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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-10-13 · Heft 41 (13.10.1887) · p. Seite 643

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 41 (13.10.1887)
Date
1887-10-13
Page
Seite 643 (sequence 3)
Language
German
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643 auseinander unter dem schweren Tritte barbarischer Völker, die sich jedoch der jüdischen Idee, wenn auch stark modificirt, unterwarfen. Hier aber sollte es Rom gelingen, den Gedanken der Universalmacht noch einmal zu hegen und an dessen Verwirklichung zu arbeiten, allerdings nicht durch das römische Volk, aber doch von Rom ausgehend. Der Uebergang war eben, daß der römische Staat christlich geworden, das Christenthum durch Waffengewalt zur alleinigen Staatsreligion machte, die in Rom ihren Hauptsitz haben sollte. Aber gerade hierin lag wieder die Ursache des nur sehr theilweisen Gelingens. Das römische Reich war schon gespalten, und als nun das Christenthum sich zu einer Kirche mit mächtiger hierarchischer Organisation gestalten wollte, traf es auf das Hinderniß, daß der Osten sich dem Westen nicht unterwerfen wollte, und daß so von Anfang an eine römische und eine griechische Kirche erstanden, die sich, beide als „katholisch", d. h. universell bezeichneten, aber gegenseitig sich ausschlossen. Die Universalmacht der religiösen Idee war also dreifach getheilt: im Morgenlande der Islam/, im Abendlande die griechisch- und die römisch-katholische Kirche, von welcher letzeren später noch die protestantischen Kirchen sich trennten. Mitten unter ihnen allen aber bestand das Judenthum fort, wie ein festes Band, das sie einigen könnte, wenn sie — wollten. II. Die Juden in Rom.*) Kaum hatte der römische Kaiser das Christenthnm angenommen, als sich der Bischof von Rom über alle anderen Bischöfe erhob und auf den Primat in der Kirche Anspruch machte, besonders nachdem die Arianer mit Waffengewalt ausgerottet worden. Und worauf stützte sich hierbei der römische Bischof? Auf Juden. Nicht daß er das jüdische Hohepriesteramt fortzusetzen vorgab, darauf beschränkte er sich nicht, sondern machte auf den Charakter der Heiligkeit, die Statthalterschaft Gottes auf Erden und die Unfehlbarkeit Anspruch. Die thatsächliche Basis des Papstthums sollte vielmehr die Anwesenheit des Apostels Petrus in Rom und sein desfallsiger Ausspruch sein, des Apostels, der dem Judenthume am meisten ergeben war und der Trennung von ihm am längsten widerstrebte. Sollte doch selbst der Kirchenstaat ein Eigenthum Petri sein. Vielleicht kam es aus dem unwillkürlichen Gefühl dieses Umstandes, welchem also Rom verdankte, der Sitz des Beherrschers der katholischen Welt, also zum zweiten Male der Mittelpunkt einer, einen großen Theil der menschlichen Gesellschaft umfassenden Institution zu werden, daß Rom für die Juden ein verhältnißmäßig ruhi- 1) Eine Beschreibung des Ghetto in Rom s. Jahrg. 1853 Nr. 45 46. 48. gerer Wohnsitz als andere Länder blieb, und solche blutige Verfolgungen wie anderswo hier nicht vorkamen. Dafür aber wurden ihnen in dieser Stadt mehr Demüthigungen bereitet. Die Geschichte der Juden in Rom, welche so über zwei Jahrtausende befaßt, ist jüngst von Ettore Natali geschrieben worden, und der erste Band seines „II Ghetto di Roma“ ist erschienen. Das Buch liegt uns noch nicht vor, und wir benutzen ein ausführliches Referat in der „Münchener Allgemeinen Zeitung". Wie dieses bemerkt, fehlt es der Schrift Natali's an der angemessenen Anordnung des Materials und enthält sie mancherlei Lücken. Seit den Zeiten des Pompejns haben immer Juden in Rom gelebt. Sie wohnten, wie das ihre Art und wie es im Mittelalter oft auch bei anderen Fremden der Fall war, meistens in besonderen Gassen — in das Ghetto hat sie aber erst einer der fanatischesten Päpste, Paul IV., eingesperrt. Man duldete die Juden in Rom theils des Einkommens wegen, das man von ihnen zog, theils als abschreckendes Beispiel, damit die Christen sehen sollten, wie viel die Ungläubigen schon in diesem irdischen Leben zu leiden haben. Man beschränkte sie so sehr in jedem Gewerbe, daß sie nicht zum Wohlstand gelangen konnten. Deshalb kamen auch in Rom Plünderungen von Judenhäusern seltener vor als in anderen Städten. Ganz ließ sich freilich der Pöbel dieses Vergnügen auch in der ewigen Stadt nicht nehmen. Im Allgemeinen zeigt es sich aber, daß die Juden im Kirchenstaat während des Mittelalters viel weniger zu leiden hatten als in den späteren Zeiten. So genossen sie zum Beispiel im vierzehnten Jahrhundert in Anagni alle bürgerlichen und politischen Rechte, von denen sie noch im Jahre 1517 einen großen Theil besaßen. Die Zeit der Gegenreformation fachte auch den Judenhaß auf's Neue au, vielleicht weniger beim römischen Volke, als bei den Päpsten. Paul IV., der Papst, von dem der fromme katholische Historiker Muratori sagt, er habe die Worte des Apostels, „ein Bischof soll weder stolz, noch jähzornig sein" nicht genug beherzigt, und von dem Ranke erzählt, daß er „Stunden lang nach Tische bei dem schwarzen dicken vulkanischen Wein von Neapel saß", Paul IV., der erbitterte Feind des Hauses Habsburg, dem selbst Kaiser Karl V. und König Philipp II. nicht genug katholisch waren — war vielleicht der größte Judenfeind unter allen Päpsten. Er machte sich aber bei den katholischen Römern nicht minder als bei den Inden verhaßt. Nach seinem Tode wurde der Palast der Inquisition geplündert und angezündet und die Gefangenen befreit; des Papstes Bildsäule ward vom Postamente gerissen, zerschlagen und der Kopf derselben mit der dreifachen Krone durch die Straßen geschleift. Pius V., der Nachfolger Paul's IV., stellte das Gebäude der Jnqusition wieder her und vertrieb die Juden aus Benevent und Avignon, so daß ihnen im Kirchenstaat nur der 41*

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