Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1887)
- Date
- 1887-10-06
- Page
- Seite 630 (sequence 6)
- Language
- German
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630 nem Namen der Wahrheit nahe kommt, eine entsetzliche Furcht vor den Asiaten! den Russen, den rumänischen Völkern und den Semiten zu verbreiten, die er allesammt über die wenigen arischen Stämme, die noch übrig bleiben, die Germanen, herzufallen im Begriffe stehen, und die einerseits mit dem Schwerte, andererseits durch die Naturwissenschaften und die jüdischen Künste die Existenz der europäischen Arier aufs Furchtbarste bedrohen und welche durch den Gegensatz der Amerikaner gegen die alte Welt begünstigt werden. — Belassen wir den armen Wiener Docenten in seiner entsetzlichen Angst und Furcht, so bleibt doch übrig, da historisch Rußland von so vielen nicht arischen Völkerschaften überfluthet worden, daß das Bild der Rassenvertheilung im jetzigen Augenblicke äußerst verworren ist, und die „Wissenschaft", der wir so gern huldigen, treibt hier wieder einmal ein arges Spiel mit den Vorstellungen, die sie mit so vieler Mühewaltung aufgebaut hatte. Was das Resultat dieser neuen Forschungen sein werde, ist nicht abzusehen. Doch das ist schon gewiß, daß jener Gegensatz, den man zwischen Ariern und Semiten aufgestellt hatte, durch die Dazwischenkunft der Turanier aufgegeben werden muß. Und was will man denn im Grunde mit den Semiten? Wir sehen von den Jnvectiven des Herrn Wahrmund ab, der schon eine ganze Reihe von judenfeindlichen Schriften aus seinem Tintenfaß hat ausfließen lassen, und der dennoch nur die gewöhnlichen Phrasen vorzubringen weiß. Wir hatten früher mit ihm eine Polemik über die biblischen Schriften in der Beilage zur Augsburger „Allgemeinen Zeitung" geführt, und er hatte auf unsere Beweisführung nichts zu erwidern, als daß er uns in einem herauszugebenden dicken Buche widerlegen werde. Aber fragen wir, was wollen denn diese Leute mit ihren Semiten, wenn sie diese im feindseligsten Kampfe gegen die Arier darstellen? Die Semiten beschränken sich nach ihrer Angabe auf die Araber und die Juden. Nun, die Araber sind aus jeder Machtstellung seit undenklicher Zeit verdrängt und selbst in ihrem Heimathslande der türkischen, also der turanischen Herrschaft unterworfen. Die Juden aber sind seit fast zwei Jahrtausenden aus ihrem Mutterlande verjagt und in kleinen Gruppen über die ganze Oberfläche der Erde verbreitet. Sie waren immer nur ein kleiner Volksstamm, und sind um so mehr in ihrer Zerstreuung nur durch zahlreiche kleine Gruppen vertreten, eine verschwindende Minorität inmitten aller übrigen Völker. Sie waren Jahrhunderte lang ausgeschlossen, in den Staub getreten, verfolgt und athmen erst seit einigen Jahrzehnten wieder auf. Jedem Unbefangenen muß es deshalb geradezu als lächerlich erscheinen, wenn man dieser Handvoll Menschen das Streben und die Fähigkeit zuschreibt, die bestehende staatliche und gesellschaftliche Ordnung, von welcher sie doch durchaus abhängig sind und in -deren Bestand allein sie ihr Heil finden können, zu bedrohen oder gar zu gefährden. Allein man wird von selbst einsehen, daß diesem Wahrmund nur Haß und Murrsinn, und zwar so ziemlich gegen alle Welt, die Feder führen, und werden deshalb seine Machwerke bald der Vergessenheit anheimfallen. Jedenfalls, wenn schon von den Urhebern jener Theorie von der Gegensätzlichkeit der Arier und der Semiten so Mancher, z. B. Renan, seinen Jrrthum bekannt hat, so werden diese neuesten Hypothesen jener Theorie den Boden ausschlagen. Merkwürdig bleibt es, daß man aus linguistischen Gründen, also um seiner Sprache willen, einen Volksstamm ausscheiden und ihm geistige Eigenart zuschreiben will, während er diese Sprache bereits mehr als zwei Jahrtausende als Mutter- und Volkssprache aufgegeben, sie nur zu gottesdienstlichem Gebrauche bewahrt hat — gleich den Katholiken die lateinische — selbst ihre heiligen Urkunden in andere Sprachen übersetzt hat und überall die Sprache des Landes redet, in welchem die zerstreuten Glieder des Stammes wohnen oder zuletzt gewohnt haben. Hier eine tobte Sprache statt der lebendigen Geschichte als entscheidenden Faktor ansehen zu wollen, kann nur einer, von Borurtheilen und gehässiger Gesinnung unterstützten pedantischen und schemalisirenden sg. Wissenschaft einfallen und sich in solcher behaupten. Cm Sieg in Rumänien. Wir brauchen nicht erst an die schweren Bedrängnisse zu erinnern, welche unsere Glaubensgenossen in Rumänien zu erleiden haben, und zu deren sich Regierung, Kammern und Beamte die Hand reichen. Endlich ist eine erfreuliche Aussicht eröffnet worden, wenn sie sich auch nur für einen Theil unserer Glaubensgenossen erschließt. Eine Eorresp. der „Frkft. Ztg." berichtet Folgendes: Buckarest, 22. Sept In der gestrigen Sitzung des Bukarester Kassationshoses ist eine für die Stellung der rumänischen Judenschaft zum Staate hochwichtige Entscheidung getroffen worden. Ein aus Rumänien ausgewiesener Israelit, Namens Fior, war wieder nach Botoschan zurückgekehrt, war aber dort festgenommen und vom dortigen Gericht wegen unerlaubter Rückkehr zu einer Gefängnißstrafe von 15 Tagen und zur abermaligen zwangsweisen Abschiebung verurtheilt worden. Die von Fior beim Appellhofe zu Jassy eingelegte Berufung blieb erfolglos, obgleich die Advokaten Fior's hervorhoben, daß ihr Klient in Rumänien geboren und erzogen sei, daß nicht nur er, sondern auch seine Eltern außer Rumänien kein anderes Vaterland besessen hätten, und daß er demnach nicht auf Grund des blos für Fremde giltigen Ausweisungsgesetzes behandelt werden dürfte. Der Appellhof erklärte sich für inkompetent, die auf Beschluß des