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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-10-13 · Heft 41 (13.10.1887) · p. Seite 646

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 41 (13.10.1887)
Date
1887-10-13
Page
Seite 646 (sequence 6)
Language
German
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646 eine Entscheidung treffen zu wollen, will ich dieselbe im Für und Gegen zum Ausdruck bringen. Bezeichne ich die Partei des Rabbiners mit R., die des Vorstandes mit V. — B. Gerade am Jom Kippur, an welchem wir die Barmherzigkeit Gottks zur Vergebung unserer Sünden anflehen, und die Versöhnung mit unseren Nächsten als unerläßliche Forderung von der Religion gestellt wird, muß der Geist der Milde obwalten und der Sinn und das Herz der Menschen gerührt, nicht aber gereizt, verletzt, verbittert werden. So enthält an diesem Tage der Thoraabschnitt die Verheißung, daß wir von unseren Sünden rein werden vor Gott nach reuigem Bekenntniß unserer Verschuldung, aber keine herbe Strafrede; so schildert die Haphtora mit den erhebendsten Bildern die segensreichen Folgen der Berechtig, keit und Barmherzigkeit, aber keine Drohungen und verletzende Redensarten; und selbst das Buch Jonah, das nach Mussaph verlesen wird, lehrt, daß nicht die plumpe Mahnung zur Umkehr, sondern die Barmherzigkeit Gottes den Sünder auf dem Wege der Reue unterstützt und aufrecht erhält. Für eine Strafpredigt ist der S. Schuba bestimmt und von unseren Vorvordern dazu benutzt worden. — R. S. Schuba! Wem soll da die Mahnrede gelten? Für die, welche an demselben in der Synagoge sich befinden, ist sie in Bezug auf religiösen Jndifferentismus und die Nichtbeachtung der cultuellen Pflichten überflüssig, und diejenigen, denen, sie nützlich wäre, sind nicht da. Der religiöse Jndifferentismus ist jetzt so groß und wächst namentlich in der Jugend so gefahrdrohend an, daß wir alle unsere Kräfte zur Bekämpfung desselben aufweuden müssen und keine Rücksichten auf Personen nehmen dürfen, auch nicht zum Schaden der eigenen Interessen. Der jetzige Prediger muß dem Beispiele unserer gottbegeisterten Propheten folgen; er ist gewissermaßen ihr Nachfolger. Die Propheten standen aber niemals an, dem Volke und seinen Fürsten mit den stärksten Ausdrücken die Wahrheit zu sagen, und Niemanden mit ihren gerechten Borwürfen zu verschonen. Leset die ersten Capitel des „Adlers" der Propheten, Jesaias, er nennt sogar die Fürsten des Volkes Israel „Sodoms-Fürsten", und das Volk Israel „Gomorra-Volk", und hierüber geht wohl kein Tadel. Dennoch haben unsere Weisen bestimmt, daß dieses Capitel am S. Chason öffentlich verlesen werde, weil sie eben nichts für heilsamer hielten, als dem Volke den Spiegel der Wahrheit vorzuhalten! Niemand kann bitterer über die „Hirten des Volkes" Klage erheben, als es Ezechiel that im Lande der Verbannung — und legte er uns hiermit die Verpflichtung auf, kein Ansehen der Person zu achten, in den Punkten, wo Tadel verdient wird. V. Man kann davon absehen, ob unsere gegenwärtigen Kanzelredner als unmittelbare Erben des Prophetenamtes angesehen werden und sie sich denen gleichstellen können, welche nach unsrer hl. Lehre vom göttlichen Geiste beseelt und berufen waren, „das Wort des Ewigen", d. h. die unbestreitbare Wahrheit zu verkünden. Dennoch lehrt uns die Geschichte, daß die Strafreden der Propheten keine Wirkung auf das Volk gehabt, das ja vom göttlichen Strafgerichte heimgesucht werden mußte, also sich nicht von dem Pfade zum Abgrund zurückhalten ließ. Dennoch verhält sich die Sache anders. Kein Prophet hielt eine Strafrede, stellte das kommende Strafgericht in all' seinen Schrecknissen dar, ohne sofort auf die einstige Wiederherstellung einzugehen und dieselbe mit den kräftigsten Farben zu schildern und die Zukunft dem Volke in den anziehendsten Verheißungen in Aussicht zu stellen. Dies thut auch Jesaias, dies thun alle Propheten. Das Gesammtbild, welches uns daher die Propheten aufstellen, ist ein ganz anderes, als unser Gegner vorzugeben beliebt. Erst durch den versöhnenden Hintergrund erhält die Strafrede ihre rechte Bedeutung und ihre innerliche Begrenzung. Aber dies ist es nicht allein, was wir zu erwidern haben. Wir geben zu, daß die religiöse Lauheit vorhanden und zu bekämpfen ist. Die Frage ist nur nach den anzuwendenden Mitteln. Andere Zeiten, andere Zustände und Bedingungen. Die Propheten standen einem zum Abfall in den mit der gröbsten Sittenlosigkeit verbundenen Götzendienste geneigten Volke gegenüber und da war das Schwert der Rede nothwendig, um den kleinen getreuen Theil von der verderbten Masse zu trennen; sie standen, wie ihre Schilderungen uns hinlänglich erweisen, einer entarteten, sittenlosen, allen Lastern und Verbrechen hingegebenen Gesellschaft gegenüber und sie mußten daher tief in das kranke Fleisch einschneiden, um eine Heilung vorzubereiten und zu ermöglichen. So weit sind wir jetzt nicht. Fehler sind genugsam vorhanden, Vergehen bleiben nicht aus, aber im Ganzen ist es eine, dem Judenthume und seinen erhabenen Lehren von Gott und Sittlichkeit ergebene Masse, mit einer gewissen Geistesbildung vertraut, mit mannigfaltigen Interessen versehen, und da hat wohl die jüdische Kanzel die Verpflichtung und das Recht, neben der Belehrung auch ein mahnendes Wort zu sprechen und daran zu erinnern, daß das Band mit der Religion nicht locker werden dürfe und daß zum religiös sittlichen Heile auch ein enger Anschluß an die Religion in ihrer äußeren Erscheinung nothwendig sei. Aber immer muß hierbei eine gewisse Grenze nicht überschritten, nicht Leidenschaft, Bitterkeit und Spott angewendet werden. Was wir in der Synagoge suchen, das ist, daß uns das Erhebende, Stärkende und Tröstende der Religion ans Herz gelegt, in den Geist gesenkt werde. Wer aber in derselben nur herbe Vorwürfe und scharfe Kritik findet, entzieht sich ihr immer mehr. — R. Das läuft darauf hinaus, daß wir stets von Sanftmuth überfließen sollen und sorgfältig vermeiden müßten,

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