Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1887)
- Date
- 1887-10-20
- Page
- Seite 663 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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663 thum und Christenthum zu vermengen, und daß sie deßhalb sowohl von den Juden zurückgewiesen werden, als auch von den Christen zurückgewiesen werden müßten. Höchst verfehlt und kein Zeugniß für die Logik des Herrn Pastors ist der Schluß seines Vortrages, wo er, dem Herrn Rabbinowitsch folgend, ein Geschichtchen erzählt! Während des russisch-türkischen Krieges gingen, als eben ein Treffen stattgefunden hatte, zwei Compagnien Soldaten aus, um die Verwundeten und Todten vom Schlachtfelde aufzunehmen. An einer Stelle hoben sie hundertundfünfzig Leichname auf und der Sergeant schrieb: 150 Todte. Es ward Befehl gegeben, ein Grab zu machen und die hundertundfünfzig Soldaten darin zu begraben. Als sie bemüht waren, die Leichname hineinzuwerfen, stellte sich heraus, daß einer noch lebe. Er rief: „Erbarmt Euch über mich; ich bin nicht todt, ich lebe noch." Der Sergeant antwortete: „Möchte Dich wohl gern retten, aber Du bist auf die Todtenliste gesetzt, es kann nichts helfen, Du mußt begraben werden." Behm fügt hinzu: „Genau so steht's im Großen und Ganzen mit unserer Stellung zur Mission unter den Juden. Sie sind auf die Todtenliste gesetzt, und Mancher, der noch lebt, wird durch die Schuld der Christenheit lebendig begraben. Das bessere Gott!" — Die Judenmission mit einem blödsinnigen russischen Sergeanten zu vergleichen, ist nicht sehr geschmackvoll; die gesammte Judenheit als „auf die Todtenliste gesetzt" anzusehen, ist ein Schwachsinn, der wohl nur demjenigen begegnen kann, der Jahr aus, Jahr ein auf seinem Dorfe lebt und vom wirklichen Leben in der Welt keine Kenntniß gewinnt. Was führt man nicht Alles gegen das Häuflein Juden ins Feld! Judenmission, Antisemitismus, Ausschließung von den Carritzren des öffentlichen Lebens, gesellschaftliche Ausschließung und in noch sehr großen Theilen der Erde Bedrückung und Verfolgung! So etwas thut man doch nicht gegen Todte oder auf die Todtenliste Gesetzte! Auf allen möglichen Wegen dem Judenthume Abbruch zu thun und ihm ein paar Seelen abzufangen, dieses seit Constantin dem sog. Großen durch anderthalb Jahrtausende bis in der Gegen- H'nrt fortgetzte Bestreben, giebt wohl das lauteste Zeugniß für das im Judenthume und in den Juden kräftig pulsirende 1'eben. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 12. Oktober. Da die Zeit der entschiedenen Reaktion, die bis 1860 auf Deutschland und auch anderen europäischen Ländern lastete, immerhin ihre historische Wichtigkeit behält, um so mehr, da sie an mancherlei Leiden erinnert, so können wir den Männern, welche deren Träger waren, unsere Aufmerksamkeit nicht entziehen. „Was da war, kommt ja so oft wieder!" Zu diesen Trägern auf dem pädagogischen Gebiete in Preußen gehörte der Wirkt. Geheime Ober-Regierungsrath Wiese, der von 1852- 1875 der einflußreichste Vortragende Rath im Unterrichtsministerium für das Schulfach unter Raumer, Bethman-Holweg, v. Mühler und zuletzt unter Falk war, unter welchem er endlich seine Entlassung nahm. Es war hohe Zeit! Jetzt hat er seine Lebenserinnerungen (Berlin, 1886) in zwei Bänden geschrieben. Dieselben anzuschaffen und zu lesen, konnten wir uns nicht entschließen. Da bringen uns die „Rheinischen Blätter für Erziehung und Unterricht", herausgegeben von Richard Köhler, im 4ten Heft des Jahrgangs 61 ein Referat von vr. A. Sulzbach, aus welchem wir folgende Stelle entnehmen, die um so mehr interessirt, da die Berechtigung der Juden zum Lehramte noch jetzt nicht sichergestellt ist. Es heißt da: Die Ueberzeugung Wieses ging dahin, „die Pädagogik gedeihe nur auf religiöser Grundlage". (Auch unsere Ueberzeugung! Redakt.) Dann fährt der Referent fort: „Diese Ueberzeugung leitete Wiese in seiner ganzen pädagogischen, und amtlichen Thätigkeit, er steht auf streng kirchlichem Boden und mit ihm ein großer Theil der Lehrerschaft, vielleicht der größte, denn es sind doch nur wenige, welche der Erziehung die religiöse Grundlage entziehen wollen?) Aber der kirchliche Boden, auf dem er sich befindet, ist ein exklusiver, der nicht die Anerkennung und Achtung einflößt, welche jeder positive Standpunkt auch bei dem Gegner genießt. Wiese ist eine religiös angelegte Natur, neben seinen philosophischen Studien befleißigte er sich auf der Universität der Theologie, seine glücklichen Anlagen und seine Begeisterung für die Sache ließen ihn auch hier Tüchtiges leisten, er konnte sich aber nicht vor Einseitigkeit hüten, die ihn zu falschen Ansichten führte, welche jeden Borurtheilsfreien verletzen müssen. Diese Richtung brachte ihn dann endlich auch mit dem System Falk in Konflikt und veranlaßte ihn, unter diesem seinen Abschied zu nehmen." „Diese Einseitigkeit richtet sich gegen Katholiken und Juden, gegen erstere noch schärfer, als gegen letztere, daß sie zu 1) In einem Staate mit confessionell gemischter Bevölkerung muß in den .Höchsten Behörden der Unterschied zwischen religiös und kirchlich festgehalten werden. Für den Unterricht muß das religiöse Princip festgehalten werden, aber nicht das kirchliche, sonst wird man ungerecht, parteiisch und zuletzt — despotisch. In den vorreaktio nären Ze ten war die Lehrerwelt in Preußen vom religiösen Geiste durchdrungen, aber nicht vom kirchlichen. Als einen Beweis kann ich anführen, daß eine Versammlung von Lehrern (aller Schulstufen) der Provinz Sachsen zur Bildung eines Provinzial-Lehrerverems im Jahre 1849 mit 396 Stimmen von ca. 460 mich, den Rabbiner, zum Vorsitzenden des Vereins (gegen einen Schuldirektor) wählte. Die Leitung des Vereins vermittelst des von mrr präsidirten Ausschusses ging thätig voran, als Dte Reg erung den Lehrern anzeigie, sie könnte sie nicht zum Austritt gesetzlich zwingen, sie würde aber hiernach — ihre Maßregeln gegen die im Verein Verbleienden treffen. Der Verein löste sich auf. Redakt.