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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-10-13 · Heft 41 (13.10.1887) · p. Seite 649

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 41 (13.10.1887)
Date
1887-10-13
Page
Seite 649 (sequence 9)
Language
German
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649 dieses nahm dort an den jüngsten hohen Feiertagen am Gottesdienste, der von dem so strebsamen Lehrer der Gemeinde, Herrn Sieger, geleitet wurde, Theil und konnte sich überzeugen, wie alle den Wunsch hegen, für einen würdevollen, erhebenden Gottesdienst zu wirken. Unter Begleitung des Harmoniums sangen sowohl Gemeinde, wie auch Chor abwechselnd deutsche Gesänge, wodurch der ganze Gottesdienst einen äußerst feierlichen Charakter zeigte. Es bestätigt sich hier vollkommen, daß Einigkeit stark macht, und wie ehrend und anerkennend sowohl für die Gemeinde, wie auch für den Lehrer ist diese Thatsache. n. Oesterreich-Ungarn. Pest, 8. Oktober. Manche Leute aus dem Volke glauben, wenn sie bei einer Wahl ihre Stimme abgegeben haben, dann ist ihr Candidat gewählt, und sind äußerst erstaunt, ja entrüstet, wenn sie erfahren, daß trotzdem ein Anderer der Erwählte ist, natürlich durch die Mehrheit. Das ist dann nicht mit rechten Dingen zugegangen, nach ihrer Meinung, und — sie protestiren. So erging es den Wählern des früheren, jetzt durchgefallenen Abg. Berhovay, des berüchtigtsten Antisemiten. Man meldet aus Pest vom 1. d.: Aufsehen erregte in allen Straßen der Stadt das Erscheinen von 700 Bauern, einer Deputation der Wähler des Antisemiten Berhovay, um gegen die Wahl seines Gegners vor dem Parlament zu demonstriren. Inzwischen hat das Abgeordnetenhaus die Wahl Komjathys, des Gegners Berhovays, verificirt. Die Deputation wurde unter polizeilicher Bedeckung an den Bahnhof geleitet. Rußland. Lodz, 2. Oktober. (Privatmitth.) Der ministerielle Erlaß, die jüdischen Studenten auf Universitäten auf 3 %, .r)°|0 und 10 °/0 zu beschränken, wird sehr streng genommen utib strenger befolgt, als der Erlaß lautete. Die Folgen davon waren, daß 120 jüdische Studenten zum orthodoxen Glauben übergetreten sind und wer mag im voraus sagen, was noch kommen wird. Die Meldung, daß in Chardow allein 64 Juden den orthodoxen Glauben angenommen haben, giebt dem Fürsten Meschtscherski zu einigen Betrachtungen mtb Bedenken Anlaß, die wir der Originalität wegen hier mittheilen. Der Fürst sagt u. A.: Ein Jude, der seinem Glauben treu bleibe, ist ehrenwerther als einer, der, ohne sich viel zu bedenken, einen anderen Glauben aunehme, ein solcher Mensch hat keinen Gott mehr und ist daher zu den größten Gemeinheiten fähig, um nur seinen Zweck zu ererreichen, wie kann der Staat gerade einen solchen Renegaten in seinen Schutz nehmen und ihm Thür und Thore öffnen, indem er ihm die Möglichkeit gewährt, Senator oder gar Oberprokurator der hl. Synode zu werden. Ein solches Verfahren mit der Religion, damit seinen Zweck zu erreichen, heißt gewissermaßen Spott treiben und das muß man durchaus zu verhindern suchen. Es sei damit nicht gesagt, die Juden am Uebertritt zum Christenthum zu verhindern, nein, es müssen nur Maßregeln getroffen werden, um den Ernst ihrer Absichten zu prüfen und zu verhindern, daß mit bent orthodoxen Glauben Spott getrieben werde. Zu diesem Behufe schlägt der Fürst Folgendes vor: 1) Der Jude verpflichtet sich, ein treuer Sohn der Kirche zu sein und alle Vorschriften genau zu befolgen. 2) Er kann dennoch nicht gleich auf der Universität Aufnahme finden, es müssen erst 2 Jahre ablaufen und im Laufe der Zeit 3) muß das Schäflein mit Geistlichen verkehren. 4) Nach Ablauf des ersten Jahres kann der Jude getauft werden. 5) Das zweite Jahr muß er wieder im Verkehr mit einigen gläubigen Orthodoxen zubringen, die sich ihrerseits verpflichten, seine Lebensweise zu z beaufsichtigen und die Aufrichtigkeit feiner Absichten zu prüfen. 16) Nach einer derartigen zweijährigen Prüfung könnte dem! Juden die Aufnahme in eine Universität gestattet werden, sollten diese Maßregeln wirklich getroffen werden, dann seinen wir, wird auch Niemand mehr zum — orthodoxen! Glauben übertreten wollen. n. Petersburg, im Oktober. (Privatmitth.) Die Mittheilungen der obigen Correspondenz aus Lodz werden durch die Petersburger „Wjedomosti" bestätigt und berichtet dieses Blatt, daß diesen getauften jüdischen Studenten der Kurator des Kiew'schen Lehrbezirks die Aufnahme derselben in die Universität verweigert habe, weil das Cireulair des Ministers nicht von Juden, sondern von allen Personen jüdischer Herkunft spreche. In der That verbreitet sich in Rußland immer mehr die Meinung, daß den getauften Inden der Eintritt in den Staatsdienst erst recht versagt werden müsse, weil sie durch ihren Abfall von ihrer väterlichen Religion und das offenbare Motiv, das sie dazu bewegt, erwiesen, wie sie gar keine Religion besäßen. Geschieht solcher Eintritt in die orthodoxe Kirche durch eine größere Anzahl, so kann die letztere dadurch nur Schaden erleiden. Weitsichtigere Personen können daher keinen Gewinn für die orthodoxe Kirche erkennen, wenn zu den vielen Millionen ihrer Bekenner ein paar Hundert Inden hinzukommen, wohl aber einen nicht zu unterschätzenden Schaden, so viele ungläubige oder heuchlerische Proselyten zu erhalten. Schließlich steht auch jenen getauften Jünglingen die Verordnung des Unterrichtsministers, welche auch die christlichen Gymnasiasten betrifft, entgegen, daß „Kinder von Angehörigen aus den niederen Schichten eine so hohe Bildung nicht anstreben sollten", so daß jetzt vielen, auch mit dem Zeugniß der Reife versehenen Christen die Aufnahme in die Universität verweigert wird. 41

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