Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1887)
- Date
- 1887-10-13
- Page
- Seite 653 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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653 deutschland und in Wien — ich kann eben nur von diesen sprechen — eingezogen war. Dieselben Männer, welche zur Zeit der revolutionären Bewegung vom Publikum und zwar nicht nur von dem, was man Volk nennt, sondern auch von höher Gestellten, geehrt und gehätschelt wurden, weil sie eine gewisse Rolle spielten, wurden in Norddeutschland, nachdem die Bewegung gescheitert war, von demselben Publikum mit einer wahren Nichtachtung behandelt und gerade üou denen ängstlich gemieden, welche sich früher an sie herangedrängt hatten. Besonders war dies der Fall, wenn einer von jenen zu einer Untersuchung gezogen worden, wenn er auch frei gesprochen ward. Es möchte nicht uninteressant sein, ein besonderes Beispiel anzuführen. Einige Jahre vor 1848 wurde der bekannte Prediger Uhlich nach Magdeburg an die Katharienenkirche berufen. Sein Empfang war ein glänzender. Eine ungeheure Menschenmenge, viele Mitglieder der Behörden, der staatlichen wie der städtischen, waren auf und vor dem Bahnhofe versammelt. Deputationen begrüßten ihn und führten ihn in seine Amtswohnung. Ein Jahr darauf wurde er von Magistrat und Stadtverordneten mit dem Ehrenbürgerrechte beschenkt. In der revolutionären Bewegung machte er sich bemerklich und wurde in die preußische Nationalversammlung gewählt. Später in Untersuchung gezogen (als Steuerverweigerer), wurde er frei gesprochen. Aber die Stimmung hatte sich geändert. Eines Tages traf ich ihn auf der Straße und wir gingen eine Strecke neben einander. Da sagte er zu mir: „Sehen Sie da die Leute, welche, da sie meiner ansichtig werden, schnell auf die andere Seite gehen, um mich nicht zu grüßen." Allerdings bemerkte ich dies, aber auch an solchen, die dicht an uns vorubergingen. Er mußte sein Pfarramt aufgeben und gründete nun die „freireligiöse Gemeinde", die sich allerdings nach dem Maßstabe mehrte, als sie polizeilich belästigt wurde. — Ganz anders fand ich es nun in Wien, wo doch von Seiten der damals herrschenden Kreise die Verfolgung der Revolutionsmänner eine viel härtere gewesen. Nicht allein die Leute auf der Straße, sondern auch die Beamten zeigten sich bei Begegnung höchst höflich und zuvorkommend. Als mich der hochgesinnte Dr. Adolf Fischhof, welcher in dem ersten Stadium der Bewegung gegen das Metternich'sche System so hervorragend gewirkt hatte und eine Zeit lang Direktor im Ministerium des Unterrichts gewesen, in das Johanueum und das allgemeine Krankenhaus führte, öffneten sich ihm alle Thüren bereitwilligst, und die unteren und oberen Beamten behandelten ihn so achtungsvoll und in so freundlichster Weise, als ob er noch immer der einflußreiche Dirigent wäre. Gleiches erfuhr ich, als mir Ludwig August Frankl, der ebenfalls bei jenen großen Ereignissen betheiligt gewesen, die große kaiserliche Bibliothek zeigte. Ich muß gestehen, daß mir diese Beobachtung eines so auffälligen Contrastes recht wohl that. Denn wenn es einerseits betrübend ist, die Menschen von solchen Veränderungen in der politischen Lage und Stellung in ihrem Verhalten so abhängig und von solcher Charakterlosigkeit zu sehen, so versöhnt das Gegentheil um so mehr. Das jetzige Wien soll dem damaligen nicht mehr ähnlich sehen. Die Basteien mit ihren Thürmen und Mauern, mit den Glacis und Gräbern sind verschwunden und haben den glänzendsten Palästen, den herrlichsten Straßen Platz gemacht. Die architektonische Kunst, welche in dem alten Wien durchaus nicht vorhanden war, hat in den seitdem verflossenen 34 Jahren hier an der Donau wahrhafte Triumphe gefeiert und Wien kann jetzt mit Berlin, Paris und London wetteifern, was es damals nicht gekonnt. Ich sah kein einziges schönes Gebäude dort, denn selbst die Burg imponirte durch den Umfang der Baulichkeiten, aber nicht durch deren Schönheit. Es versteht sich, daß der Stephansthurm von diesem Urtheil ausgeschlossen ist. Dagegen gab es geschmacklose Gebäude genug, wie z. B. die alte Kunstschule, wo unter dem Dache aus eirunden Oeffnungen die Bildsäulen berühmter Componisten herausschauten. Mich interessirte besonders das Haus Seitenstettengasse Nr. 4. Es lag just in keiner schönen Gegend der Stadt, in keiner noblen Umgebung, und hatte auch keine irgend auffällige Front. Aber hinter seinem Borderbau befand sich der schöne Tempel — der einzige damals in Wien bei ca. 10000 Seelen — und in dem Vorderhause wohnten Mannheimer, Ludwig August Frankl (als Syndikus der Gemeinde), Sulzer und wer weiß noch was für Gemeindebeamte. Ich war nicht zur rechten Zeit nach Wien gekommen, denn der Hochsommer hatte die Elite der Bewohner aus der Stadt geführt, und wenn die Herren durch Amt und Beruf an die Stadt gefesselt waren, so hatten sich doch ihre Familien aufs Land geflüchtet. Mannheimer war im Bade und so lernte ich ihn zu meinem großen Bedauern damals nicht kennen. Nur das bemerkte ich, daß Jedermann ihn wegen seiner scharfen Redeweise gewissermaßen fürchtete, so daß man ihn wohl zu tadeln wußte, aber keinesfalls auch nur das Geringste gegen ihn unternahm, da er in allen Kreisen eine hohe Achtung genoß. Später besuchte er mich in Magdeburg auf einer Rückreise von Kopenhagen, wo er früher fungirt hatte, nach Wien. Er war ein geistreicher, eifervoller, sehr beredter und redseliger Mann. Als er nach einigen Stunden wegen des Abganges des Zuges mich verlassen mußte, war er so versunken im Gespräch, daß er die Treppe hinausstieg, statt hinunter und ich ihn zurückholeu mußte. Dafür entschädigte mich der freundliche Empfang des Dr. Ludwig August Frankl, der sich, namentlich in Oesterreich, durch seine nationalen Gesänge eines großen Rufes als Dichter erfreute und gerade damals durch ein längeres satirisches Gedicht aus das handwerksmäßige Ge-