Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1887)
- Date
- 1887-10-27
- Page
- Seite 675 (sequence 3)
- Language
- German
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675 ihres Familienlebens und, so lange ihr Vermögen mäßig ist, ihre Sparsamkeit und Mäßigkeit. Dagegen reich geworden, gefallen sie sich im. Luxus und prahlen mit ihren hohen Bekanntschaften." Weiterhin hebt er hervor, daß sich die Juden in Berlin — entgegen denen in Wien — vom Journalismus zurückgezogen haben. Sie sind durch jene Unpopularität weiser geworden, halten sich zurück und vermeiden es, von sich sprechen zu machen. Ihren eigentlichen Gegner haben sie in der conservativen Partei. Da sie von dieser Seite Angriffe zu fürchten hatten, veröffentlichten zwei israelitische Professoren der Universität ein Manifest, in welchem sie ihre Glaubensgenossen aufforderten, selbst für die Conservativen zu stimmen. „Der Appell sollte ohne Widerhall bleiben, aber das Manifest konnte doch als Blitzableiter dienen." Ein jüdischer Banquier lieferte auch eine bedeutende Summe in die conservative Kasse, um die ärgsten Schreier für den Augenblick stumm zu machen. Der Verfasser spricht es als seine Ansicht aus, daß, wenn auch die antisemitische Ligua an Boden gewönne, es jedoch „bei der Unmöglichkeit eine legislative Maßregel zu erfinden, welche, ohne sich mit einem durchaus gehässigen Charakter zu bekleiden", die Juden beschränken und in ihrem gesetzmäßigen Streben behindern könnte, zweifellos sei, daß sie nach einigen vielleicht schmerzlichen Niederlagen, aus dieser harten Prüfung als Sieger hervorgehen werden." Die Juden, sagt er zum Schluffe, erwarten dies, und er findet den Beweis in dem Andrang der jüdischen Jugend zu den höheren Lehranstalten. Er führt hier die bekannten statistischen Angaben über den Besuch jener höheren Lehranstalten seitens der Juden im Berhältniß zu der anderen Bevölkerung an, und hebt hervor, daß dieses Berhältniß in den Realgymnasien viel geringer als in den klassischen Gymnasien ist. Gewiß kennen sie die Hindernisse, welche ihnen in den liberalen Carrieren und besonders in den staatlichen Laufbahnen entgegenstehen. Sie müssen also darauf rechnen, daß in einiger Zeit diese Hindernisse sich mindern oder gar verschwinden werden. Er schließt: „Zwei Nationen haben sich in der Gechichte durch ihren Glauben an die Zukunft ausgezeichnet: Rom und Israel. Dieser Glaube hat Rom während Jahrhunderte die Herrschaft über die Welt verliehen und hat Israel aufrecht erhalten durch hundert Katastrophen, die es vernichten sollten. Bei den Juden von Berlin scheint der Glaube an die Zukunft lebhafter als je zu sein." Die Lage der Jaden in Rußland. Das JudenLhum hat jetzt abermals in Rußland eine schwere Krise zu bestehen. Die erste fand unter dem Kaiser Nikolaus statt, da, besonders durch das für die Juden äußerst drückende Rekrutirungsgesetz große Anzahlen jüdischer Kinder ihren Eltern entrissen wurden, zumeist auf Nimmerwiedersehen. Der großherzige Alexander II. machte dem ein Ende, indem er jede besondere Maßnahme für die Juden betreffs der Rekrutirung aufhob. Er war es auch, welcher den Juden die Staatsämter (selbstverständlich die subalternen) eröffnete. Dies bewirkte, daß die jüdische Jugend in numerisch unverhältnißmäßiger Menge zu den Gymnasien und Universitäten strömte. Der Bildungstrieb, der Ehrgeiz mit der Aussicht auf eine Carriere waren geweckt, und diese beiden Triebfedern erklären jenen starken Zufluß genügend. Bom humanen Standpunkte aus war dies eine günstige Erscheinung, vom specifisch jüdischen zeigt es sich jetzt von traurigen Folgen begleitet. In jüngster Zeit veränderte die Regierung ihre Ansichten über die Universitätsstudien. Sie dekretirte, daß nur die Söhne gebildeter und bemittelter Ellern zu den Universitäten zugelassen werden sollten. Noch mehr wandte sie sich gegen die Zulassung jüdischer Jünglinge, und schloß diese bis auf ein Minimum aus, bestimmte aber, daß alle, die zur orthodoxen Kirche überträten, unbedingt zugelassen werden sollten. Bei diesen ist die Frage nach dem Stande der Eltern ausgeschlossen. Viele Hunderte jüdischer Jünglinge sind dadurch in eine verzweifelte Lage versetzt. Sie haben die Gymnasiallaufbahn beendet und stehen nun rath- und hilflos da. Es ist deshalb erklärlich, daß eine Zahl derselben dem Rufe nach der orthodoxen Kirche folgte, und man kann nicht absehen, wie viele dieser jüdischen Jünglinge Widerstandskraft und Existenzmittel genug besitzen, um diesen Ausweg nicht einzuschlagen. Man kann es deshalb jetzt als ein Unglück ansehen, daß eine so große Zahl der Verlockung nach der höheren Bildung und nach den sog. liberalen Berufen folgte und die Gelegenheit dazu hatte. Verschärft wird diese verzweifelte Lage noch dadurch, daß alle bisher im Staats- und Eisenbahndienste angestellten und in Bureaus beschäftigten Juden unbedingt entlassen wurden. Dagegen ist gegenwärtig auch der Eintritt jüdischer Knaben in die Gymnasien äußerst erschwert. Unter diesen trübseligen Verhältnissen frägt man, und diese Frage ist von Polen aus auch an uns gerichtet worden: welche Mittel und Rathschläge vorhanden wären und gegeben werden könnten? Wir wüßten nur Folgendes. Für die Jünglinge, welchen auf diese Weise jede Hoffnung auf weiteres Fortkommen genommen ist, wissen wir nichts als die Auswanderung. Wenn es wahr ist, daß Baron Hirsch eine außerordentlich große Summe für wohlthätige Zwecke bestimmt hat, so könnte ein Theil derselben nicht besser verwendet werden, als solchen Jünglingen die Auswanderung und die Fortsetzung ihrer Studien zu ermöglichen. Weiterhin aber kann unsren russischen Glaubensgenossen nur gerathen werden, ihre Kinder noch mehr, 43*