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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-10-27 · Heft 43 (27.10.1887) · p. Seite 674

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 43 (27.10.1887)
Date
1887-10-27
Page
Seite 674 (sequence 2)
Language
German
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674 schüft ein Gegenstand der Achtung, welche bis zur frommen Ehrerbietung ging. Einige Jahre später zog die jüdische Welt die ausgezeichnetsten Männer zu sich heran, die beiden Schlegel, die beiden Humboldt, den Diplomaten Gentz, den Romandichter Tieck, den Prediger Schleiermacher. Eine der Töchter Mendelssohn's ließ sich scheiden und heirathete Friedrich Schlegel. Der Edelmann und Schriftsteller Varnhagen von Ense war sehr stolz darauf, die Hand der liebenswürdigen und geistvollen Rachel zu gewinnen, nachdem sie ihre Jugend und ihre Illusionen verloren hatte. Am Tage vor der Schlacht von Jena ließ die schöne Königin Louise, nachdem sie Madame Herz, eine andere Königin der Schönheit, welche sie von Sehen kannte, auf der Straße bemerkt hatte, ihre Equipage halten und richtete einige schmeichelhafte Worte an sie. Unter der Regierung Friedrich Wilhelm III., des Vaters des Kaisers, fing es an, daß die Juden nicht gern gesehen wurden; hingegen genossen die getauften Juden eine besondere Beachtung. Der König verehrte den Professor der protestantischen Theologie Neander, der diesen griechischen Namen (neuer Mensch) angenommen hatte, als er seine Religion wechselte, und er berief den Juristen Stahl, ebenfalls einen Proselyten, ins Herrenhaus; dieser hatte ein philosophisches System aufgestellt, welches die gothischen Ideen seines Herrschers über den Staat und die Gesellschaft unterstützte. Der Antisemitismus datirt seit der jetzigen Regierung. Aber man würde sich sehr täuschen, glaube ich, wenn man den Kaiser oder den Kanzler dafür verantwortlich machte. Der Kaiser ist im Ganzen ein betreffs dieser Art Fragen ziemlich toleranter Geist, und was den Kanzler betrifft, so darf man nicht vergessen, daß dieser Mann, wenn er, wie alle deutsche Adeligen, von seiner Kindheit an daran gewöhnt war, in dem Juden ein Wesen zu sehen, das man ausbeutet, ohne daß es wagt, sich zu beklagen, er doch Herr seiner Vorurtheile und seiner Empfindungen ist. Wenn die Israeliten ihn hindern, so stößt er sie von sich; wenn er sich ihrer bedienen will, so begünstigt er sie. Nein, nicht die Machthaber haben den Antisemitismus hervorgerufen; er ist von selbst entstanden." „In Frankreich verlief eine sehr lange Periode zwischen der Emanzipation der Juden, welche seit der Revolution datirt, und ihren großen Fortschritten in der Geschäftswelt. Wenn man das Haus Rothschild ausuimmt, so zogen erst unter dem zweiten Kaiserreich und noch mehr unter der gegenwärtigen Republik diese Fortschritte, welche riesenhaft (?) geworden , so lebhaft die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. In diesem Zwischenräume hatten wir Zeit gehabt, unsere Vorurtheile zu bekämpfen und uns daran zu gewöhnen, die Israeliten als Mitbürger zu betrachten. Die Emanzipation hat sich in Deutschland viel jüngeren Datums vollzogen. Als kurz darauf die ungeheure Entwickelung des öffentlichen Vermögens eintrat, waren die Juden noch die PariaS vom Tage vorher, und man war gleichzeitig erstaunt und empört zu sehen, wie sie in vielen Verhältnissen die Christen überflügelten. Bon Alters her kannte man sie als guK Banquiers und man hatte seinen Nutzen daraus gezogen; aber nun bemächtigten sie sich aller Handelszweige und mit Erfolg. Diese Concurrenz ärgert. Man kann es ihnen nicht verzeihen, daß sie Immobilien erwerben, daß sie sich zu Besitzern von Grundstücken machen, daß sie die Speculation in den Verkauf der! Ländereien einführen. Es scheint, daß wenigstens der Erdboden, der geheiligte Erdboden für die alte christliche Bevölkerung, die ihn ehemals von den Heiden eroberte, bewahrt bleiben sollte. Der Jude kann unter uns leben, zugegeben! aber er soll als Nomade leben. Wenn dieser ewig Umherirrende darauf verzichtet, von Volk zu Volk zu wandern, wenn er sich im Lande niederläßt, wenn er sich an die Scholle bindet, wenn er dort baut, wahrlich, damit wird die Weltordnung umgestoßen." „Die Unbeliebtheit der Juden in Deutschland hat noch eine andere Ursache als diese niedere Eifersucht, die auf der Racenabneigung und dem Religionshaß basirt." „Jede Nation schreibt sich eine besondere eigenthümliche Tugend zu. Wenn man ihr auch nicht aufs Wort glauben kann, so kann man nichtsdestoweniger sicher sein, daß diese Tugend für sie eine ganz besondere Bedeutung hat." Hierauf setzt der Verfasser weitläufig auseinander, wie der Engländer „die Pflicht", der Franzose „die Ehre" und der Deutsche „die Ehrlichkeit" als nationale Eigenschaft beansprucht, dabei betrachte der Letztere jeden Handel, bei welchem es sich nicht um eine vorhandene Waare dreht, den ganzen Zwischenhandel, besonders Agentur, Makelei und Zeitkäufe, obschon er ihrer nicht entbehren kann, als Ausbeutung und Schwindel. Er bringt hierbei Beobachtungen aus dem Elsaß heran, wo man auf den Märkten des Juden als Zwischenhändlers und Maklers gar nicht entbehren könne, dennoch aber ihm seinen Gewinn aus dieser Thätigkeit mißgönnt. Eröffnet er aber dort einen Laden, eine Werkstätte oder wird Landmann, so ist der Unwille allgemein. Man sieht hieraus, daß der Correspondent des Temps die große Masse der jüdischen Industriellen, Kaufleute und Handwerker in Berlin und im gesammten Deutschland gar nicht kennt. Er fährt fort: „Das Geschrei der Antisemiten scheint die Juden wenig zu beunruhigen. Sie verfolgen ruhig ihren Weg, der ihnen im Staate, in der ganzen Gesellschaft einen nicht unwichtigen Platz zu verschaffen scheint. Im Jahre 1871 gab es deren in Berlin 36,000, jetzt zählt man 64,000, etwa den 20. Theil der Bevölkerung. Sie verheirathen sich untereinander, unterstützen sich gegenseitig mit einer bewunderungswürdigen Solidarität und bewahren ihre angeerbten Vorzüge und Fehler. Zu diesen Vorzügen gehört die wahrhaft rührende Innigkeit

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