Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1887)
- Date
- 1887-10-20
- Page
- Seite 664 (sequence 10)
- Language
- German
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664 einer so ungerechten Charakterzeichnung zuspitzt, daß sie bei einem Mann von den Geistesanlagen Wieses aufs höchste befremden muß." „Daß Bethmann-Hollweg im Landtage alle seine Bered« samkeit aufbot, den Anspruch, Juden zum Lehramte zuzulassen, zurückzuweisen, bezeichnet Wiese als ein herrliches Zeugniß seiner innigen Religiosität; auch er selbst trat gegen diese Ansprüche auf und bestritt wie ein Meister die Anwendung des Verfassungsparagraphen von der Zulässigkeit aller Staatsbürger ohne Unterschied der Religion zu den öffentlichen Aemtern auf die Frage der Zulassung der Juden zum Lehramt." „Unter gewissen Bedingungen wollte Mübler den Juden den Eintritt ins Lehramt gewähren, aber nur von Fall zu Fall. Bei den bekannten reaktionären Tendenzen dieses Ministers mag dies befremden, doch einmal war die dahinzielende Aeußerung, die er einmal im Landtage machte, mehr theoretischer Art; daß er sie aus eigenem Antrieb ins Praktische übersetzte, dafür liegt kein Beweis vor. Andrerseits ist zu beachten, daß die Thatsachen hier mächtiger waren als die Privatneigung Mühlers, denn in den neuerworbenen Landestheilen fand der Minister bereits Simultanschulen und jüdische Lehrer an Staatsanstalten vor und mußte wohl das einmal Bestehende als zu Recht anerkennen, wenn er nicht unliebsame Erörterungen oder gar Verwickelungen Hervorrufen wollte. Wiese spricht sich über diese größere Liberalität weder beipflichtend, noch tadelnd aus, macht aber aus seinem Unmuth kein Hehl, daß die Reichsregierung eine reaktionäre Maßregel Mühlers, die unsere Stadt betraf, nicht durchführen half, sondern den Minister „aus politischen Gründen", wie Wiese sagt, desavouirte." „Der Fall, über den seiner Zeit hier viel gesprochen wurde, war folgender: Die Regierung hatte nach der Einverleibung Frankfurts in den preußischen Staat zwei bereits bestehende jüdische Schulen, die Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft und die der israelitischen Gemeinde als Realschulen 2. O. anerkannt und ihnen die Berechtigung, Zeugnisse zum einjährigen Freiwilligendienst auszustellen, verliehen. Letztere Schule zählte unter ihren Zöglingen auch eine Anzahl christlicher Confession, denen aber nicht das Recht zugebilligt werden sollte, auf der Anstalt eine Berechtigung zu erwerben. Ein später gestelltes Verlangen, diese Beschränkung aufzuheben, wies der Minister v. Mühler zurück. Dieser „unberechtigten Forderung" gegenüber, wie Wiese sie nennt, konnte der Minister nicht anders, wie ebenfalls Wiese meint, als sich ablehnend verhalten. Nun wandten sich die Petenten an eine höhere Instanz, und kein anderer als der Fürst Bismarck war es, der 1871 durch das Reichskanzleramt dem Minister die Weisung gab, die Beschränkung aufzuheben." J) „Diese Streitfrage der Zulassung der Juden zum Lehramt ging immer mit der über die Simultanschule Hand in Hand, wobei Wiese stets auf der Seite der Reaktion zu finden war, und dieser konnte immer zu allen Maßnahmen der Regierung seine Hand bieten, bis Falk das Portefeuille des Kultusministeriums übernahm." „Konnte Wiese auch noch die Verordnung über die Dispensation vom Religionsunterricht ausarbeiten — er erklärt ausführlich, wie er dies mit seiner Ueberzeugung in Einklang zu bringen imstande war — so wurden doch die Verhältnisse für ihn immer unerträglicher. Es half nichts, daß Falk dem bewährten Rathe so weit entgegenkam, daß er selbst die Schriftstücke ausarbeitete, zu deren Anfertigung sich Wiese nicht entschließen konnte. Er that sein Möglichstes, den Minister von dem ihm gefahrvoll scheinenden Wege abzubringen. Namentlich die Anstellung der Juden war es, die er mit allen möglichen und unmöglichen Gründen bekämpfte, unter denen gewiß die Berufung auf den Juden Lassalle, der behauptet haben soll, die Juden verdürben die Sprache, die merkwürdigste ist. Der Minister hörte ihn, wie Wiese selbst berichtet, geduldig an und — lachte. Sein einseitiger kirchlicher Standpunkt, der ihn in seinem Urtheile über Juden ungerecht machte, bewirkte ebenso ungerechte Anschauungen bei ihm über Katholikelt." Für Wiese war es unerträglich, daß ein Katholik Oberbürgermeister von Berlin, ein Jude Vorsteher der Stadtverordneten-Versammlung war und Juden Richter wurden. Man sieht, eine Ueberzeugung haben, ist nicht genug, es fragt sich dann, welche Ueberzeugung, und das ist entscheidend! — Darmstadt, im Oktober. Vocabularium zum 1 sten und 2ten Buch Moses nebst einem alphabetisch geordneten Wortregister und einer kurzgefaßten hebr. Grammatik von M. Mannheimer, emerit. Rabbinatsverweser und Religionslehrer in Darmstadt. ^Selbstanzeige.) Der Nutzen, den der Gebrauch von Vocabularien in Schulen für den hebräischen Unterricht gewährt, ist ein allgemein anerkannter. Und so unternahm ich's schon vor mehreren Jahren, auf Grund einer auf dem Gebiete des Schulunterrichts gemachten langjährigen Erfahrung, ein Bocabularium zum Pentateuch, als dem wichtigsten Buch hebräischen Schriftthums, in dessen Verständniß die Knaben, mitunter auch die Mädchen, in allen geordneten isr. Schulen eingeführt zu werden pflegen, auszuarbeiten, wich aber dabei in Plan und Einrichtung von den bisher erschie- 1) Nachträglich erfahre ich, daß d e Darstellung W's. hier nicht ganz genau ist. Die Angelegenheit wurde damals durch eine von Abg. Herrn Sonnemann im Reichstage gestellte Interpellation, auf welche der damalige Staatsminister Herr v. Delbrück sogleich Abhilfe versprach, erledigt. Berf.