Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1887)
- Date
- 1887-10-06
- Page
- Seite 636 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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636 fendsten Einfluß auf die Entwickelung der Medicin in Deutschland während des dritten bis fünften Decenniums unseres Jahrhunderts ausgeübt hat. Nachdem Schoenlein 1859 sein Amt niedergelegt, fungirte Joseph Meyer noch einige Jahre als Assistent Frerichs und wurde im Jahre 1862 dirigirender Arzt in der Eharitö. Nach Griesingers Tode wurde er 1868 Director der medicinischen Universitätspoliklinik. Diese Stellung hat er fast 20 Jahre, bis zu seinem Tode, innegehabt. Wissenschaftlich war der Verblichene namentlich in seinen jüngeren Jahren vielfach thätig gewesen; er hat sehr schätzenswerthe Arbeiten namentlich über Auskultation und Perkussion veröffentlicht. Seine Hauptthätigkeit aber, die ihm einen Mimen weit über Berlin hinaus gemacht hat, war die des behandelndes Arztes. Er war noch ein Vertreter jener Richtung in der Medicin, die es für ihre Hauptaufgabe hielt, dem leidenden Menschen zu helfen, und unermüdlich und sehr häufig mit dem glänzendsten Erfolge ist er in dieser Richtung thätig gewesen. Arm und reich, hoch und niedrig suchten gern und vertrauensvoll seine Hilfe auf, und Biele, die sein Hinscheiden vernehmen, werden in ihm ihren Lebensretter betrauern. Als Lehrer richtete er sein Hauptaugenmerk darauf, die jungen Aerzte mit den Erfordernissen der täglichen Praxis vertraut zu machen; unermüdlich war er im Unterricht; genaue Untersuchung des Kranken, scharfe Beobachtung der Krankheitssymptome, rationelle, die kleinsten Umstände berücksichtigende Therapie waren diejenigen Dinge, die er seinen Schülern besonders ans Herz legte. Seinen Assistenten war er der liebenswürdigste Chef, der niemals seine Autorität hervorkehrte und immer bestrebt war, aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen zu belehren und anzuregen. Als Mensch eiferte er seinem Vorbilde Spinoza nach, dessen Büste seinen Schreibtisch schmückte. „Wissen ist Macht", weil es den Menschen von der Gewalt der Leidenschaften befreit und ihn dadurch zur Tugend und zur Frömmigkeit führt. Diesen Spruch eines der tiefsten Denker aller Zeiten befolgte der Verblichene sein Leben lang. — Man schreibt aus Göttingen, 27. September. Die Wollenwaarenfabrik von Hermann Levin dahier, die größte Hannovers, feierte gestern ihr 50 jähriges Jubiläum. Aus kleinen Anfängen hervorgegangen, hat es dieses Etablissement, unter der Leitung seines noch rüstigen Gründers Hermann Levin, zu ihrer heutigen Bedeutung gebracht. Die Fabrik beschäftigt jetzt nahezu 400 Arbeiter und hat eine Jahresproduction von IV2 Mill. Mark. Seit einigen Jahren ist der Sohn des Begründers der Fabrik, Herr Ferdinand Levin, dessen Theilhaber. Es wird allgemein anerkannt, daß die Leitung der Fabrik sich durch große Humanität gegen ihre Angestellten und Arbeiter vortheilhaft auszeichnet. Die vielen Beweise der Anerkennung, welche Herrn Levin am Jubiläumstage zu Theil wurden, bezeugen dies. Deputationen des Magistrats, der Handelskammer, der Kaufmannsgilde und anderer Corporationen, Telegramme des Oberpräsidenten, Regierungspräsidenten und des Landesdirectors überbrachten dem Jubilar deren Glückwünsche. Das Fest dauerte zwei Tage. Die Firma beschenkte ihre Angestellten und Arbeiter reichlich, die letzteren mit Sparcaffenbüchern von 15—100 Mark Einlagen. Die Feier nahm unter Theilnahme aller Classen der Bevölkerung einen sehr harmonischen Verlauf. Pest, 21. Sept. (Literarische Notizen.) Der im Alter von kaum 29 Jahren am 6. April d. I. verstorbene Lucian von Hirsch in Paris wurde von mehreren jüdischen Dichtern in Elegien betrauert. Hr. Jaques Werber, der Redacteur des hebräischen Journals „Jbri Anochi", hat nun diese Elegien gesammelt und mit einer kurzen Biographie des hoffnungsvollen jungen Mannes, der im Rufe eines tüchtigen Numismatikers stand, unter dem Titel: ' p8 rrc by vn -Jim :rrp (Brody 1887) veröffentlicht. Zu dieser schön ausgestatteten Sammlung, welche durch ein größeres Gedicht „Der Zahn des Sohnes R. Jochanans" eingeleitet wird, haben die bekanntesten Hebraisten der Gegenwart, Bernstein und S. Margulies in Brody, I. Lewin und H. Sperling in Lemberg, Teller in Botuscha», Goldenberg in Tarnopol, Mandelkern in Leipzig, Gabener in Foltischan u. a., Beiträge geliefert. — Unter dem Titel ’dfod Gleichenberger Pastillen sind Epigramme von vr. Ad. Jellinek und Simon Bacher als Manuscript gedruckt (Budapest 1887), aus welchem man den geistreichen witzigen Prediger und den gewandten Hebraisten leicht erkennt. — Von der ungarischen Pentateuch-Uebersetzung Heinrich Deutsch's hat das 2. Buch Moses jüngst die Presse verlassen (Budapest 1887). Möchte die patriotische Arbeit des verdienstvollen Mannes nicht bloß Anerkennung, sondern auch den erwünschten Absatz finden. Kayserling. Is e u i i i c 10 n. Eine Wiener Reise im Äahre 1853. Die Erinnerungen aus meinem Leben, welche ich jüngst in diesem Blatte veröffentlichte, haben, wie mir mehrere Zuschriften versicherten, bei vielen Lesern Theilnahme gefunden und den Wunsch rege gemacht, daß ich noch Mehreres aus den verschiedenen Zeiten meines Lebens mittheilen möge. Besonders war dies bezüglich jener sturmbewegten Jahre der