Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1887)
- Date
- 1887-10-06
- Page
- Seite 629 (sequence 5)
- Language
- German
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629 schichte zu erklären versucht. In der jüngsten Zeit ist man jedoch wieder anderer Meinung geworden. Ein Berichterstatter sagt hierüber Folgendes: „Ueber die Herkunft der europäischen, gewöhnlich als arisch bezeichneten Völker sind nach der „Academy" von Jsaac Taylor in Manchester neue Vermuthungen aufgestelll, die mancherlei für sich haben. Entgegen der früheren Annahme von Pott u. a., nach welchen die Hochlande Zentralasiens die Wiege der arischen Bevölkerung bildeten, aus der sich allmälig die verschiedenen Europa in Besitz haltenden Völkerschaften losgelöst haben, neigen die neueren Forscher dazu hin, den Ursprung der arischen Rasse in Nordeuropa zu suchen, weil aus der Sprache hervorgehe, daß sie ein mit Wäldern bedecktes, an der See gelegenes Land bewohnt haben, das während eines großen Theils des Jahres mit Schnee bedeckt war und das von Bäumen vor allen Tanne, Birke, Buche, Eiche, Weide und Hasel aufzuweisen hatte: ebenso weise die Thierwelt auf das Land nördlich von den Alpen und westlich von einer von Danzig nach dem Schwarzen Meere gezogenen Linie hin. Der ursprüngliche arische Typus sei der der Nordgermanen gewesen, wie er noch heute sich in Skandinavien und Norddeutschland findet; die südlichen Völkerschaften, die dunkler gefärbt sind, entstammten meist turanischem oder iberischem Blut, und hatten arische Sprache nur durch arische Einwanderer und Eroberer bekommen. Daß helle Völker im Süden dunkler werden, sei nachgewiesen, nicht das Gegentheil, was doch nach der früheren Annahme nothwendig stattgefunden haben müßte. Aber aus welchem Stamm ist diese arische in Nordeuropa wohnende Rasse entstanden? Hierauf giebt Jsaac Taylor die Antwort: aus der finnischen Rasse. Daß man die Protoarier nach Asien versetzte, war vor allem durch die Annahme bewirkt, daß Sanskrit der arischen Ursprache am nächsten stehe. Nun wird aber behauptet, daß litthauisch eine noch ältere Form der arischen Ursprache darstelle, und daß die finnische Sprache in den ältesten Wurzeln, in der Bildung der Formen u. s. w. mit der arischen übereinstimme. Der einzige fundamentale Unterschied zwischen den zwei Sprachen liege darin, daß Finnisch kein Geschlecht unterscheide und den Plural ganz anders bilde, aber auch das Arische soll nach Sayce ursprünglich kein Geschlecht und an Stelle des Plurals nur den Dual gekannt haben, der wiederum in beiden Sprachen übereinstimmend gebildet wird. Natürlich muß dann die Bevölkerung Europas und Asiens in ganz anderer Weise vor sich gegangen sein, als bei der Annahme von einem in Zentralasien sitzenden Urarischen Stamm; man muß dann annehmen, daß Nordeuropa vom Rhein bis zur Weichsel von einer finnischen Bevölkerung eingenommen war, deren westliche und südliche Glieder Eigenthümlichkeiten ausbildeten, die wir mit der arischen Rasse zusammenzubringen gewöhnt find. Es läßt sich nicht läugnen, daß bei dieser Annahme eine große Masse Erscheinungen, die bei der anderen Annahme höchst sonderbar sind, ohne weiteres eine Erklärung finden." Nach diesen Ansichten haben wir also zunächst die Griechen und Römer und die jetzigen romanischen Völkerschaften, also die Franzosen, Italiener, Spanier, Portugiesen, Rumänen von der arischen Rasse zu unterscheiden und sie der turanischen hinzuzufügen. Während man bis jetzt die turanische Rasse nur in Mittelasien suchte, ist sie glücklich in Europa angelangt und befaßt die Völker, die früher die höchste Cultur erreicht hatten, und solche, welche einen Hauptstock der gegenwärtigen Cultur ausmachen. Statt zweier hat man nun drei einander gegenüberstehende Rassen. Doch noch mehr. Da tritt ein „Professor" der k. k. orient. Akademie und Dozent der Universität in Wien, Dr. Adolf Wahrmund in einer Schrift „Der Kulturkampf zwischen Asien und Europa" auf, und scheidet die Russen aus der arischen Rasse aus, sammt den Bulgaren und anderen Völkerschaften der Balkanhalbinsel, und schreibt sie den Turaniern zu. Für ihn ist die Grenze Europas an der Weichsel und an der untern Donau; die Magyaren sind ihm ein zweifelhaftes Gut, von dessen artiger Führung sein Verhältniß zu Oesterreich abhängt. Auf diese Weise erhält die arische Rasse nur ein sehr geringes Terrain, und der Kampf Asiens gegen Europa ist nach ihm nur ein Kampf der ganzen Welt gegen die germanischen Völkerschaften, welche allein — natürlich die Skandinavier eingeschlossen, die arische Masse ausmachen. Doch in seiner Weisheit hält der Wiener Docent den Satz „zertheile und herrsche" nur in der Form fest: „zertheile und kämpfe", wobei Sieg oder Niederlage sehr zweifelhaft ist. Denn mit all' diesen Kriegsmotiven noch nicht zufrieden, versetzt er Amerika in einen vollen Gegensatz zur „alten Welt" und findet im Schooße der arischen Völker die Juden als ihre mächtigen Feinde, die von Innen das Arenthum ebenso bekämpfen, wie die Turanier und andere Semiten von Außen. Die Ansichten des k. k. Professors bezeichnen sich dadurch, daß er auch in den Naturwissenschaften einen Gegner der arischen Cultur erblickt, da sie eine allgemein menschliche Erziehung gewähren und dadurch der nationalen Bildung den größten Schaden erwirken. Seiner Ansicht gemäß treten daher die Juden ganz besonders gegen die klassische Gymnasialbildung auf und die vielen Freunde der Realgymnasien sind ihm nur blinde Nachahmer der Juden. Man wird bald einwenden, daß ja nach den statistischen Angaben die jüdische Jugend in übermäßigem Prozentsatz die klassischen Gymnasien besucht. Darauf weiß Herr Wahrmund zu erwidern, daß dies die Juden thun, um sich vermittelst der klassischen Bildung die Herrschaft über die Christen zu erwerben! Es ist also das eifrigste Bestreben dieses Mannes, der nur in sei-