Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1887)
- Date
- 1887-10-20
- Page
- Seite 662 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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662 blatte. Jetzt wird dieselbe Geschichte von dem „Mecklenburgischen Kirchen- und Zeitblatt" Nr. 19 vom 1. October breit getreten. In einer am 20. September zu Plau stattgefundenen Versammlung hielt Pastor vr. Behm von Schlieffcnberg einen Vortrag unter dem vielsagenden Titel: „Neuere Vorgänge auf dem Judenmissionsgebiete und Beurtheilung derselben", welcher Vortrag nun nach seiner ganzen Ausdehnung in dem angeführten Blatte veröffentlicht ward. Diese „Neueren Vorgänge" beschränken sich auf die Geschichte des Joseph Rabbinowitsch, dem sich der Handelsmann Scheinmann, der durch gerichtliches Urtheil wegen falscher Wechsel zur Verbannung nach Sibirien verurtheilt worden, in Tomsk angeschloffen hat und Unterhändler der Judenmission geworden. Zum Schluß wird noch aus den Lichtenstein hingewiesen, der .eine sehr zweideutige Rolle gespielt hat. Zugegeben muß werden von dem Vortragenden selbst, daß Rabbinowitsch nicht mehr als fünfzehn Anhänger gefunden, welche in „Gliedern seiner Familie" bestehen. Zwar wird wiederholt hervorgehoben, daß zn seinen Predigten Hunderte von Zuhörern sich eingefunden, aber daß ein einziger dieser Zuhörer sich zu Rabbinowitsch bekannt hätte, wird nicht berichtet; sie waren also wohl nur durch Neugierde hingelockt. Ist solche Neugierde befriedigt, so verläuft sich auch solcher Besuch, und dies ist seit 1885 der Fall. Bei aller Freude, welche diese „Vorgänge" auch in dem Vortragenden geweckt haben, kann derselbe doch nicht verhehlen, daß ihm der Herr Rabbinowitsch mit den Glaubenssätzen, die dieser bekennt, mancherlei Besorgniß einflößt. Dieser frühere Advocat, der seine Carritzre verfehlt hatte, tritt nicht zum eigentlichen Christenthnme über und schließt sich auch der protestantischen Kirche nicht an, sondern will eine „juden-christliche Secte" bilden. Rabbinowitsch lehnt „den Glauben an die göttliche Dreieinigkeit im Sinne der Kirche als ein Product heiden-christlicher Wissenschaft ab", ebenso „verwirft er die kirchliche Lehre von der Zweiheit der Naturen in Christo wiederum als Erzeugniß heiden-christlicher Vernunftschlüffe." Beschneidung, Sabbath und Festzeiten will er für seine juden-christliche Secte beibehalten. Deshalb wird dem Herrn Pastor doch Mißtrauen zu den Beweggründen des R. eingeflößt, und „schwere Bedenken müssen gegen diese Bewegung erhoben werden". In Nr. 31 wurde jene Ansicht einiger christlichen Theologen besprochen, welche in dem dereinstigen Uebertritte des gesammten Israels „die Erfüllung des Christenthums" sehen. Hiergegen spricht nun auch vr. Behm als Meinung des Rabbinowitsch. Er sagt: „Hierin kommt ein Gedanke zum Ausdruck, welcher, wie er aus der heil. Schrift nicht gerechtfertigt werden kann, so auch gefährliche Consequenzen in sich schließt, nämlich der Gedanke einer auch unter dem N. Test, fortbcstehenden Bedeutung des Volkes Israel als des erwählten Gottesvolkes und einer schließlichen Wiederbringung und Wiederherstellung des erwählten Volkes durch Christum in den Besitz des Landes seiner Väter. Allerdings ist es bekannt, daß dieser Gedanke als in der Schrift enthalten auch von manchen christlichen Theologen vertreten wird. Andere verneinen es aber ebenso bestimmt, daß die heil. Schrift dergleichen lehre. So müßte denn zum Mindesten gesagt werden, daß die Hoffnung auf die Wiederbringung Gesammtisraels keinen deutlichen und sicheren Schriftgrund habe. Was aber nicht klaren Grund in der Schrift hat, darf nimmermehr rechtmäßig zu sonderkirchlichen Bildungen bestimmend wirken. Zudem liegt in dem zur Separatstellung der nationaljüdisch-christlichen Gemeinde wirksamen, nach unserer Ueberzeugung widerchristlichen Gedanken für jene Gemeinde selbst eine große Gefahr, nämlich die, daß die national-jüdischchristliche Gemeinde am Ende dahin gerathe, einen Stein für Brot zu nehmen, d. h. die adelsstolze Hoffnung auf die herrliche Volkswiederherstellung im gelobten Lande zu setzen an die Stelle des demüthigen Sünderglaubens an das Brot des Lebens, Jesum u. s. w." Behm erklärt deshalb die Gemeinde des Rabbinowitsch (??) für „eine Bildung, welche alle apostolischen Grundsätze gegen sich hat". Es ist ihm deshalb „ein dringender Wunsch, daß die Rabbinowitschesche Bewegung endlich doch über die selbsterwählten Grenzen hinaus in die kirchliche Judenmisjion einmünden möchte". Aus allem Diesen geht hervor, was wir schon so oft ausgesprochen, daß die Proselytenmacherei, sei es durch die, im Ganzen so überaus erfolglose Judenmission, sei es durch das Anerbieten äußerer Mittel oder durch die Erneuerung von Bedrückung und Ausschließung — was alles noch in unseren Tagen in Verwendung kommt — zwar eine Anzahl von Juden zum Uebertritt bringt, aber dem kirchlichen Christenthume nur Schaden bereitet. Die Elemente, die auf diesem Wege der Kirche zugeführt werden, sind nur zersetzender Natur, und da hieran in der Gegenwart schon in der Christenheit selbst kein Mangel ist, so sind von wahrhaft christlichem Standpunkte aus alle diese Unternehmungen verwerflich. Die „Judenmission" müßte dies selbst einsehen, denn ihr kärglicher Erfolg lehrt doch, daß auf dem Wege wirklicher Ueberzeugung nur äußerst wenige Juden für das Christenthum zu gewinnen seien. vr. Behm zeigt sich im Ganzen freimüthig, läßt sich aber dennoch durch das nichtssagende Benehmen eines Scheinmann bewegen, hierin „Merkmale zu finden, daß unter den Juden in höherem Maße als zuvor sich Empfänglichkeit für das Evangelium zu regen beginne." Es ist dies Alles Illusion. Muß er doch auch bei dem Lichtenstein finden, daß diesem „der Versöhner über dem Vorbild der Gerechtigkeit noch dunkel geblieben." Würde vr. Behm die Sache beim rechten Lichte besehen wollen, so könnte es ihm nicht verborgen bleiben, daß diese Rabbinowitsch, Scheinmann und Lichtenstein nichts als mißglückte Versuche bedeuten, Juden-