Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1887)
- Date
- 1887-10-20
- Page
- Seite 669 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227706--44799-3267099- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Seesen 1× ep/1048106
OCR text
669 Marokko. Bonn, 7. Oktober. Die Lage, in welcher sich unsere Glaubensgenossen in Marokko befinden, ist bekanntermaßen die denkbar schlimmste, und es liegt uns deßhalb nahe, die Ereignisse zu beachten, welche dieses an sich so schöne und fruchtbare Land, das aber der Barbarei und dem Verfall preisgegeben ist, betroffen. Nach den jüngsten Nachrichten liegt der jetzige Sultan im Sterben, und nach dessen Tode wird eine heillose Zerrüttung, die schlimmste Anarchie eintreten. Wahrscheinlich wird sich die Nothwendigkeit Herausstellen, daß Europa in die Angelegenheiten dieses Landes eingreife, und dies kann jedem Menschenfreunde nur erwünscht sein. Dieses Volk mit seinen wilden. Stämmen wird immer unfähiger, sich selbst zu regieren, und europäische Kultur ist schon zur Sicherung des Lebens und des Eigenthums einzuschreiten berufen. Wir als Juden haben den dringendsten Wunsch, durch europäische Herrschaft auch unsere Glaubensgenossen aus dem Zustande tiefster Erniederung erhoben und vor beständigen Mißhandlungen geschützt zu sehen. Allein die Rivalität der europäischen Mächte giebt uns wenig Hoffnung. Spanien rüstet bereits eine bedeutende Militärmacht aus, erklärt jedoch, nur dann in Thätigkeit treten zu wollen, wenn eine andere Macht sich Marokkos bemächtigen wolle. Diese andere Macht kann nur Frankreich sein, welches als nächster Grenznachbar schon längst Gelüste nach den angrenzenden Provinzen Marokko's hat. In zweiter Linie hat England Handelsiuteressen zu beschützen und auch Italien als mittelländische Seemacht ist nicht unbetheiligt an dem Ausgang. Würden sich diese Mächte verständigen, so wäre das Loos Marokkos entschieden, so kann es aber immerhin kommen, daß die europäische Eifersucht der marokkanischen Verwirrung noch Bestand gewährt. I e u i i l c i o n. Corresplm-en;. Leipzig, im Oktober. Die Jarabsonsschule in Seesen. Wir haben in Deutschland nur drei jüdische Lehranstalten, welchen von der deutschen Regierung das Recht zuertheilt worden, ihre Abiturienten mit dem Reifezeugiüß zum einjährig-freiwilligen Militärdienst zu versehen: zu Seesen, Wolffenbüttel und Frankfurt a. M. Unter diesen ist es die erstere, welche den ihr von ihrem Stifter ausgeprägten Charakter als Simultanschule am nachhaltigsten bewahrt hat. Es ist daher gewiß angemessen, von Zeit zu Zeit auf diese Lehranstalten und ihre gegenwärtige Beschaffenheit einen prüfenden Blick zu werfen, und da ich jüngst eine längere Zeit in Seesen verweilte, will ich, was ich dort gesehen, mit wenigen Worten wiedergeben. Die Anstalt hebt sich unter des jetzigen Directors, vr. Emil Philippson's Leitung, sichtlich, und hat er es durch - gesetzt, daß im Frühjahr mit dem Bau eines neuen Alumnates begonnen wird, da das alte Haus recht unzureichend und besonders durch seine enge Treppe rc. bei Feuersgefahr ganz lebensgefährlich ist. Die Anstalt hat jetzt 130 Hausschüler (darunter 40 Freistellen) und 110 Stadtschüler, zur Hälfte Juden, zur Hälfte Christen; ebenso gehört das Lehrer-Collegium beiden Confessionen an, zwischen allen herrscht bestes Einvernehmen und wahrhafte Harmonie. Die Hausschüler sehen fast ausnahmslos blühend, sauber und wohlgepflegt aus, sie tummelten sich an den Festtagen nach dem Gottesdienste vergnügt und doch gesittet auf dem schönen Schulhofe, Nachmittags machten sie unter Aufsicht eines Lehrers weitere Spaziergänge in die Berge. Die Knaben sind daselbst vortrefflich untergebracht. Besonders erbaute ich mich an dem Gottesdienste. Der Director in seiner Predigt spricht so einfach, so herzlich und verständlich zu seiner jungen und kleinen Gemeinde, die Knaben betheiligen sich mit Gesang und Gebet so andächtig und erfreulich am Gottesdienst, es herrscht eine so schöne Ordnung und Ruhe, daß man sich erbaut und erhoben fühlt. Cm neues Trauerspiel. Eduard Mohr, welcher bereits mehrere Dramen, auch ein „König Saul", verfaßt und veröffentlicht hat, ließ jüngst bei Schmithals in Kreuznach erscheinen: „Das Opfer der Mardachai, Trauerspiel in fünf Auszügen," über welches wir ein interessantes Referat den „Blättern für Literarische Unterhaltung" (Nr. 36) entnehmen: „Die vorliegende Tragödie dürfte wohl verdienen, gespielt zu werden. Stoff und Ausgestaltung sind jedenfalls derart, daß sie Interesse und Spannung erwecken. Die Handlung ereignet sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts zu Saragoffa unter König Ferdinand V. nach Einführung der Jnquisitionstribunale, welche hauptsächlich auf Vertreibung und Vernichtung der Juden ausgingen. Eine reiche jüdische Wittwe Mardachai und ihr Sohn sind denn auch die Helden des in Rede stehenden Trauerspiels. Der letztere ist der rechtmäßigen Mutter gleich nach seiner Geburt geraubt und