Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1887)
- Date
- 1887-10-13
- Page
- Seite 654 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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654 bahren der Aerzte einen großen Erfolg erzielt hatte. Er selbst hatte als Or. med. promovirt, die ärztliche Praxis aber nie ausgeübt. Damals noch in den besten Mannesjahren, eine elegante Gestalt, eine feine Bildung. Er führte mich, wie oben bemerkt, in die berühmte kaiserliche Bibliothek. Unter anderen Merkwürdigkeiten zeigte man mir eine umfängliche Autographie Torquato Taffes und neben dieser ein Blatt von Heinrich Heine's Handschrift. Jene, in Folio auf starkem bläulichen Papier, zeigte ganze Seiten ohne eine Correctur, während auf dem Blatt von Heine jede Zeile eine Verbesserung zeigte, ganze Reihen ausgestrichen und durch andere ersetzt. Man sah gleichsam in die Werkstadt des Dichters hinein, dessen Verse in ihrem herrlichen Fluß und Rhythmus wie hingegossen erscheinen und dock nur das Resultat sorgfältigster Erwägung und Abmessung waren. Ich wurde dabei lebhaft an jene Anecdote aus dem Alterthum erinnert, daß man nach dem Tode Plato's in dessen Schreibtafel neun verschiedene Anfänge seiner „Republik" fand. Es giebt eben verschiedene Anlagen; bei dem einen Genius strömt sich die Begeisterung in Worten aus, die ihm eine Veränderung nicht zulassen, weil sie seinen Gedanken und Empfindungen zum vollen Ausdruck dienen, bei dem anderen nicht, und das Ringen nach völlig entsprechendem Ausdruck folgt der ersten Auffassung noch lange nach. Nur muß man sich nicht einreden, diesen Unterschied aus der endgültigen Fassung erkennen zu können — Aber unser Frankl ließ es bei diesem ernsten Gegenstände nicht bewenden: Er suchte sich auch auf andere Art gastfreundlich zu erweisen. So wollte er mich auch mit der Eigenart eines Wiener Weinkellers, namentlich mit dem edlen Tokayer, bekannt machen, und führte mich in Begleitung des Herrn Leidesdorf, des Vaters der Kindergärtnerei in Wien, in einen solchen Keller. Er hatte wohl die geheime Absicht, nach dem talmudischen Sprüchwort: „Man lernt einen Menschen am sichersten bei seinem Geldbeutel, in seinem Zorne und bei dem Weine kennen", meinen Charakter hierbei zu studiren oder vielmehr die Wirkung des edlen ungarischen Rebensaftes auf einen norddeutschen Rabbiner zu beobachten. Er hatte aber fehlgerechnet, denn, wie ich es immer gehalten, nach zwei Gläsern der ersten leichteren Sorte erklärte ich, trotz allem Drängen und feinem Spötteln, von den ferner aufgefahrenen schweren Sorten keinen Tropfen mehr anzunehmen. Es war dies gar keine Enthaltsamkeit von meiner Seite, der Wein schmeckte mir nach zwei Gläsern nicht mehr. Die beiden Freunde ließen sich dadurch nicht zurückhalten, und als wir den Keller verließen, vermochte ich vielmehr den Charakter der Beiden zu studiren — ich fand sie nur um so liebenswürdiger und braver und lieh ihnen gern meine beiden Arme zur Stütze. War doch der Mond unterdeß aufgegangen und das bekannte Mühler'sche Lied fand seine volle Anwendung. — Nicht minder artig betrug sich Sulzer gegen mich. Es war an einem Freitag, als ich ihn mit Frankl besuchte. Er war unpäßli^ und hatte abgesagt, den Abendgottesdienst zu leiten. Als ich ihm aber genannt war, riß er den Shawl vom Halse und rief aus: „Nein, wenn Sie da sind, muß ich vorbeten!" So geschah es, und ich kann noch heute nicht ohne Bewegung an die tiefe Erschütterung und Begeisterung denken, die mir sein Vortrag und Gesang mit seinem kleinen Chor a capella bewirkte. Es war ja nicht bloß die Schönheit und Reinheit des Tones, nicht bloß die Mannigfaltigkeit der Accentuirung, sondern vor Allem die tiefe und zarte Empfindung, die in jedes Wort eindrang und vollkommen die Zeit zum Gefühle brachte, in welcher das Gebettvort aus der Fülle seelischer Bewegung entstanden und oft genug der Spiegel der unseligen Lage unserer Glaubensgenossen ward. Ich konnte dem vorzüglichen Manne, welcher der Vater des reformirten Syuagogengesanges war, nicht mit Worten, sondern nur mit warmem Händedruck meinen Dank zu erkennen geben. Er stand damals noch auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit und ward trotz seiner mehrfachen Wunderlichkeiten allgemein verehrt. Er war zugleich eifrig in allen wohlthätigeu Werken und verfaßte manchmal recht hübsche hebräische Gedichte, aus die er sich etwas zugute that. Einige Tage später saß ich neben ihm an dem gastfreundlichen Tische des sel. M. E. Stern, des bekannten vielschreibenden Hebraisten. Ec erzählte mir Mancherlei in etwas übertreibender Weise. Als ich ihn auf einige Widersprüche aufmerksam machte, antwortete er lachend: „Nun, wozu ist man denn Dichter!" Ich lachte herzlich mit ihm. Wer sich meiner aber in Wien am meisten und voll freundschaftlichster Gesinnung annahm, war Dr. G. Wolf, der mich früher schon in M. besucht hatte. Damals noch Junggesell und bei der Ferienzeit, in der er sich als ein sehr thätiger Lehrer an der Gemeiude-Religions- Schule gerade befand, widmete er mir einen großen Theil seiner Zeit, und machte auch einen größeren Ausflug mit mir durch die herrliche Umgebung Wiens, durch das Helleuenthal und nach dem freundlichen Badeorte Baden. Denn in der Schönheit der Gegend steht Wien den übrigen Weltstädten voran. Wolf hatte damals schon seine fleißigen und erfolgreichen historisch-archivalischen Forschungen begonnen, mit deren Veröffentlichung einige Jahre später er sich so mannigfache Verdienste um die Geschichte der Juden und des vorigen Jahrhunderts erworben hat. Auf dem Rückwege trafen wir auf die beiden Brüder Szanto, Joseph und Simon, beide geist- und gemüthvolle Männer, der erstere ruhig und besonnen, der andere bewegt und etwas heftig, beide sehr tüchtige Pädagogen, welche eine gut besuchte Erziehungs- und Unterrichtsanstalt leiteten. Sie luden mich ein, ihre Anstalt zu besuchen, was ich auch mit großem Vergnügen that, da sich sehr ersprießliche Leistungen bekundeten.