Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1887)
- Date
- 1887-10-27
- Page
- Seite 680 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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680 nißtag der Zerstörung Jerusalems feiert" — allerdings nicht als Trauerlag, sondern als einen Beweis des göttlichen Gerichtes über Israel, weil dieses den Glauben an die Gottheit Jesu, an den „fleischgewordenen Gott" verwarf. Diese „Blindheit" des Volkes ist dem Redner das „Schrecklichste" in diesem weltgeschichtlichen Ereigniß. Der Redner verurtheilt die fanatischen Verfolgungen, welche die Juden von den Christen anderthalb Jahrtausende hindurch zu erdulden hatten, aber er billigt auch nicht die unbedingte Emancipation der Juden, in welcher er nur eine Uebertreibung, das an jenen wieder gut zu machen, was diese an ihnen Böses gethan, er will also nur eine bedingte Gleichstellung, ohne zu sagen, worin diese bestehen solle. Er geht über diese Verlegenheit hinweg, denn man könnte ihn doch fragen: sollen die Juden ihre politischen Rechte, etwa das active und passive Wahlrecht wieder verlieren? Sollen sie von den staatlichen und städtischen Aemtern ausgeschlossen werden? Soll ihnen die Freizügigkeit genommen, sollen ihnen gewerbliche Beschränkungen wieder aufgelegt werden? Ueber aW diese Fragen schlüpft er stillschweigend hinweg. Wir können ihm dies Nachsehen, aber seine Zuhörer werden diese Fragen stellen, da sie von dem Titel der Predigt, wie er ihn im Verlaufe derselben selbst formulirt, dazu berechtigt werden. Er beantwortet seine Frage damit, daß die Christenheit „1) den Ernst des göttlichen Gerichtes über dies Volk voll und ganz anzuerkennen, aber 2) an den Gnadenrath Gottes auch über dieses Volk hoffend zu glauben und 3) mitzuarbeiten habe, daß das rechte geistliche Israel aus allen Völkern je mehr gesammelt werde." Das Gericht Gottes erkennt er in dem Schlußsatz-, „das Volk ist heute noch zerstreut unter allen Völkern, hat keinen Tempel, kann Gott nicht verehren nach dem Gesetz, nach der Weise seiner Väter." Schon hier ist es, wo die christlich-theologische und die jüdische Anschauung völlig auseinander gehen. Ja, auch wir erkennen das göttliche Gericht an, das wir mit den Propheten in allen geschichtlichen Vorgängen finden; wir beten an jedem Mussaph: „Wegen unserer Sünden sind wir aus unserem Lande verbannt, von unserem Boden entfernt." Aber wir maßen uns nicht an, die göttliche Gerechtigkeit auf irgend einen besonderen Act, hier einen, doch noch bestrittenen Act des religiösen Fanatismus zu specialisiren. Würde doch z. B. von den jetzt bestehenden Völkern keines mehr existiren, wenn die göttliche Gerechtigkeit wegen des von ihrem religiösen Fanatismus vergossenen Blutes sie treffen sollte. Im Gegentheil glauben wir durch die Ueberzeugungssestigkeit, mit welcher wir trotz aller Bedrückung und Verfolgungen der mosaischen und prophetischen Lehre treu geblieben, unsere Erhaltung unter dem Schutze der göttlichen Gnade verdient und erwirkt zu haben. Und hierzu hat die Zerstreuung unseres Stammes das zweckmäßigste Mittel gegeben, wie dies schon längst erkannt und z. B. von Isaak Abarbanel in seinem Bibelcommentar ausgesprochen worden. Auch meinen wir nicht, daß, wenn Jesus eine größere Anzahl Anhänger unter den Juden gefunden hätte, dadurch der Conflict mit Rom und dessen Ausgang verhindert worden wäre. Noch weniger hätte das kleine Völkchen der Sturmfluth der rohen Horden und Völker, die später bis in das Herz Europas eindrangen, widerstehen können. Konnten doch selbst die Christen, die Fürsten und Helden des Abendlandes Jerusalem und die christlich-heiligen Stätten daselbst gegen die Araber, Sarazenen und Türken nicht retten. Was nun den Tempel betrifft, so besitzen wir eine Verheißung, die älter ist als der Tempel Salomo's, der zweite und der des Herodes, zu lesen 2 Mos. 20, 24: „ An jeglichem Orte, wo ich meines Namens gedenken lasse, da werde ich zu dir kommen und dich segnen". Auch haben unsere Weisen nach der Zerstörung des Tempels erklärt, daß das Gebet die Stelle des Opfers vertrete, ja daß ein andächtiges Gebet höher stehe als Opfer, worin sie mit den Propheten, schon mit dem Propheten und Richter Samuel völlig in Uebereiustimmung sind. Wir sind also des göttlichen Segens sicher, an welchem Orte wir den Einig-Einzigen aufrichtig anbeten. — In dem zweiten Theile seiner Predigt sieht der Herr Oberconsistorialrath den „Gnadenrath Gottes" in der dereinstigen Bekehrung aller Juden zu den Dogmen der christlichen Kirche. Auch hier hat also der Redner nur wiederholt, was schon unzählige Mal gesagt worden. Bemerkenswert!) ist sein Zugeständniß (S. 456), daß „zwischen einem aufgeklärten Christen und einem aufgeklärten Juden wenig Unterschied sei." Der tiefere Sinn dieser Worte braucht nicht auseinander gesetzt zn werden. Wenn Herr Dr. Anacker im dritten Theile es als die Aufgabe der Christen erklärt, an der Bekehrung der Juden „mitzuarbeiten", so ist er hier aufrichtig genug, Folgendes zu äußern: „Wisset ihr aber, was unsere Pflicht ist, damit wir, soviel an uns ist, diese Zeit herbeisühren helfen? Dies ist's, daß wir nicht länger die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten. Wenn sich die Christenheit nicht erweist als das Israel nach dem Geist, so kann das Israel nach dem Fleisch nicht die Geistesmacht des Evangeliums erkennen. So lange Christen ihren Christenglauben vor den Fremdlingen in ihrem Lande schmähen, verhöhnen und mit Spott übergießen lassen in Schrift und Wort und wohl noch Beifall spenden dem Witz, welchem nichts heilig ist, so lange können die Juden, die unter uns leben, nicht den Eindruck haben, daß unser Glaube uns heilig und werth ist, sie müssen denken, wir selbst geben ihn auf, wie sollen sie zu einer verlorenen Sache sich bekehren! Und wo Christen ihren eigenen Glauben schänden durch heidnisches Leben und die gräulichsten Sünden, wie sollen die Juden einen Eindruck von der seligmachenden