Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1887)
- Date
- 1887-10-13
- Page
- Seite 648 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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648 sich gebracht. Nach zuverlässiger Schätzung der „Deutsch. Verk.-Ztg." wird in Berlin am 19. September reichlich eine halbe Million Briefe über den sonst üblichen Durchschnitt hinaus zur Bestellung gelangt. Die betheiligten Dienststellen hatten zur Begegnung des Ansturmes rechtzeitig Vorkehrungen getroffen. Die Sortirkräfte für die Bahnposten waren verstärkt; den am meisten betroffenen Bestellposlanstalten waren schon in der Nacht außergewöhnliche Bortransporte mit den von auswärts eingegangenen Briefen zugeführt und insbesondere war für ausreichende Vermehrung der bestellenden Boten gesorgt worden. Die Briefmassen, in der Mehrzahl offene Briefumschläge mit Karten, vertheilen sich nicht gleichmäßig über die ganze Stadt, sind vielmehr am zahlreichsten im OBezirk, im Norden und Nordosten, während im Süd- Südwest- und Westbezirk verhältnißmäßig nur eine geringe Steigerung sich bemerkbar machte. In diesem Fahre, in welchem das jüdische Neujahrsfest auf einen Montag fiel, war die rechtzeitige Bestellung durch die während der vorangegangenen Sonntagsruhe eingetretene Ansammlung von Bestellgegenständen besonders erschwert, sie ist aber mit Hilfe der erwähnten Vorkehrungen ordnungsmäßig bewerkstelligt worden. — Consequenz kann man den Herren Antisemiten nicht immer zuschreiben. Ein notorischer Förderer der Antisemiten und zwar derer, welche zu ihrer Devise gemacht hatten: „Kauft bei keinem Juden!" versendet jährlich mehrere Male seine umfänglichen Preiscourante und Waareneataloge an viele Juden (auch an uns! Red.), und bekundet dadurch als seine Devise: „Verkauft recht viel an Juden!" Die Geschäftsverbindung, die also nach der einen Seite abgebrochen wurde, soll nach der anderen eifrig gepflegt werden! Erklärlich, aber nicht consequent. — Vom 4. Oct. Die Socialdemokraten haben den von dem Deutschen Antisemitenbund unternommenen Versuch, im 6. Communalwahlkreis Stimmung für den vom Bund in Aussicht genommenen Candidaten Dr. Bachler zu machen, vorläufig vereitelt. „Der 6. Communalwahlkreis gehört den Antisemiten", so lautet das durch Säulenanschlag kundgegebene Thema, welches in der für gestern Abend nach dem Westend- Casino berufenen Versammlnng erörtert werden sollte. Der Besuch war nicht allzu stark, die Antisemiten selbst waren in der Minderheit, die Mehrzahl setzte sich aus Anhängern der Socialdemokratie zusammen. Das Referat des derzeitigen Vorsitzenden des Bundes, Herrn Cunow, stellte den Redacteur Dr. Bachler als einen Verfechter der Arbeiterintereffen hin, wurde aber von den Arbeitern nur mit höhnischem Gelächter ausgenommen. In der Discussion wurde dann vom j Tapezierer Krüger geradezu ausgesprochen, daß, wie der Besuch der Versammlung zeige, der Wahlkreis weit eher den 1 Arbeitern als den Antisemiten gehöre. Als schließlich auch j ein Vertreter des Kartells, Schriftsetzer Harpe, das selbständige Vorgehen des Antisemitenbundes tadelte und darob eine recht langathmige Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Vorsitzenden sich entspann, wurde die allgemeine Heiterkeit derart, daß Herr Cunow es vorzog, die Versammlung zu schließen, ohne die Verhandlungen zu Ende zu führen. Hamburg, 7. Oct. (Privatmitth.) Der Bericht in dieser Ztg. über die Abhandlung des Herrn Maxime Du Camp betreffs der jüdischen Wohlthätigkeit in Paris hat hier, wie gewiß überall, recht erhebend und wohlthuend gewirkt. Das Erfreulichste ist jedoch, daß ähnliche Berichte aus allen größeren und verhältnißmäßig auch aus vielen mittleren Gemeinden gegeben werden könnten. Aus Berlin, Wien, Frankfurt am Main u. s. w. wären sehr umfängliche Darstellungen der Organisation der jüdischen Wohlthätigkeit zu liefern. Wir erinnern, daß schon 1841 Leopold Dukes eine Beschreibung aller wohlihütigen Vereine und Anstalten der hiesigen beiden jüdischen Gemeinden herausgegeben hat, welche einen stattlichen Band füllt, und was ist seitdem in den 46 Jahren noch Alles geschehen und in's Leben gerufen worden! München, 28. September. Bei dem Schöffengericht kam heute der Fall vor, daß einer der Vorgeladenen, ein Israelit, die Ableistung des Eides verweigerte im Hinblick auf den heutigen großen Festtag der Israeliten. Das Gericht erkannte die Weigerung für berechtigt an und vertagte die betreffende Verhandlung. (Es wäre sehr zu wünschen, daß sich auch andere Gerichtshöfe von denselben Billigkeitsgründen leiten ließen, wo das Gesetz nichts darüber vorschreibt.) (S. nächste Nr.) Aus Westphalen, im Oktober. (Privatmitth./ Die Wahrnehmung, daß hier in manchen israelitischen Gemeinden sowohl gegen den Besuch der Synagoge, wie auch gegen gottesdienstliche Einrichtungen der Jndifferendismus so sehr hervortritt, bestätigt sich leider. Es ist deshalb um so erfreulicher, wenn man und namentlich von einer kleineren Gemeinde das Gegentheil constatiren kann. Es ist dieses die Gemeinde Levern im Kreise Lübbecke. Im Jahre 1843 wohnten dort nur drei, und jetzt neun Familien mit nur fünf schulpflichtigen Kindern, und wurde damals der Gottesdienst in einem gemietheten Lokale abgehalten. Der sehnlichste Wunsch, ein eigenes Gotteshaus zu besitzen, ist ihnen unter großen Opfern im Jahre 1873 erfüllt und wurde später auch noch ein Begräbnißplatz hergestellt. Zur Hebung des Gottesdienstes wirkten Alle unabläßlich und wurde sogar in jüngster Zeit ein Harmonium beschafft. Schreiber! * Die folgende Mittheilung glaubten wir ihres Platzes vollkommen werth, da sie in eminenter Weise zeigt, was ein edler re-! ligi'öser Eifer selbst mit geringen Kräften auszusühren vermag. Möge; dtes vielen Anderen zum Beispiel und Vorbild dienen! Redaktion.