rother Faden durch den ganzen Talmud zieht, es ist i dies die Friedensliebe. Wir erinnern, daß in den aus der talmudischen Zeit herstammenden Gebeten immer wiederholt die Hauptstelle das Gebet um Frieden einnimmt; wir erinnern daran, daß häufig „uni des Friedens willen" sehr bestimmte Gesetzesvorschristen hinsichtlich Andersgläubiger aufgehoben oder doch erleichtert werden. Sehr prägnant wird aber diese Friedensliebe zu einem allgemeinen Pflichtgebot in dem Ausspruch (k. A. I, 12) erhoben: „Sei von den Schülern Ahrons, liebend den Frieden, nachjagend dem Frieden, liebend die Menschen und sie der Thora nähernd." Wir werden sehen, daß auch dieser Ausspruch unter den besonderen Zeitverhältnissen aus dem Bedürfniß entsprang, welches jene geschaffen hatten. Es ist nicht schwer, den Sinn der Worte „liebe den Frieden und jage dem Frieden nach" zu finden. „Liebe den Frieden" heißt, strebe durch Wort und That den Frieden mit allen, mit welchen du in Berührung kommst, zu erhalten, also unsererseits Alles zu vermeiden, was Zwietracht und Gehässigkeit Hervorrufen könnte. „Jage dem Frieden nach" — gebietet uns aber, uns anzustrengen, den Frieden wiederherzustellen, wo er gestört worden, also versöhnlich zu sein, und mehr noch — direct auf die Beseitigung der Streitigkeit, der strittigen Momente zu wirken, und zu diesem Zwecke möglichst Nachgiebigkeit, Neberredung, Ausgleichung zu üben. Schwieriger aber sind die Worte „sei von den Schülern Ahrons", aber zugleich enthalten sie einen sehr prägnanten Zug. Weßhalb, frägt es sich, sollen wir Ahron zum Vorbild wählen? Hier tritt uns aus dem Leben Ahron's nur ein Vorgang erklärend entgegen. Als das Volk Moses, der vierzig Tage auf der Spitze des Sinai verweilte, um die beiden steinernen Tafeln herabzuholen, nicht zurückkehren sah, ihn verunglückt wähnte und sich führerlos sah, verlangte es von Ahron ein Bild, das es als den Gott, der es aus Egypten geführt, verehren und als Führer anbeten könnte. Ahron zögerte und griff nach dem Auskunftsmittel, von dem Volke die goldenen Schmucksachen der Frauen, Söhne und Töchter zu fordern. Das Volk gab sie ihm, und er formte daraus das goldene Kalb. Aber auch jetzt suchte er noch 44*