Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1887)
- Date
- 1887-10-06
- Page
- Seite 638 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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638 gefeindet wurde, hatte ich Gelegenheit, ihm einige kleine Dienste zu leisten. Ob er deren gedachte, weiß ich nicht; aber er empfing mich auf's Freundlichste, und obfchon wir in unserer religiösen Richtung nicht ganz übereinstimmten, wie sich dies namentlich in seinem Sendschreiben an die zweite Rabbinerversammlung bekundet hatte, so sprach er doch Anerkennung für meine Bestrebungen aus. Wir waren bald in ein interessantes Gespräch vertieft, und als ich endlich Abschied nahm, lud er mich dringend zum Mittagbrod für den nächsten Tag ein, damit, wie er sagte, ich auch einmal eine echt jüdisch-polnische Mahlzeit kennen lerne. Ich nahm es an und hatte es nicht zu bereuen. Von den Speisen ist mir allerdings keine in der Erinnerung geblieben, dagegen steht mir noch das ergreifende Bild des Patriarchen in der Mitte seiner Familie, in welcher, wie in allen, Freud und Leid vielfach gewechselt hatte, lebhaft vor der Seele. Wir saßen unter einem Zelte im Garten und hatten herzliche Freude an einander. Was ich an dem, doch in einer noch finstren Gegend erwachsenen Manne besonders bewunderte, war sein mannigfaltiges profanes Wissen. Als ich von ihm ging, fragte mich ein Begleiter: sagen Sie, hat der Rabbi aus einem Midrasch gesprochen, als er bemerkte, wir sähen die Sonne einige Zeit später als sie wirklich unter unserem Horizonte erscheint? Ich konnte ihm vorführen, daß der Rabbi keine Fiction eines Midrasch, sondern eine Wahrheit aus der Natur vorgebracht habe, denn obschan das Licht in jeder Zeitsekunde ca. 42,000 Meilen durchläuft, braucht doch bei der großen Entfernung der Sonne ihr Strahl etwa 9 Minuten, um in unser Auge zu fallen. — Der andere Besuch galt einem Freunde meines sel. Vaters, der diesen 1813 gastlich bewirthet hatte. Mein Vater hatte ein hebräischdeutsches Wörterbuch für Schulen ausgearbeitet, welches er in Prag drucken lassen wollte, um dem österreichischen Nachdruck zu entgehen, der ihn bei einigen früheren seiner Schriften empfindlich geschädigt hatte. Die drei ersten Buchstaben waren schon gedruckt, als Oesterreich den Alliirten beitrat und Napoleon den Krieg erklärte. Die Unsicherheit der Lage, der Dauer und des Ausgangs des Krieges zwang ihn, schleunigst nach der Heimath zurückzukehren, so lange die Wege noch offen waren. Im folgenden Jahre wurde er von der typhösen Epidemie, einer Folge des Krieges, hingerafft. Jener Gastfreund, von meiner Ankunft in Kenntniß gesetzt, hatte mich zu sich geladen. Vierzig Jahre hatten ihm, dem hochbetagten Greise, die Erinnerung an meinen Vater nicht abgeschwächt. Es war für mich ein ergreifender Moment, einem so intimen Freunde meines Vaters zu begegnen. Etwas über zwei Jahre alt, als dieser starb, hatte ich niemals eine Vorstellung, ein Bild von meines Vaters Persönlichkeit, und dies ist für jeden Sohn ein schwerer Verlust für das ganze Leben. Noch mehr, durch einen nicht sehr gewissenhaften Vormund waren wir aller Papiere meines Vaters verlustig gegangen, so daß ich seine Handschrift zum ersten Male erblickte, als während meiner Studienzeit ein Correspondent meines Vaters in Posen mir drei von dessen hebräischen Briefen zum Geschenk schickte, einen Brief für jeden der drei Söhne. Der Prager Herr wies mir alsbald ein Buch meines Vaters vor, in welches dieser einige hebräische Verse zur Widmung hineingeschrieben hatte. Wir waren beide tief gerührt, und ich hatte Mühe, meine Thränen zurück zu halten. Einige Zeit später sandte mir jener Freund vor seinem Tode das Buch zum Geschenk. — — Freund Kämpf ließ es nicht daran fehlen, mich während meines kurzen Aufenthaltes mit Prag und seiner nächsten Umgebung bekannt zu machen. Prag, diese entthronte Königstochter, bietet des Merkwürdigen Vieles, sowohl landschaftlich an den beiden Ufern der Moldau hingelagert und von grünen Bergen umgürtet, als auch durch seine historischen Denkmäler und Erinnerungen. Zunächst besuchten wir die jüdischen Merkwürdigkeiten, die alten Synagogen, den hoch interessanten alten Friedhof u. s. w. Dann schwärmte ich allein auf dem Hradschin, dem Lorenzberg, der Sophien- und Schützeninsel umher und durchwanderte die gewundenen Straßen mit den alterthümlichen Häusern und vergaß auch den Tandelmarkt nicht. Eine Bemerkung, die mir dort auffiel, will ich nicht unterdrücken. Vor den alten Synagogen machte eine beträchtliche Schaar jüdischer Bettler Queue, und auf dem Tandelmarkte sah man ausgeprägte jüdische Physiognomien in Menge. Was sich mir unn bemerkbar machte, war, dieselben Physiognomien, die ich sonst in geachteten, ja verehrten Persönlichkeiten erblickt hatte, sahen mich hier in nicht sehr achtbarer Fassung an und zeigten unseren Stamm vielfach in entstellter Gestalt. Doch dieser Eindruck ging schnell vorüber und mit wahrhafter Befriedigung nahm ich vom Familienkreise meines verehrten Wirthes und von Prag Abschied. Noch eine andere jüdische Gelehrtengröße wohnte damals in Prag, der Professor an der Prager Universität Wessely. Er war Professor der Jurisprudenz, früher jedoch Lehrer der jüdischen Religion, und besaß ein bedeutsames Wissen in seinem Fache, besonders auch im jüdischen Recht, sowie in der jüdischen Theologie, hatte auch ein schätzenswerthes Religionslehrbuch verfaßt. Er befand sich aber nicht zu Hause und lernte ich ihn erst später vorübergehend bei einer Begegnung kennen, eine untersetzte Gestalt mit gerundetem wohlwollenden und intelligenten Gesichte. Einige Jahre später verstarb er. — Prag war zu jener Zeit — nach der Niederwerfung der Revolution durch Waffengewalt — noch eine friedfertige Stadt, und die jetzt so tief gehende Spaltung der Bevölkerung Böhmens in Deutsche und Czechen war noch nicht vorhanden. Nur die Dienst-