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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-10-13 · Heft 41 (13.10.1887) · p. Seite 642

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 41 (13.10.1887)
Date
1887-10-13
Page
Seite 642 (sequence 2)
Language
German
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642 spruche, welchen Jesaias (Kap. 2.) und Micha (Kap. 4.) zum Texte ihrer Reden machten, wird verkündet, daß einst alle Völker der Erde sich zur Lehre und Anbetung des einzigen Gottes um Israel schaaren und ein Reich des allgemeinen Friedens in Liebe und Gerechtigkeit gründen würden. Es galt nicht eine weltliche Herrschaft herzustellen, als vielmehr eine religiös geistige, von einem Gedanken und einheitlichem Thun geleitete Gemeinschaft aller Völker, in deren Reihen natürlich Israel als Träger dieses Gedankens, der dafür gelitten, an der Spitze sich befände. Erst spater, als der Prophet den Israeliten die Rückkehr nach dem h. Lande und die Wiederherstellung Israels als eine glänzende Zukunft ausmalen wollte, kommen Bilder vor, welche die Völker und ihre Könige gewissermaßen als unterworfen in hyperbolischer Weise zeichnen. Als Mittel hierzu dachte der Prophet sich, daß die wunderbaren Schicksale des Volkes Israel, die bevorstehende Rettung und Erhebung desselben aus denr Zustande der Knechtschaft zur Freiheit und Macht die Völker von der Wahrheit seiner Lehre überzeugen würden, indem sie einsähen, daß ein solches Geschick die unmittelbare That der Gottheit sei. Je mehr aber die Volksexistenz der Juden zurückging, die heroisch wiedergewonnene Selbständigkeit abermals verlor, so daß die Nation der Willkür einer fremden Macht preisgegeben war, je weniger andererseits die Hoffnung sich erfüllte, daß die Wahrheit durch sich selbst die Menschengeister sich erobere, zog sich jene Idee der Universalherrschast der Religion Israels in die Vorstellung eines persönlichen Messias hinein, der, aus Davidischem Geschlechte, von Gott gesandt und mit übernatürlichen Kräften ausgerüstet, alle Völker überwinden, Israel an die Spitze aller Nationen stellen und über die ganze Erde in Frieden und Recht regieren würde. In welches orientalische Gewand diese Vorstellung gekleidet ward, ist hier nicht weiter auszuführen. Sie lebte fort und fort in allen Resten des jüdischen Stammes, diesem einen beträchtlichen Theil seiner außerordentlichen Widerstandskraft verleihend, bis sie sich wieder in unsrer Zeit zu dem prophetischen Urgedanken von der messianischen Zeit erweiterte, in welcher der reine Monotheismus mit seiner Consequenz der sittlichen Reinigung der Menschen und des allgemeinen Friedensreiches die Ideenwelt des Menschengeschlechtes ausfülle. Bis dahin aber war noch ein weiter Weg zurückzulegen. — So lange es sich nur um die äußere Herrschaft handelte, und der römische Prokurator in Jerusalem nur Geld und äußere Unterwürfigkeit forderte, fügten sich die Juden. Die Römer wußten wohl, daß die Juden in religiöser Beziehung sehr eigenartig wären, ihre Religion und ihr Cultus nicht wie die der übrigen Völker sich zur Einfügung in das römische Pantheon eigneten, aber von der in diesem Volke vorhandenen Idee einer dereinstigen Herrschaft ihrer religiösen Lehre über die ganze Erde hatten sie keine Ahnung. Und hier war nun das Gebiet, auf welchem der Zusammenstoß vor sich ging. Der Cäsarenwahnsinn der römischen Imperatoren war entrüstet über die Weigerung der Juden, ihre als Götter verehrten Bildsäulen in ihrem Tempel aufzustellen. Man griff das Volk in seinem Abscheu gegen alle Götterbilder an und rief so den Aufstand der Juden gegen die römische Weltmacht hervor, welcher nach blutigen Kämpfen zum Untergang der jüdischen Nation als solcher führen mußte. Es war für die Juden verhängnißvoll, daß sie sich zu einer Zeit empörten, wo das römische Reich keinen irgend mächtigen Gegner zu bekämpfen hatte, so daß die ganze Kraft desselben gegen das Bollwerk des Judenthums, Jerusalem und den Tempel, verwendet werden konnte. — Aber die Idee, welche in Juda lebte, war hiermit nicht bezwungen. Nicht einmal gelang es den Römern, das kleine Volk auszurotten, denn es war bereits in einzelnen Gruppen bis zu den entferntesten Gegenden des römischen Reiches gedrungen, und hatte sich selbst in der Hauptstadt des Reiches eine viele Tausende zählende Gemeinde geschaffen. Andrerseits lag es in der römischen Politik, sich mit wehrlosen Resten unterworfener Volksstämme nicht weiter zu befassen und sie zu dulden. Die Juden erhielten das römische Bürgerrecht und fingen an, sich mit dem römischen Leben zu amalgamiren und in die öffentlichen Aemter einzutreten. Aber die religiöse Idee Israels erhielt in ihrer Tendenz zur allgemeinen Ausbreitung einen anderen Weg, der von der israelitischen Individualität absah und über das römische Heidenthum , in welches der Polytheismus der anderen Völker aufgegangen, siegreich hinwegführte. Aus der Mitte des Judenthums, durch Juden getragen und gestaltet, erstand das Christenthum, um allmählich anwachsend das ganze Abendland und die später demselben annectirten Länder für sich zu gewinnen. Wir wallen hier nicht näher ausführen, inwiefern das Christenthum wesentliche Elemente des Judenthums abstreifen und dafür Elemente aus der Ideen- und Siltenwelt derjenigen Völker in sich aufnehmen mußte, welche es sich zu eigen machen wollte — es erfloß daraus, daß Christenthum und Judenthum aus ihrer ursprünglichen Identität herausgehen und selbst in einen Gegensatz gerathen mußten. Beide aber hielten die Idee der Universalherrschaft fest, jedes für sich 'selbst, nur daß das Christenthum sich auf obige Weise die Wege erschlossen hatte, im Abendlande in den folgenden Jahrhunderten überall die Herrschaft zu gewinnen. Dagegen erstand sechs Jahrhunderte später, ebenfalls die Elemente der religiösen Lehre dem Judenthume entlehnend und mit solchen der arabischen Volksideen verschmelzend, der Islam, der sich noch schneller über einen großen Theil des Orientes verbreitete. Doch lassen wir diesen, da wir uns heute vorzugsweise mit Rom beschäftigen. So war Rom durch die jüdische Idee überwunden, und das römische Weltreich fiel

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