Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1887)
- Date
- 1887-10-20
- Page
- Seite 670 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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670 der Herzogin von Orsuno als Sohn untergeschoben worden, die in derselben Zeit Zwillinge geboren und einen derselben durch den Tod verloren hat. Um das Leben der vornehmen Frau durch die Nachricht von dem Hinscheiden des einen Kindes nicht in Gefahr zu setzen, hat der Arzt Don Agir im Einverständniß mit der Magd des Mardachai das todte Söhnchen der Herzogin mit dem lebenden der Jüdin vertauscht. Fünfundzwanzig Jahre sind seitdem verflossen. Durch die fanatische Verfolgung der Juden ins tiefste Elend gebracht, erkrankt die bestochene Magd der inzwischen zur Wittwe gewordenen Mardachai und bekennt in der letzten Stunde ihre Frevelthat. Eben als die Inquisition, um dem verhetzten aragonischen Volke genug zu thun, die Mardachai der Zauberei angeklagt, gefangen nehmen und vor ihre Schran° ken führen läßt, erfährt diese, daß ihr Sohn noch lebt und als Oberster der Leibwache in königlichen Diensten steht. Sie fleht den König, der ihr für manches Gute, daß sie ihm und dem Lande ehedem erwiesen, verpflichtet ist, um Gerechtigkeit und um Rückgabe ihres entwendeten Sohnes an. So kommt es, daß vor dem Tribunal der Inquisition die Jüdin und die Herzogin um den Sohn Don Jose sich streiten und dieser, bezwungen von dem starken Familiensinn der Juden, Ehre, Wohlstand und selbst seine christliche Geliebte, Donna Juana, eine Tochter des Arztes Don Azir, aufgiebt, um mit der von dem fanatischen Gerichtshöfe zum Tode verurtheilten Mutter den flammenden Holzstoß der Ketzerei zu theilen. Diese Inhaltsangabe dürfte genügen, um darzuthun, daß das uns hier zur Besprechung vorliegende Stück in seinem Vorwurf eine gewisse tragische Größe und einen Conflict von erschütternder Wuchtigkeit in sich trägt. Ein Grillparzer hätte, um daran seine Begabung zu bekunden, alle seine Kraft zusammen nehmen müssen. Diejenige von Eduard Mohr bricht fast unter der Last der Aufgabe zusammen, doch nicht so ganz, wie wir mit Vergnügen einräumen, daß nicht doch ein Drama entstanden sein sollte, welches, wie wir bereits beim Eingang unserer Beurtheilung sagten, den Anspruch zu erheben berechtigt ist, aufgeführt zu werden. Allerdings schädigt es einigermaßen den Eindruck, daß Prosa und Vers in der Diction des Trauerspiels wechseln und mehrfache Veränderungen des Schauplatzes mitten in den Acten den Lauf der Entwickelung störend unterbrechen. Allein wenn diese Gewohnheiten der früheren Dramatiker, deren sich die neueren fast ganz entschlagen haben, immerhin auch bis zu einem gewissen Grade die einheitliche und geschlossene Wirkung der Tragödie abmindern und schwächen, so vermögen sie doch keineswegs den Erfolg derselben ganz zu vernichten. Es bleiben ihr immer noch und besonders zum Schluß hin entschiedene Schönheiten und Verdienste nachzurühmen. Der Wettstreit um den Besitz und die Liebe des Sohnes zwischen den beiden Müttern und der Entschluß des Sohnes, sich zum Judenthum und für die zum Scheiterhaufen verurtheilte Mutter zu bekennen: diese beiden Vorgänge sind nicht ohne Züge einer wahrhaft dramatischen Hoheit. Auch das Wesen der Mardachai erhebt sich zuweilen zu einem Pathos sieghaftester Art, wie z. B. in dem Austritt vor dem Ketzergericht, wenn sie, nach dem Zauber gefragt, der das Judenthum in allen Verfolgungen der Welt aufrecht zu erhalten im Stande sei, antwortet: Wollt ihr den Zauber kennen? Als Moses einst mit den Gesetzestafeln Vom Berge Sinai sich abwärts wandte, Vernahm er eine Stimme: „Nehmt mich mit, Wohin ihr geht, denn ich bin euer Gott." Und Moses sprach: „Woran erkennt mein Volk, Daß du der Herr bist?" Da erschien ein Sturm, Der das Gesetzt zerbrach, dem die Natur Nach unsrer Denkart unterworfen ist; Es stiegen Flammen auf; die Erde bebte Und in dem Thale hallten Donner wieder, Zum Zeichen seiner Nähe. „Nehmt mich mit", Das war das Wort; der Anfang und das Ende. Wir nehmen ihn mit uns. Vergeb'ne Sorge, Die ihr euch macht; verjagt uns von dem Grund, Den dieser Fuß entweiht; verweigert uns Das Bischen Erde; treibt den Wanderer, Dem schon die Ferse blutet, immer weiter, Wohin ihr wollt; er nimmt den Einen mit, Und wie der Wanderer, so thun wir alle; Vertilgt uns, wenn ihr könnt! „Das Opfer der Mardachai" steht nicht gerade ebenbürtig neben den bekannten Judenstücken: „Uriel Acosta" von Gutzkow, „Die Makkabäer" von Otto Ludwig, „Judith" von Hebbel, „Deborah" von Mosenthal, aber immerhin reiht es sich ihnen an." Vermischtes. Hans von Bülow. Bor Kurzem erschien: „Hans von Bülow, sein Leben und sein Entwickelungsgang von Bernhard Vogel" (Leipzig, Hesse 1887), ein sehr gut und mit vieler Fachkenntniß abgefaßter Panagyrikus. Selbstverständlich hat Jedermann das Recht, einen von ihm bewunderten „Heros" nach Kräften zu beloben, und gilt es an dieser Stelle durchaus nicht, an dem uns fremden Gegenstand Kritik zu üben. Hans von Bülow neigt sich dem Antisemitismus zu; man erinnert sich vielleicht, daß er die Antisemitenpetition unterzeichnet