Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1887)
- Date
- 1887-11-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227708--44821-3267123- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Allgemeine Zeitung des Iudmthums. Ein unMtciWcs Organ für alles WWc Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. GZepeöition: Leipzig, Woßptcrh 17. In redaetionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 3. November 1887. Nr. 44. luKsU. Leitende Artikel: Zur Moral des Midrasch. — Wohlthätige Werke. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Coburg, Fürth, Danzig. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Frankreich: Paris. — Holland: Amsterdam. — Rußland: Moskau, Lodz, Odessa. — Nordamerika: New-Iork. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Der deutsche Verein zur Erforschung Palästinas. Von Prälat a. D. Dr. v. Klaiber in Stuttgart. — Berichtigungen. S'Cl'fcc'Vl&G' Bonn, den 30. October. Zur Moral des Midrasch. In keinem Religionswesen bleiben der ethische Geist und die ethischen Anschaungen in seiner ganzen Zeitfolge dieselben. In jeder größeren Epoche, wenn jene auch stets aus dem Boden der Vergangenheit erwachsen, stets dieselben Grundzüge sich in ihnen ausprägen, gestalten und entwickeln sich im Einzelnen die sittlichen Lehren und Vorschriften anders, und zwar gerade da am meisten, wo die Moral auf das Thun und Lassen der Menschen Einfluß üben soll, wo sie den Hebel zu einem entscheidenden Einfluß anzusetzen hat. Und hierbei läßt sich noch bei genauer Prüfung die Beobachtung machen, daß die besondere Richtung, welche die Morallehre einer Zeit nimmt, aus den zeitlichen Bedürfnissender Seele, der Volksseele, entspringt. Der Weise, der Lehrer, der Prediger,' wenn er vor das Volk zum Reden tritt, sei es schriftlich oder mündlich, legt sich bewußt oder unbewußt die Frage vor: was mußt du sagen, um die Herzen der Hörer oder Leser so recht zu trösten, aufzurichten, zu stärken und zu bessern? welche Saite mußt du anklingen lassen, daß sie in ihren Herzen wiederhalle und nachtöne? Er wird das Rechte finden, wenn er die Lage jener kennt, weiß, was sie drückt, versteht, wo sie der Leuchte und des Stabes am meisten bedürfen. Haben wir nun diese Lehren, Vorschriften, Reden zu untersuchen und ihren Geist möglichst zu erfassen, so wird uns eben daraus hervorgehen, worin das seelische Bedürfniß der Zeit bestand und sich hier nun abspiegelt. Hierbei wird es unerläßlich sein, die geschichtlichen Verhältnisse der betr. Epoche ins Auge zu fassen, aus welchen eben wiederum die ethischen Bedürfnisse des Volkes flössen. Wer z. B. könnte die moralischen Anschauungen und Lehren der Propheten recht verstehen, ohne die geschichtlichen und socialen Verhältnisse ihrer Leit, der Fürsten und des Volkes, zu denen sie sprachen, zu kennen und sorgfältig zu beachten? Gerade also für die Moral des Judenthums ist wissenschaftlich eine bloß schematische Sittenlehre höchst ungenügend; eine solche Darstellung ist nur eine Abstraktion nach dem Geiste unserer Zeit, nicht aber die wirkliche Ethik des geschichtlichen Judenthums. Wenn wir heute einen Beitrag zur Ethik des Midrasch zu geben gedenken, möchten wir die Bemerkung vorausschicken, daß wir jene nicht sowohl aus den Sentenzen über allgemeine sittliche Gegenstände, über Tugenden und Laster zu ziehen vermögen, in welchen die Lehrer jeder Zeit ihren Vorgängern zu folgen pflegen, sondern daß wir die sittlichen Anschauungen der Weisen des Midrasch vielmehr aus ihren Auslassungen unter prägnanten Umständen, in scharf hervortretenden Situationen zu erfahren vermögen. Hierzu wollen wir einige Beispiele anführen und zwar aus Legenden, die auch in der jüdischen Masse seit alter Zeit bekannt sind, weshalb man sie um so leichter verstehen wird. Wer kennt nicht die Legende über den Tod des Titus Vespasianus, der als Kaisersohn Jerusalem und den Tempel zerstörte und später als Imperator das römische Reich beherrschte, jedoch 44