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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-10-06 · Heft 40 (6.10.1887) · p. Seite 637

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 40 (6.10.1887)
Date
1887-10-06
Page
Seite 637 (sequence 13)
Language
German
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637 Fall, in welchem Alle, die sie durchlebten, von der allgemeinen Bewegung ergriffen wurden. Allein dies bedurfte einiger Vorbereitungen; denn wo man weltgeschichtlichen Ereignissen gegenübersteht, muß der Besonnene sein Nrtheil und seine Worte überhaupt wohl abwägen, um gerecht zu sein und einigen Anspruch auf Werth seiner Meinung machen zu können. Einstweilen nehme daher der freundliche Leser mit einem harmlosen Berichte über eine Reise nach Wien, die ich im Hochsommer 1853 ausführte, fürlieb. Es galt hier nicht bedeutsame Zwecke. Damals waren die österreichischen Lande, obschon im deutschen Bunde, in dessen wiedererstandenem Bundestage Oesterreich das Präsidium führte, doch viel mehr vom übrigen Deutschland getrennt als in der Gegenwart. Der gegenseitige Verkehr war schwach, die Beziehungen unter einander waren wenig gepflegt. Meine Absicht war daher zunächst, die hervorragenden Männer der großen Donaustadt, wenigstens die unserer Religion kennen zu lernen und freundschaftliche Verbindungen mit ihnen anzuknüpfen. Besonders bewog mich hierzu die Absicht, die ich damals mit mir trug, neben der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" ein „Jüdisches Volksblatt" für die Massen unserer Glaubensgenossen zu gründen, ein Gedanke, welchen ich auch 1854 ausführte und dreizehn Jahre lang verwirklichte, bis die sich häufenden Arbeiten für das „Institut zur Förderung Israelitischer Literatur" die Fortführung des Blattes mir unmöglich machten. Ich hoffte nun, in Wien, wo die leichtere publizistische Presse immer geblüht hatte, einige Mitarbeiter zu finden. Nun, eine Reise nach der ebenso anziehenden wie ehrwürdigen Residenz konnte nur verlockend sein, noch dazu, da in jener Zeit bereits die Eisenbahn von Magdeburg nach Wien führte. Jndeß hatte damals eine Reise nach Oesterreich auch einen etwas dunkleren Hintergrund. Nach den Erschütterungen von 1848 und 49, welche dem österreichischen Kaiserstaate so harte Stöße verursacht hatten, war dort die Reaktion in sehr starkem Maaße herrschend; das Regiment Bach-Thun lastete noch härter als das vormärzliche Metternich'sche System. Der Besuch von Fremden, besonders von fremden Literaten, ward von vornherein als verdächtig angesehen und man hatte polizeiliche Plackereien zu gewärtigen, noch dazu, wenn man nicht als hochkonservativ bekannt war. Fehlte es doch nicht an schwarzen Listen. Jndeß glaubte ich mich hiergegen genügend gewappnet. Niemals hatte ich mich in österreichische Angelegenheiten gemischt; niemals ein Wort gegen Oesterreich geschrieben, niemals überhaupt vor irgend einem Gerichtshof gestanden. Mein Paß war ordnungsmäßig ausgestellt und vom österreichischen Gesandten in Berlin visirt. — In Leipzig nahm ich von der Verlagshandlung einige Exemplare eines soeben im Druck fertig gestellten Bandes meiner Predigtsammlungen mit, um sie in Wien Freunden abzugeben; in Dresden wurden die befreundeten Familien Beer und Bondi besucht, und nun ging es zunächst auf Prag los. Auf der Grenzstation Bodenbach fand ich die ersten kleinen Schwierigkeiten. Die Zollbeamten untersuchten meine Effekten in peinlichster Weise, drehten jedes Ding nach allen Seiten um und legten schließlich auf die gedachten Bücher Beschlag. In Prag sollte ich sie mir von der Polizei wiederholen. Ich ging im Geiste das Buch durch und fand allerdings Stellen, die der damaligen österreichischen Censur mißfallen könnten. Doch daraus konnte höchstens eine Confiscation der Exemplare erfolgen. In Prag fand ich die herzlichste Gastfreundschaft bei dem Collegen Dr. S. Kaempf, der mit seiner liebenswürdigen Gattin mich einige Tage auf's Beste bewirthete. Er bewohnte einen nahe gelegenen Landsitz und aus dem gastlichen Zimmer blickte ich in den sonnenbeschienenen Park, und der fröhlichste Vogelgesang weckte mich des Morgens. Er erwartete mich schon auf dem Bahnhofe, wo eine abermalige Durchsuchung meiner Effekten stattfand. Um es gleich anzumerken: drei Male mußte ich die Polizei besuchen, welche mir zuletzt die Frage vorlegte: warum auf dem Titelblatte des Buches 1854 stände, da wir jetzt doch erst 1853 zählten? Ob die schlaue Wächterin des Gesetzes in jener Zahl irgend eine geheime Vorbereitung eines Attentats vermuthete? Ich hatte Mühe, ihr begreiflich zu machen, daß es ein nicht ungewöhnlicher Brauch der Verleger sei, gegen Ende eines Jahres ihre Verlagsartikel ein Jahr später zu datiren, um ihnen eine längere Novität zu sichern. Endlich erhielt ich meine Bücher zurück gegen einige Kreuzer Steuer. Im Uebrigen war mein Aufenthalt in Prag ein höchst angenehmer. Die Unterhaltung mit meinem geistreichen und sehr angeregten Wirthe war lebhaft, und las er mir einige seiner Uebersetzungen hebräischer Gedichte unserer spanischen Poeten vor, in denen er abermals seine ausgezeichnete Uebertragungsgabe erwies, welche er bereits in seinem Makamen aus dem Divan des Charisi (Berlin 1845) bekundet hatte. Auch besprachen wir manche seiner literarischen Entwürfe, die zu meinem Bedauern nicht zur Ausführung gekommen sind. Allein noch zwei Besuche erhielten mich in Spannung. Der erste galt dem allverehrten Rabbi Salomon I. L. Rapaport, welcher ein Jahr zuvor durch den ersten Band seines leider nicht fortgesetzten Ilrselr Millin die Bewunderung Aller durch seine Gelehrsamkeit und seinen Scharfsinn von Neuem erregt hatte. Die äußere Erscheinung dieses Mannes war äußerst imponirend, Ehrfurcht gebietend, und ließ auf den ersten Blick den Weisen erkennen, der während seines ganzen Lebens aus der Atmosphäre des Denkens und Forschens niemals herausgetreten. Eine hohe Gestalt mit weißem Haupthaare und Silberbarte, regelmäßigen intelligenten und doch freundlichen und ruhigen Zügen. Noch als er in Tarnopol fungirte und dort von orthodoxen Fanatikern an-

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