Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1887)
- Date
- 1887-10-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudmthums. Ein imMtcWes OrM siir Ms jüdische Jiitcrcffc. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich Lei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. GXpeöition: Leipzig, Woßptnh 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an 1)r. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, dm 27. Oktober 1887. «- Nr. 43. Inball. Leitende Artikel: Der Brief des Pariser „Temps" über den Antisemitismus in Berlin. — Die Lage der Juden in Rußlands — Die Juden in Prag unter der Kaiserin Maria Theresia nah deren Wiederaufnahme im Jahre 1748. Bon G. Wolf — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Emden, Aus Württemberg, Aus Bayern, Frankfurt a. M. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Fra nkreich: Paris. — Niederla nd e: Amsterdam. — Däne mark: Kopenhagen. — Rußland: Petersburg, Kiew, Lodz, Warschau. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Protocoü über die dritte Conferenz des Pereins der jüdischen Cultusbeamten des Landrabbinatsbezirks Emden. — Vermischtes. — Berichtigungen. Slcikmbz dzl'ijleL Bonn, den 23. October. Der Drief des Pariser „Temps" über den Antisemitismus in Drrlin. Dieser Brief, welcher drei riesige Spalten im „Temps" vom 11. October füllt, und von dem ein Correspondent in voriger Nummer schon Kunde gegeben, hat in gewissen Kreisen große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Für uns hat er gewissermaßen eine internationale Bedeutung. Denn außer Deutschland ist uns die öffentliche Meinung in Frankreich die wichtigste, da sie mehr oder weniger einen Einfluß auch in anderen Ländern übt. Nichtig ist, was unser Correspondent bemerkte, daß der Verfasser außer Berlin die deutschen Juden nicht zu kennen scheint, und in Berlin wie Paris die finanzielle Welt besonders im Auge hat. An einigen Uebertreibungen läßt auch er cs nicht fehlen. Wir geben hier die Hanptstellen seines Berichtes wieder. Er beginnt folgendermaßen: „Wenn man auch wohl weiß, daß der menschliche Geist von Widersprüchen lebt, so giebt es doch Fälle der Jncousequenz, welche uns in Erstaunen setzen. Der Bürger Berlins ärgert sich über den Hochmuth des Adels, welcher verweigert, ihn als Seinesgleichen zu behandeln, obgleich er ebenso reich, ebenso gebildet, ebenso guter Soldat, nicht minder nützlicher Bürger ist als jener, und doch vereint er sich mit dem Adeligen, um dem Juden, der in keiner Beziehung unter ihm sieht, eine tiefe Verachtung zu zeigen. Diese Antipathie ist beinahe allgemein. Der Arbeiter theilt sie; dies ist der einzige Punkt, den er mit den Conservativen gemeinsam hat, und diese glaubten sogar, ihn für ihre Partei zu gewinnen, indem sie die Verfolgung der Juden als Wahlspruch auf ihr Programm setzten. Nur die Fortschrittler verdammen diese Intoleranz, zunächst weil ihre Principien, welche denen von 1789 sehr gleichen, ihnen ein Gesetz daraus machen, und dann, weil die große Mehrheit der jüdischen Wähler für sie stimmt. Ich muß indessen sagen, daß außerhalb des Kreises der Conservativen Niemand davon spricht, gesetzgeberische Maßnahmen gegen die Synagoge zu nehmen, um sie am Wachsthum und Gedeihen zu behindern. Bedauernd sieht man ein, daß solche Maßregeln im vollen 19. Jahrhundert unausführbar sind, und man begnügt sich damit, über den Schandfleck zu seufzen, welcher ganz Deutschland oder wenigstens seine Hauptstadt überziehen könnte." „Der Jude, welcher Übertritt, bleibt in den Augen des Berliners nicht weniger Hassenswerth und seine Söhne auch; kaum werden die Kinder seiner Kinder Gnade vor den Anhängern einer Kirche finden, deren Gründer Söhne Israels waren. Ich übertreibe nicht; es wäre mir ein Leichtes, Christen, sogar sehr gute Christen zu nennen, von denen man sich abwendet und denen die Regierung eine wohl verdiente Beförderung verweigert, weil sie jüdischer Abkunft sind." Dieses Wunder ist um so erstaunlicher, weil früher Berlin sich durch die vortreffliche Aufnahme auszeichnete, welche die Israeliten dort fanden. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts war der philosophische Kaufmann Mendelssohn, der Vorfahr des großen Musikers, in allen Klassen der Gesellig