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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-10-13 · Heft 41 (13.10.1887) · p. Seite 644

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 41 (13.10.1887)
Date
1887-10-13
Page
Seite 644 (sequence 4)
Language
German
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644 Aufenthalt in Rom und Ancona gestaltet blieb. Von den späteren Päpsten hat sich nur Leo XII. als besonderer Feind der Juden gezeigt. Ihre Lage blieb mehr als zwei Jahrhunderte ziemlich unverändert. Auf die kurze Zeit der Freiheit während der französischen Herrschaft folgte die Reaction im Jahre 1314. Die Juden wurden wieder ins Ghetto getrieben und der Jurisdiction drs Cardinalvicars unterstellt, dessen Competenz sich auf Juden, Geistliche und öffentliche Dirnen erstreckte. Zu den Päpsten, welche sich den Juden gegenüber einigermaßen gnädig zeigten, rechnet Natali Gregor IX., Nikolaus III., Martin V., Benedict XIV., Clemens XIV. und, was vielleicht am meisten überraschen wird, auch den strengen Sixtus V. Doch spricht die Razzia, welche im ganzen Kirchenstaat gegen jüdische Bücher veranstaltet wurde, nicht eben für die Judenfreundlichkeit Benedict's XIV. Was Sixtus V. betrifft, so war es vorzüglich sein Eifer für die Beförderung des Seidenbaues, der den Juden zu gute kam. Er ertheilte einem Juden ein Patent, auf eine Erfindung aus den Seidenwürmern einen größeren Ertrag zu ziehen, knüpfte aber daran eine Bedingung, daß der Jude die Hälfte des Reinerträgnisses der Schwester des Papstes zukommen lassen sollte. Der einzige Papst, welcher die Juden wirklich menschenfreundlich behandelte, war Pius IX., der auch nach der Reaction und als „Gefangener im Vatican" sich den Juden nicht feindlich zeigte. Als im Jahre 1872 im römischen Gemeinderathe beantragt wurde, die Embleme des Christenthums aus dem Kirchhof von Campo Varano zu entfernen, sprach der Jude Samuel Alatri dagegen, und der Papst, dem es erzählt wurde, sagte hierauf: „Ich habe es immer gesagt, daß der Sor Samuele der christlichste unter den römischen Gemeinderäthen ist." Unter diesem Papste wurden zu Ostern des Jahres 1847 zuerst die Mauern, welche das Ghetto einschlossen, niedergerissen, und auf seinen Befehl wurde auch der erniedrigende Huldigungsact, den die Juden jedes Jahr der Stadt Rom und dem Papste leisten mußten, ganz abgeschafft. Früher mußten die Vertreter der Juden in vorgeschriebener lächerlicher Tracht vor dem Senator und den Conservatoren der Stadt erscheinen und mit demüthigen Worten die Huldigung leisten. Einer der Conservatoren versprach ihnen hierauf Schutz und Sicherheit, vorausgesetzt, daß sie den Befehlen der Obrigkeit jederzeit gehorchen und die vorgeschriebenen Judensteueru pünktlich entrichten würden. Dann entließ er sie mit dem Worte: Marsch! (Xaäute), das bis zum Anfang dieses Jahrhunderts von der Andeutung eines Fußtrittes begleitet war. Der Aufzug der Judendeputation zum Capitol in ihrer sonderbaren Tracht gab natürlich dem Pöbel Gelegenheit zu allerlei Neckereien und Hänseleien, von denen die Juden erst im Jahre 1827 befreit wurden, als ihnen auf ihre Bitten gestattet wurde, in gewöhnlicher Tracht zu erscheinen. Den Uebergang von den mehr komischen zu den rein tragischen Leiden der Juden in Rom bilden die Wettrennen, zu denen sie im Carneval gezwungen wurden. Mit nackter Brust und nackten Beinen mußten acht Juden eine Strecke von beinahe einem Kilometer laufen, und manchmal wurden sie noch vorher gezwungen, viel zu essen, damit ihnen das Rennen um so beschwerlicher fallen sollte. Versuchte es einer, zu entweichen, so wurde er mit Lanzenstichen zurückgetrieben. Herr Natali giebt nicht an, wann diese Jndenrennen eingeführt wurden; und wann sie abgeschafft wurden, ist aus seinem Buche auch nicht klar zu ersehen. Auf Seite 103 sagt er, daß die Juden sich durch die Bezahlung von 1130 Fiorini d^oro jährlich von der Pflicht des Rennens loskauften, und giebt sehr ausführlich an, wozu dieses Geld verwendet wurde, was uns gar nicht interessirt, während er das Jahr, in welchem der Loskauf zuerst stattfand, anzugeben vergißt. Daß sich die päpstliche Regierung auch die Bekehrung der Juden angelegen sein ließ, braucht nicht erst gesagt zu werden. In früheren Zeiten suchte man die Juden zu überzeugen und bediente sich dazu der Disputationen zwischen jüdischen und christlichen Gelehrten. Da aber letztere mitunter von den Argumenten der Juden in Verlegenheit gesetzt oder in ihren religiösen Gefühlen verletzt wurden, fand man es für passender, nur dem christlichen Theile das Argumentiren zu gestatten und die Inden zur Rolle der stummen Zuhörer zu verurtheilen. So kamen die Judenpredigten in Rom auf, zu deren Anhörung die Juden nach einer Bulle Gregor's XIII. vom Jahre 1584 einmal in jeder Woche gezwungen wurden. Jeden Sonnabend wurden alle Juden über zwölf Jahre in eine bestimmte Kirche getrieben und mußten eine mit Beschimpfungen der Juden gespickte Predigt anhören, in welcher die Wahrheit der christlichen Religion bewiesen wurde. Man bestand aber nicht auf der Anwesenheit aller in Rom lebeuden Juden, sondern begnügte sich mit einem Drittel oder gar nur mit hundert Männern und fünfzig Frauen, während die jüdische Bevölkerung Roms ungefähr dreitausend Seelen betrug. Sixtus V. reducirte die Zwangspredigten auf drei im Jahre, unter der französischen Herrschaft wurden sie ganz abgeschafft und unter Leo XII. wieder — fünfmal im Jahre — eingeführt. Sie hatten aber nur geringen Erfolg, was wohl davon herrührte, daß sich die gezwungenen Hörer die Ohren mit Baumwolle verstopften. Und die Päpste, in ihrer Milde verboten den Juden nicht den Gebrauch der Baumwolle, sondern begnügten sich denjenigen, welche die Predigt schwänzten, eine Geldstrafe aufzulegen. Sie belief sich im 16. Jahrhundert auf l2/3 Lire, ein für jene Zeit hoher Betrag. Diese Strafgelder wurden zur Unterhaltung des Katechumenen- und Neophyten-Hauses verwendet.

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