Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-10-27 · Heft 43 (27.10.1887) · p. Seite 676

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 43 (27.10.1887)
Date
1887-10-27
Page
Seite 676 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227707--44807-3267108
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

676 als es bis jetzt-geschehen, dem Handwerk zuzuführen, jedoch 'dahin zu wirken, daß diese jungen Leute ihr Handwerk gründlich und in einem Maße erlernen, das über den gewöhnlichen russischen Handwerker hinausgeht. Die Anlegung von Handwerksschulen, wie eine solche nach unsrer Correspondenz aus Lodz daselbst bereits hergestellt wird, wäre durchaus zu empfehlen, und hierfür würde Baron Hirsch in freigebiger Weise sorgen. Einen anderen Weg zur Abhilfe und zur allmäligen Besserung der Lage wissen wir nicht. Aber im Verzüge ist Gefahr, und man komme deshalb vom Wort zur That. Nachschrift. Nach eben empfangener Correspondenz aus Lodz ist die Nachricht, daß in Charkow 64 jüdische Studenten zur orth. Kirche übergetreten, eine Erftndung. der antisemitischen „Now. Wremje." Wien, im Oktober 1887. Die Juden in Prag unter der Kaiserin Maria Theresia nach deren Wiederaufnahme im Jahre 1748. ') Von G. Wolf. Vergleicht man die Behandlung, welche die Kaiserin Maria Theresia den Juden in Prag nach dem Erbfolgekriege -und später während des siebenjährigen Krieges angedeihen ließ; so findet man, daß sie später gerechter als früher gegen sie war, manchmal sogar wohlwollend. Aber man mißverstehe uns nicht. Die Kaiserin Maria Theresia war durch und durch katholisch, wenn es auch Zeiten gab, in welchen sie in Zwiespalt mit dem Pabste lebte, und war eine entschiedene Gegnerin aller anderen Religionen, außer der katholischen, die sie eben als die alleinseligmachende betrachtete. Sie war sogar den Protestanten weit gehässiger als den Juden, weil sie von jenen Proselytenmacherei fürchtete. Die Verhältnisse der Protestanten in Oesterreich waren unter der Kaiserin Maria Theresia bei weitem schlechter als unter ihrem Vater Kaiser Karl VI. und dieser war auch kein Freund der Protestanten. Von Toleranz wollte sie nichts hören und liegen diesbezüglich Briefe an ihren Sohn Kaiser Joseph II. vor (abgedruckt von ihrem Biographen Alfred Ritter v. Arneth), in welchen sie sich gegen die Toleranz als unverträglich mit der positiven Religion ausspricht. Nichtsdestoweniger ist im Laufe der Zeit eine Sinnesänderung bei ihr eingetreten und wurde sie gegen die Juden milder. Bevor wir die Beweise erbringen, müssen wir auf die Vertreibung der Juden aus Böhmen 1744 und deren Widerkehr 1748, die wir in unserer Schrift unter diesem Titel im i) Im Frühjahr, so Gott will, erscheint von mir: „Aus der Zeit der Kaiserin Maria Theresia." Der vorstehende Artikel ist dem Capitel: „Juden und Protestanten" entnommen. Er soll einen lange Zeit vorgebrachten Borwurf zum Schweigen bringen td' nEr.m. Corr. Jahrbuche für die Geschichte der Juden und des Judenthums IV. Band geschildert, zurückkommen. Wir haben daselbst den negativen Beweis geführt, daß die Juden während des Erbfolgekrieges keinen Landesverrath geübt Habens und haben ferner unwiderleglich nachgewiesen, daß die Wiederkehr der Juden nicht durch die Intervention fremder Mächte herbeigeführt wurde, sondern die Stände Böhmens, die Stadt Prag, die Handwerker und die Bürger petitionirten darum und erklärten, falls man die Juden nicht wieder aufnehmen würde so werden sie nicht in der Lage sein, die Steuern zu zahlen. Die Resolution der Kaiserin, eigenhändig v. 14. Juli 1748, beginnt daher mit den Worten: „pur allein weillen so inständigst die länder es Verlangen". Wir werden nun den positiven Beweis erbringen, daß die Juden während des Erbfolgekrieges keinen Landesverrath geübt haben und gehen daran, einige Momente aus der späteren Zeit hervorzuheben um die aufgestellte These zu rechtfertigen. In Folge des Krieges und von Feuersbrünsten war ein großer Theil der Judenstadt zerstört. Mittelst Rescriptes vom 4. Januar 1755 gestattete die Kaiserin, dieselbe wieder aufzubauen, jedoch sollten die Gassen aus sanitären Gründen erweitert werden und Neubauten möglichst abgesondert von den Christenhäusern sein. Da hie§ und da der alte Judenhaß wieder zum Durchbruche kam und man die Juden in ihren Rechten kränken wollte, erließ die Kaiserin am 16. Octb. 1755 ein Rescript, die Juden in ihren Privilegien zu schützen, und gewährte ihnen wie früher, Urtheile in erster Instanz in Civilsachen (in Streitigkeiten zwischen Juden und Juden) zu fällen. Kurz vor dem Ausbruche des siebenjährigen Krieges, am 1. Februar 1756, überreichte der bekannte Censor jüdischer Bücher in Prag Heinrich Haselbauer societatis Jesu eine Anklageschrift gegen das jüdische Schriftthum. Er schreibt: 1. Juden dürfen nicht verlorenes Gut wieder zurückgeben und zwar nach Maimonides 4. Theil 35 a. 2. Ein Jude darf falsch schwören. Belegstellen: Maimonides Jad 3. Theil 3, R. Akiba Nedarim 27 b, Jore Deah 276, b. 3. Ein Jude darf Christen berauben aber keinen Juden verrathen. Beweisstellen: Synhedrin 57 a, Baba Mezia 61 a Baba Kama 113 6, Rabnu Bachja 51a-). 1) In der angeführten Schrift citirten wir auch eine Vorstellung der böhmischen Statthalterei vom 5. April 1746, in welcher es heißt: „Falls der eine oder andere Jude geirrt und seine Pflicht vergessen hätte, so dürfe man deßhalb nicht tausende unschuldige Seelen leiden lassen und Lausende Juden haben das Unrecht, wenn es begangen wurde, büßen müssen. Der Ausspruch eines Weisen lautet: ,',Wenn ein Vater das Kind genug gezüchtigt hat, so wirft er die Ruthe ins Heu". Ueberdies habe die Kaiserin vielen Hunderten, die das Leben in Folge des begangenen Verrathes verwirkt haben, aus angeborener Clemenz die Strafe erlassen, ihnen verziehen und dieselben wieder größtenteils mit dem allerhöchsten Gnadenglanz bestrahlt. Cvrr. 2) Wir citiren diese Anklagen, halten es jedoch jür übe.flüssig, dieselben zu widerlegen. Corr.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.