Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1887)
- Date
- 1887-10-20
- Page
- Seite 667 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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667 derselben ausräumen, um die Leiche des angeblich ermordeten Christenkindes zu suchen. Mittlerweile war aber der Kleine zum Vorschein gekömmen und erzählte unter Thränen, er habe sich, nachdem er von seiner Mutter geprügelt worden war, im Garten schlafen gelegt. Ohne diesen glücklichen Zufall wäre den armen Juden arg mitgespielt worden. Die in der Umgegend von Nyirvasvar ansässigen Juden haben gegen das Borgehen des Richters die Anzeige beim Stuhlrichter erstattet. Frankreich, Paris, 12. Oct. (Privatmitth.) Das Ereigniß des Tages für uns ist ein Artikel des gestrigen „Temps" (vom 11. Oct.) Derselbe besteht in einer langen Correspondenz aus Berlin über den deutschen Antisemitismus. Jndeß hat der Berf., der sich möglicher Objektivität befleißigt, vorzugsweise die Berliner, sowohl von jüdischer als von christlicher Seite, im Auge. Bon den anderen 450,000 deutschen Juden scheint er nur noch die elsässischen zu kennen. Einzelne Jrrthümer kommen vor. Die Wichtigkeit des Artikels liegt eben darin, daß er in Paris erscheint, und zwar weil wir jetzt mehr die Wirkung eines solchen Artikels auf die Franzosen zu beachten haben, als eine solche in Deutschland, wo jener nur wenig bekannt werden wird. Jedenfalls werden Sie davon Notiz nehmen müssen. (Dies wird ausführlich in nächster Nummer geschehen. Redact.) — Der Groß-Rabbiner Zadoc Kahn hatte für die Abgebrannten mehrerer Länder eine Sammlung veranstaltet, welche Frcs. 12,719. 50 c. eintrug. Die Vertheilung geschah in folgender Weise: für die Abgebrannten in Ungarn Frcs. 3800.— „ „ „ „ Botuschan „ 5410.— „ „ „ „ Rußland „ 3500.— Kosten _„_9.50 Total 12,719.50. Rußland. Wilna, im Oktober. Der Generalgouverneur von Wilna, I. S. Kachanow, hat folgenden sonderbaren Erlaß „zur Beruhigung" der Bevölkerung veröffentlicht: Böswillige Hetzer verbreiten unter Euch (dem Volke der Shemaiten und Lithauer) das falsche Gerücht, als wolle man Euren katholischen Glauben behelligen und Euch zur rechtgläubigen Kirche überführen. Dieses Gerücht ist eitel Lug und Trug. Die Regierung wünscht einzig und allein, daß Ihr, Euch Eurer Nationalitäten nicht schämend, lithauisch beten und lithauische Predigten hören sollet, daß Ihr aber auch russisch gut lernen sollt, um die Sprache Eures Kaisers zu kennen und um zu wissen, wie Ihr in Gericht und Behörde zu verfahren habt. Dasselbe bezieht sich aber auch auf Andersgläubige. Ihr Lutheraner sollt ebenso gut russisch können und in Euren Schulen russisch und nicht deutsch unterrichtet werden. Ihr Hebräer sollt ebenso in Handel und Wandel russisch zu sprechen verstehen und nicht mit Deutschland liebäugeln, denn Ihr Alle seid russische Unterthanen. (Bekanntlich werden die Juden in Rußland „Hebräer" genannt. Ein solcher Herr, wie der Generalgouverneur, kann der Juden nicht erwähnen, ohne gleich ein bischen Denunciation gegen sie zu treiben. Die Juden sollen „mit Deutschland liebäugeln!" Weshalb? Etwa weil die polnischen Juden von Preußen ausgewiesen wurden? Das Liebäugeln der Juden mit Deutschland besteht wohl nur darin, daß sie noch heute den altererbten polnisch-deutschen Jargon sprechen. Dafür können sie nichts und ist politisch durchaus harmlos. Gewiß würden die Juden die treuesten und anhänglichsten Unterthanen des Zaren sein, wenn man ihnen nur die Behandlung angedeihen ließe, wie den christlichen! Sie wollen ja keine Vorrechte, sondern nur die aller christlichen Russen!) Warschau, im Oktober. Wie man der „Magdeb. Ztg." aus Warschau meldet, sind neuerdings wieder deutsche Staatsangehörige ausgewiesen worden; 75 deutsche Familien, christliche und jüdische, sowie zahlreiche junge Männer haben Befehl erhalten, Polen zu verlassen. Weitere Ausweisungen sollen bevorstehen. — Wie wir nach einem Petersburger Blatte berichteten, war mehreren jungen Leuten mosaischer Confession, die behufs Eintritts in die Kiewer Universität zur grichisch-orthodoxen Kirche übergetreten waren, vom Curator des Kiew'schen Lehrbezirks der Bescheid zu Theil geworden, daß der betreffende Passus im Circular des Ministers von Personen jüdischer Herkunft rede und daher die Entscheidung der Frage, ob getauften Juden der Eintritt in die Universität freistehe, vom Ermessen des Ministers der Volksaufklärung abhänge. Wie der »Odesf. Listok" mittheilt, ist nun inzwischen die Resolution des Ministers über diese Frage eingetroffen und zwar in einem für die Petenten günstigem Sinne. (Wir haben keinen Augenblick hieran gezweifelt! Der Zweck des Gesetzes bliebe ja sonst unerreicht!) Petersburg, 9. Oktober. Die „Now. Wr." berichtet auf Grund offizieller Daten, daß in der Zeit von 1881 bis 1886 im Ganzen 114000 Juden aus Rußland nach Amerika ausgewaudert sind. Das macht also jährlich die stattliche Summe von mehr als 20000! Dabei muß man diejenigen noch hinzufiigen, welche bei ihrer Auswanderung der Kenntnißnahme der Beamten entgingen oder nicht verzeichnet wurden. Aber noch eine Bemerkung läßt sich machen, nämlich, daß unter den Auswanderern viele Bemittelte sein mußten, — denn so große Zahlen von Auswanderern haben die Hilfe der Glaubensgenossen nicht in Anspruch genommen. 42*