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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-10-13 · Heft 41 (13.10.1887) · p. Seite 647

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 41 (13.10.1887)
Date
1887-10-13
Page
Seite 647 (sequence 7)
Language
German
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647 irgend wen an einer wunden Stelle zu berühren. Man ist aber jetzt an schöne Redensarten so gewöhnt, daß diese gar keinen Eindruck mehr machen. Es ist ein seelischer Kitzel, der gefällt, aber vergessen ist, sobald das Wort vorüber gerauscht. Man muß mir erlauben, das Amt, zu welchem man mich berufen, ernst zu nehmen, muthig die Sonde in die Wunde zu senken und das weiter fressende Gift auszuschneiden. Sonst ist die aufgewendete Mühe eine verschwendete und die Kanzel mehr ein Ort, um zu gefallen, als um der Wahrheit die Ehre zu geben und zu bessern. Bon der Person, welche das Amt ausübt, ist hier überall abzusehen, nicht sie, sondern das Amt, nicht das Individuum, sondern die Aufgabe, die ihm gestellt worden, spricht. Wer nicht blind sein will, muß zugestehen, daß der Unglaube, die Zweifelsucht, die menschliche Selbstüberhebung, kurz, die materialistische Richtung bereits eine gefahrdrohende Höhe erreicht hat und rechnen wir hierzu die vielen abseitigen Interessen, die Zerstreuungs- und Vergnügungssucht und die, jedem ernsten Streben fern liegende Literatur, so erscheint alles Ideale und insonders das Religiöse und Sittliche in großer Gefahr, und wir haben, nicht für den Bestand des Judenthumes selbst, wohl aber für den religiös-sittlichen Bestand zahlloser seiner Bekenner und besonders der aufwachsenden Jugend aufs ernsthafteste zu fürchten. Da bedarf es eines entschiedenen Entgegeutretens, eines rücksichtslosen Ankämpfens, wenn wir die Hoffnung auf irgend welche Besserung oder auch nur das Bewußtsein, unsrer Pflicht genügt zu haben, hegen sollen. V. Hier ist es, wo wir eben andrer Ansicht sind; das ist der Angelpunkt der ganzen Frage. Wir meinen, daß, wenn ein Hirt glaubt, daß seine Heerde anfange, sich zu zerstreuen, so dürfe er ihr nicht Steine und Stöcke nachschleudern, denn dann würde sie um so mehr auseinanderlaufen; sondern er muß seine lieblichsten Töne, seine, der Heerde wohl bekannten Melodien anstimmen, um sie zu sich zurückzurufen. — Dies ist die Controverse, und ich überlasse es dem Leser, sich die einen wie die anderen Gründe zu überlegen und sein Urtheil sich zu bilden. Würde ich eine persönliche Meinung hinzufügen, so würde ich dem Leser doch nicht die Nothwendigkeit entziehen, seiner eigenen Meinung sich zu vergewissern. Gewiß ist es, daß unsre Gemeinden vor allem der Eintracht und des Friedens bedürfen, und dann, daß ein geschickter, vom rechten Sinn und Takt geleiteter Redner seinen Hörern alles zu sagen verstehen wird, was er will, was ihm in der Seele lebt, ohne sie, wie man zu sagen pflegt, vor den Kopf zu stoßen. Gilt es doch, diese Zuhörer zum Nachdenken zu bringen und in ihnen das Gefühl zu wecken, daß sie nicht wohl thun und daß sie mit Ernst daran gehen müßten, einen anderen Weg einzuschlagen. Ob dies nicht viel mehr auf dem Wege ruhiger Mahnung und Vorstellung, als durch das Erregen von Aerger und Entrüstung geschehe, muß ich der einen wie der anderen Partei zur Berücksichtigung stellen. Immer aber scheint es doch auch über die rechte Grenze zu gehen, aus einer einmaligen, vielleicht durch besondere Motive hervorgerufenen Erregung des sonst tadellosen geistlichen Lehrers zu Parteinahme und Spaltung sich verleiten zu lassen. Deutschland. Berlin, 29. September. Bei den hiesigen Antisemiten ist eine mehrfache Filtration vorsichgegangen. Da haben wir zuerst die „Christlich-Sozialen" Stöckers, diese waren den eigentlichen Antisemiten nicht mehr entschieden genug und sie bildeten daher einen „deutschen Antisemitenbund", aber auch dieser genügte den „reinen, unverfälschten" Judenhaffern nicht mehr, und so haben diese sich von jenem getrennt, um unter der Fahne Böckels einen „deutschen Reformverein" zu bilden. Am Mittwoch Abend hielt dieser die Eröffnungsfeier des neuen Vereins ab. In den Statutenbestimmungen heißt es u. a., daß kein Mitglied Mitglied eines anderen politischen Vereins sein darf. Juden, auch getaufte, sind ausgeschlossen. Herr Böckel berichtete über seine Agitationsreise in Pommern, wobei ihm mehrfach auf Grund des Sozialistengesetzes die Versammlungen verboten worden sind. In mehreren Orten habe er Reformvereine gegründet. Den „Reformverein" begrüßt Redner mit großer Freude. Bisher babe allen Parteien die Klarheit gefehlt. Man sei des Hasses und Haders der Parteien müde und sehne sich nach einer Partei, die es verstehe, die widerstrebenden Interessen des Volkes zu versöhnen und dessen wahre Interessen voranzustellen. Das Programm des neuen Vereins verlangt unter Anderem, die Juden unter ein Fremdengesetz zu stellen. Nachdem die Antisemiten ebenso nach oben wie nach unten ihren Credit verloren haben, lassen uns solche Phrasen kalt. — Man berichtet von hier: Das jüdische Neujahrsfest hat in Berlin auch in diesem Jahre eine bedeutende Anhäufung von Cocrespondenzgegenständen bei den Postanstalten mit '■ i fl

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