Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-10-06 · Heft 40 (6.10.1887) · p. Seite 627

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 40 (6.10.1887)
Date
1887-10-06
Page
Seite 627 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227704--44753-3267051
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

627 auch Verbrecher hervorgingen, man also die gleiche Sorgfalt zur Vorbeugung verwenden mühte? Jndeß kommt er nunmehr zu zwei Anstalten, welche diese Lücke anszufüllen scheinen. Es sind dies das eigentliche Waisenhaus und die Anstalt für Handwerkerlehrlinge. Die Waisenpflege datirt sich in der jüdischen Gemeinde auf 1810 zurück, wo ein Waisenmädchen in einer Familie untergebracht wurde. Mit dem Wachsthum der Gemeinde genügte für die zunehmende Zahl von Waisen eine solche Einrichtung nicht mehr. Auf den Aufruf des Comitös spendete die Familie Rothschild 400,000 Francs; und andere Spenden vervollständigten diese Summe, um ein Waisenhaus für 50 Zöglinge beiderlei Geschlechts 1857 zu gründen. Aber auch dieses wurde zu eng und Madame Salomon von Rothschild kaufte ein Terrain und erbaute hier ein Waisenhaus, welches am 3. Juni 1874 eingeweiht wurde und gegenwärtig 50 Mädchen und 57 Knaben enthält. Jetzt ist dies das besondere Eigenthum des Herrn Edmond v. Rothschild, der mit einer wahrhaft väterlichen Fürsorge über die Waisen wacht und alle Kosten trägt. Anfänglich war es nur für Pariser Kinder bestimmt, seit 1871 werden auch Elsaß-Lothringer ausgenommen. Neuerdings öffnete es sich auch russisch-polnischen Waisenkindern. Der Berf. giebt eine ausführliche Schilderung der Einrichtungen, die er nicht genug zu loben weiß. Die älteren Mädchen verrichten den häuslichen Dienst und werden später als Köchinnen, Kammerfrauen, Lehrerinnen, so viel wie möglich in bekannten israelitischen Familien untergebracht. Die Knaben gehen meist in die Anstalt für Handwerkerlehrlinge über. Selbstverständlich ist die letztere auch für Knaben, die nicht Waisen sind, bestimmt. Schon im Waisenhause werden die Knaben zu nianuellen Fertigkeiten ausgebildet. Die Schule für Handwerkerlehrlinge oder vielmehr die Patronage der Lehrlinge wurde im Jahre 1852 gegründet. Auch hier wurden Anfangs die Zöglinge bei Meistern untergebracht gegen Zahlung einer bestimmten Summe. Es erwies sich aber, daß ein Internat für die Zöglinge vortheilhafter wäre. Nach dem Jahre 1871 bot Herr Dreyfus-Dupont, der das Elsaß verlassen hatte, der Gesellschaft 100,000 Frks. an, wenn sie immer unter ihren Zöglingen zehn Elsaß-Lothringer aufnähme. Herr Alexandre Lazare spendete 15 vollständige Betten, und so vermochte man ein größeres Gebäude für die Anstalt zu erwerben und einzurichten. Die Einrichtung dieser Anstalt wird am besten durch eine Schilderung der Tagesordnung gekennzeichnet. Im Sommer stehen die Kinder um 5, im Winter um Ö1^ Uhr auf. Nachdem sie gemeinsam das Gebet verrichtet, verzehren sie eine Suppe. Diejenigen, welche ihre Werkstatt in der Nähe haben, kehren zum Mittagessen in das Haus zurück; die, für welche die Entfernung zu groß ist, erhalten ihr Frühstück in einer blechernen Büchse, um jede Berührung mit Kneipen und Krämereien zu vermeiden. Ungefähr um 7 Uhr finden sich alle Zöglinge wieder ein, um gemeinschaftlich das Abendbrod einzunehmen. Nach einem kurzen Zwischenraum begeben sie sich in die Klassen, in welchen bis 10 Uhr Unterricht ertheilt wird. Dieser ist theils allgemein, theils den einzelnen Handwerken gemäß. Der Berf. hat die Arbeiten der Zöglinge durchmustert und war über die günstigen Erfolge des Unterrichts erstaunt. Im Jahre 1885 waren 74 Knaben in der Anstalt, welche den verschiedensten Handwerken und Künsten obliegen. Aber die Gesellschaft unterhält auch eine Anzahl Externe, für welche sie die Pension bezahlt und die des Abends dem Unterricht in den Classen beiwohnen. Jährlich vertheilt sie Preise den besten Zöglingen. Aber eine gleiche Anstalt besteht auch in der Arbeitsschule für junge israelitische Mädchen. Diese Anstalt verdankt ihre Gründung und Erhaltung ausschließlich Herrn Louis und Frau Amelie Bischoffsheim. 1872 gegründet, war die Anstalt bald zu klein, und 1877 bezog sie ein stattliches Haus, das für 50 Zöglinge ausreicht.-Der Zudrang ist aber hier noch so groß, daß man es angemessen fand, die Bittstellerinnen einem Examen zu unterwerfen. Die Anstalt ist in drei Classen getheilt: für Lehrerinnen, Geschäftskundige und Arbeiterinnen. Die Begründer der Anstalt haben die Bedingung aufgestellt, daß zwölf Stellen in der Anstalt für orientalische Jüdinnen bestimmt seien. Die Alliance isr. univ. hat diese Zöglinge zu beschaffen. Sie verlassen nach ihrer Ausbildung Paris, kehren nach dem Oriente zurück, um dort als Lehrerinnen zu fungiren. So werden Schulen durch Zöglinge der Anstalt Bischoffsheim bereits geleitet in Adrianopel, Constantinopel, Schumla, Philippopel, Damaskus, Tanger, Tetuan, Tunis, Salonichi, Beirut. Nachdem der Berf. alle diese Anstalten geschildert hat, sagt er: „Die Anstalten, von denen ich soeben gesprochen, sind in einem trefflichen Geiste gefaßt, lobenswerth organisirt, reich dotirt und mit einer Milde verwaltet, in welcher ich die weibliche Einwirkung zu erkennen glaube, und sie würden mir jedes Lobes würdig erscheinen, wenn ich mich nicht genöthigt sähe, eine Ausnahme zu machen. Es ist dies, daß ich im Waisenhaufe Rothschild, in der Schule für Handwerkerlehrlinge, in der Stiftung Bischoffsheim überall die Frage gestellt habe: „Nehmen Sie auch uneheliche Kinder auf?" Die Antwort lautete: „Nein"'. Der Verf. tadelt dies nachdrücklich und führt beredt alle die humanitären und socialen Gründe auf, welche gegen diese Ausschließung sprechen. — Endlich spricht Herr Du Camp noch von einer Anstalt, die israelitischen Ursprungs, für Leidende aller Confessionen bestimmmt ist, das Dispensarium für rachitische und skrophulöse Kinder, welches Frau Heine-Furtado auf ihre Kosten gegründet hat und erhält. Es ist ein prächtiges Bauwerk, eigens und in zweckmäßigster Weise zu diesem Zwecke errichtet. 40*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.