Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1887)
- Date
- 1887-11-03
- Page
- Seite 690 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227708--44822-3267124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
690 nur zwei Jahre lang? Wir geben gern an, daß wir in diesem Augenblicke auf dieselbe durch einen Aufsatz des Herrn Israel Levy in der Revue des Etudes juives (Nr. 29, Juli bis September 1887) geführt worden'). Die Legende berichtet"): Titus drang mit dem Degen in der Hand in das Allerheiligste und stieß diesen in den Vorhang, entweihte auch den Altar auf schändlichste Weise. Aus dem Vorhänge floß Blut. Er schiffte sich ein und ein Sturm erhob sich. Da rief er aus: die Macht dieses Gottes besteht nur im Wasser, und durch das Wasser rächte er sich an dem Geschlechts der Sintfluth und an Pharaoh und dessen Heer; in seinem Hause konnte er mir nicht Stand halten, jetzt sucht er mich durch das Wasser zu tödten. Gott aber antwortete, durch das kleinste der Geschöpfe werde ich dich bestrafen. Der Sturm ging vorüber, Titus zog unter den Huldigungen des Volkes in Rom ein. Da aber kam eine Fliege, drang in seine Nase und durch dieselbe ins Gehirn; sie verzehrte dieses, daß sie so groß wurde wie ein Vogel von zwei Pfund. Nach seinem Tode öffnete man seinen Schädel und die Fliege kam in der beschriebenen Größe heraus^). — Welche Fülle von sittlichen Gedanken ist in diese fast kindlich erscheinende Legende gekleidet! Bor Allem die allerdings schon aus der Thora herausgewachsene Ueberzeugung, daß Gott alle Frevelthaten vor sein Gericht zieht und sie bestraft, und zwar schon im irdischen Leben, wenigstens die hervorstechendsten und bösartigsten Missethaten. Dann aber, daß keine menschliche Macht vor diesem göttlichen Strafgerichte zu schützen vermag, daß alle menschliche Macht vor dem Willen und der Allmacht Gottes völlig nichtig ist, und endlich, daß Gott zur Vollstreckung seines Strafgerichts sich der kleinsten, verachtetsten Mittel bedient, wodurch die Ohnmacht des Menschen vor Ihm um so sichtlicher wird. Denn die Absichten Gottes bei seinem Strafgexicht gehen stets dahin, die Menschen zugleich zu belehren und zu bessern. — Um diese Lehren so recht einleuchtend zu machen, durfte Titus nicht bloß als Feldherr die Zerstörung Jerusalems leiten, sondern sich noch persönlich frevelhafter Blasphemien schuldig machen. Der Sturm auf dem Meere dient zum Hintergründe, um das geringfügige Mittel, dessen sich Gott zur Bestrafung des Bösewichtes bedient, recht deutlich hervorzuheben. Die verachtete Fliege und ihre Wirkung auf das Gehirn, unsägliche Schmerzen 1) P. 62—68. Nach der Tendenz dieser Revue werden die Gegenstände nur nach ihrem thatfächlichen und historischen Inhalte besprochen, dagegen jede Reflexion und theoretische Behandlung ausgeschlossen. 2) Bereschitli Raba X, Talmud Bab. Gittin 56, 2. 3) Im Islam wurde diese Legende, da ihm Titus sehr gleichgültig war, aus Nimrod übertragen (Chronik Von Tobari, übers. Zotenberg, Bd. I, S. 148). Darmesteter wollte die Legende (Journal asiatique 1885, Bo. V, S. 222) im Chinesischen wiedersinden und sie hieraus in den Midrasch übergehen lassen. Der Aussatz des Herrn I. Levy widerlegt dies. und endlich den Tod verursachend, eine Fliege, vor welcher sich der unbeschränkte Beherrscher eines großen Theiles des Erdballes nicht zu schützen und zu retten vermag, welch' ein Beweis für die Ohnmacht des Menschen und die Allmacht Gottes! — Erwägen wir nun die überaus traurige Lage der Juden in der folgenden Epoche, ihre Schutz- und Wehrlosigkeit, wie sie dem Druck und der Verfolgung jedes Gewaltthätigen ausgesetzt waren und unterlagen; so wird man begreifen, wie sehr die oben angeführten, in dieser einfachen Legende nachdrucksvoll ausgeprägten Lehren dem Volke ein Bedürfniß waren und ihm in unübersehbarem Maße zum Tröste, zur Aufrichtung, zur Stärkung im Ertragen der Leiden dienten. Bei dem Volke gehen abstracte Lehren, ihre Discussion und Folgerungen, selbst wenn es sie versteht, leicht vorüber; dagegen wirken Legenden und Fabeln, wenn sie glücklich gewählt und gestaltet sind, auf seinen Geist aufs Nachdrücklichste, verbleiben nicht allein im Gedächtniß, sondern üben einen stetigen Einfluß aus. Da kommt es darauf an, daß sie ihre Ideen in recht faßlicher, die Phantasie beschäftigender Weise zum Ausdruck bringen, und dazu sich vor gewissen Uebertreibungen nicht scheuen. Auf die geschichtliche Wahrheit oder auf die physikalische Möglichkeit wird kein Gewicht gelegt: die Gläubigkeit des Volkes hilft hierüber weg. Wir erinnern uns noch recht lebhaft, welchen Eindruck diese Legende auf die Knabenseele machte, wie sie uns befriedigte und uns gegen die Unbille, die man von gewisser Seite noch immer zu leiden hatte, stählte. War doch die Regierung jenes Titus so kurz, und schnell verschwand er aus der Reihe der Lebendigen; der trübseligen Vergewaltigung der Juden durch ihn konnte er sich nicht lange erfreuen. Dies war Stoff für das Nachdenken frommer Gemüther genug. — Führen wir noch ein anderes Beispiel aus noch besondereren Verhältnissen an, und wählen hierzu die bekannte Fabel des R. Akiba'). Es war nach der blutigen Unterdrückung des Aufstandes des Bar Cochba; nicht bloß gegen die Juden, sondern besonders gegen das Judeüihum waren die Decrete der Regierung gerichtet. Diese, so berichtet die Erzählung im Talmud, verbot bei Todesstrafe die Beschäftigung mit der h. Schrift. R. Akiba richtete sich nicht darnach, sondern hielt auch ferner in zahlreichen Versammlungen seine Vorträge über die h. Schrift. Da kam Papus zu ihm und sagte: Akiba! fürchtest du dich-nicht vor der Regierung? Akiba antwortete ihm: ein Fuchs ging am Ufer des Flusses und sah Fische, die sich von einem Orte zum anderen vor den Netzen flüchteten, welche die Menschen ausgebreitet hatten. Da sagte der Fuchs zu ihnen: kommt doch aufs Trockene, da seid ihr sicher und wir wollen zusammen wohnen, wie i) Berach. 61, 2.