Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1887)
- Date
- 1887-10-06
- Page
- Seite 628 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227704--44754-3267052- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
628 Fünf Aerzte sind daran angestellt, consultiren täglich die Kranken und dispensiren ihnen die nöthigen Mittel. Der Zudrang ist so groß, daß ein Polizist aufgestellt ist, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Wir können es aber nicht unterlassen, die Schlußworte unseres Autors, mit welchen er von seinem interessanten Berichte scheidet, in wortgetreuer Uebersetzung wiederzugeben: „Das Beispiel der Frau Heine-Furtado würde allein schon beweisen, daß die jüdische Gemeinde von Paris, schon für ihre eigenen Angehörigen mütterlich besorgt, auch den übrigen Anstalten des Landes, in dem sie lebt, Hilfe bringt, so viel sie vermag. Trotzdem sie durch ihre Gebräuche und Religion von den anderen sich abschließt, tritt sie mit der ganzen Nation in unmittelbare Berührung, sobald es sich um die Wohlthätigkeit handelt. Ohne Borurtheil nimmt sie mit Aufgeklärtheit und Freigebigkeit jeden Unglücklichen auf, der seine Hand nach ihr ausstreckt; die Stadtverwaltung, die Gemeinden, die Privatvereine und die Bettler, die sich ein einträgliches Gewerbe aus der Bettelei gemacht, wissen es. Die Namen der jüdischen Reichen sind bekannt, ich finde sie in allen Subskriptionslisten wieder, immer bereit, für eine gute Sache beizutragen. Die Almosen nehmen zuweilen einen großartigen Umfang an; Madame James von Rothschild giebt 600,000 Frcs. der öffentlichen Unterstützung, um armen Arbeitern zu verhelfen, ihre Miethen zu bezahlen, und Antoine Königswarter vermacht eine Million dem Vereine für junge Gefangene, welchen Herr Bonjean leitet. Jeder unter den Reichen Israels ist bestrebt, „seine Gerechtigkeit zu thun" (Zedaka) und „der Zehnte" wird oft überschritten. Boas läßt nicht allein Ruth die Moabiterin Aehren sammeln, er selbst schüttet sechs Maß Gerste in ihre Schürze; die Tradition der Vorfahren hat sich nicht geändert. Man hat gesagt, daß die Wohlthätigkeit der Juden für sie eine Art sociale Nothwendigkeit sei und daß ihre Gaben, so glänzend sie auch seien, einer Versicherungsprämie gleichkämen, die ihnen ihr Glück schützen solle. Davon glaube ich nichts, und ich kenne recht viele große Geldschränke, die sich nicht durch solche Mittel schützen. Es scheint mir, daß das Motiv, das sie bewegt, ein ganz historisches ist. Warum soll man für die von Jacob stammende Rasse nicht den Vers Virgil's anwenden: klon iZnara, mali, miseris suecurrere disco? (Des Mißgeschickes nicht unkundig, lerne ich Unglücklichen beistehen.) Kein Volk ist je grausamer behandelt worden, als das, welches sich das Volk Gottes nennt. Während achtzehn Jahrhunderte hat die Menschheit gegen dasselbe gekämpft; es hat alle Erpressungen, alle Demüthignngen, alle Qualen kennen gelernt; es ist in seinem Glauben, in seinen Gebräuchen unerschütterlich geblieben und hat ein außerordentliches Beispiel von der Energie seiner Ueberzeugungen gegeben. Heute, obgleich es mit festem Fuße in dem Bürgerrechte steht, ist es noch nicht geschützt vor gewissen Borurtheilen, welche nur die Zeit verschwinden lassen kann; aber wenigstens in unseren arischen Ländern kann es am allgemeinen Leben Theil nehmen und wie Andere, sogar besser als Andere oft, den Kampf um die Existenz durchführen. Wenn es großmüthig ist, wenn die Wohlthätigkeit seine Haupttugend ist, so kommt dies daher, daß es die Zeit der Verfolgungen nicht vergessen hat, und wenn es mit denen Mitleid hat, die leiden, so ist es, weil es sich dessen erinnert, was es selbst gelitten hat." Mit diesen Betrachtungen schließt der Verfasser seine werthvolle Arbeit. Occident und Orient, Arier und Semiten. Wenn wir jüngst sagten, daß die Verworrenheit der Ansichten und Meinungen die Signatur unserer Zeit sei, so findet dies auf dem Gebiete, welches unsere Ueberschrist andeutet, seine volle Bestätigung. Die Kämpfe, welche kontinuirlich zwischen dem Orient und Occident stattgefunden und sich, wie es scheint, für die Zukunft noch fortsetzen werden, sind geschichtliche Thatsachen. Der Zug der Persergegen die Hellenen, der Mazedonier gegen Persien, die Herrschaft der Griechen in Kleinasien und Egypten, die Herrschaft der Römer bis über den Euphrat hinaus, der Einfall asiatischer Horden in Europa fortgesetzt durch die Tartaren und Mongolen, die Eroberung Spaniens durch die Mauren, die Kreuzzüge, die Eroberung Constantinopels und Besetzung der Länder bis in das Herz Ungarns durch die Türken, das allmälige Zurückdrängen der letzteren durch Oesterreich und Rußland und gegenwärtig die Invasion der Engländer, Franzosen und Russen, welche ungeheure Landstriche Asiens, Egypten und Nordafrika unter die Herrschaft des Occidents brachte — sie alle sind Glieder einer und derselben Kette. So die Geschichte, anders aber die Linguistik und die sich auf sie stützende Ethnologie. Sie ließ die historischen Ereignisse und Resultate außer Acht; vereinigte Völker zu einer Rasse, Völker von verschiedenstem Wesen und Culturzustande, warf Occident und Orient durch einander. So brachte sie insonders zwei Rassen zu Stande, die Arier und die Semiten, die sie nicht nur zu gegenseitigen Feinden stempelte, sondern ihnen auch verschiedene geistige Eigenschaften und Fähigkeiten zuertheilte. Wir kommen hierauf noch einmal zurück. Die Arier sollen also aus den Indern, Persern, Griechen und Römern, den Slaven, Germanen und Romanen bestehen; die Semiten aus den Arabern und Juden — denn die Assyrer und Phönizier sind seit Jahrtausenden verschwunden. Dies galt lange Zeit hindurch als feststehend, und darauf wurden ethnographische Systeme gebaut, dadurch die Ge-