Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1887)
- Date
- 1887-10-06
- Page
- Seite 626 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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626 werden wieder durchbrochen, der Tag siegt, und es kommt eine bessere Zeit, welche das düstere Gewölk am Himmel nicht duldet. — Doch kgmmen wir zu diesem zweiten Artikel unseres Autors, dessen Wichtigkeit wir mit einigen Worten andeuten wollten. Von den drei Gegenständen, welche Herr Du Camp hier behandelt, ist der erste: „Das Asyl für die Kinder". Dasselbe wurde von der Frau Coralie Cahen gegründet, und der Vers, nimmt davon Veranlassung, die Thätigkeit dieser seltenen Frau zu schildern, was wir im Feuilleton von Nr. 39 wiedergegeben haben. Ein schweres Mißgeschick hatte sie in ihrer Familie getroffen und sie suchte Trost und Aufrichtung in der Uebung wohlthätiger Werke. Dieses Zufluchtshaus wurde zunächst für jüngere gefallene Mädchen bestimmt, welche dem Detentionshause St. Lazare entnommen worden und die man durch Erziehung und Unterricht auf den besseren Weg zurückführen wollte. Die Erfolge waren günstig, und da legte man sich die Frage vor, ob es nicht zweckmäßiger wäre, das Nebel an der Wurzel anzugreifen, indem man die Kinder der ins Elend versunkenen Familien durch Erziehung und Pflege vor allen solchen Versuchungen schütze und den moralischen Widerstand in ihnen stärke, indem man ihnen zugleich die Wege eines redlichen Erwerbes eröffne. So ging man zu der Idee eines Orphelinats über, das jedoch nicht bloß für Waisen, sondern zunächst für von den Eltern verlassene Kinder, oder solche bestimmt sei, deren Eltern die Mittel für ihren Unterhalt abgingen. Gedacht, gethan. Doch mußte man bald die bisher kleinen Räumlichkeiten aufgeben und größere suchen, die man in Neuilly fand. Aber auch diese genügten nicht und man war immer noch in die traurige Nothwendigkeit versetzt, viele Gesuche abzuweisen, da das neue Haus nur 25—30 Kinder aufnehmen konnte. Da halfen Herr und Frau Victor Saint- Paul aus, indem sie ein großes Terrain zu Gebote stellten; Herr S. H. Goldschmidt, Präsident der ^.Iliauvs israelits, übernahm mit 60,000 Frks. ein Viertel der Baukosten; das Comits für Wohlthätigkeit gab 40,000 Frks. und der Großrabbiner Zadoc Kahn sammelte von 132 Beitragenden eine Summe, welche die erforderlichen 255,900 Frcs. ausfüllte. Das war eine große Summe, aber sie hat die schönste Verwendung in dem trefflichen Gebäude und in den zweckmäßigsten Einrichtungen gefunden. Die feierliche Einweihung geschah am 4. Juni 1883. Das Orphelinat und das Asyl für gefallene Mädchen sind von einander getrennt und nur durch eine Gallerte mit einander verbunden. Der Vers, sagt: „Die verschiedenen Theile, aus denen das Orphelinat besteht — der Speisesaal, die Schlafsäle, die Classen, die Werkstätten übertreffen Alles, was ich von dieser Art kennen gelernt, und können als mustergültig für derartige zukünftige Einrichtungen gelten. Die Sauberkeit und die Zweckmäßigkeit hinsichtlich des Lichtes und der Luft sind tadellos." Er beschreibt dies nun im Detail, wozu uns der Raum fehlt. Alle hier aufgenommenen Kinder fand er bei seinem Besuche in blühendster Gesundheit, und „die rosigen Wangen, welche nach Homer das Eigenthum der Jugeud sind", erfreuten sein Herz. In den Werkstätten arbeitet man stillschweigend. Einige der kleinen Arbeiterinnen von 15—17 Jahren sind in künstlerischen Stickereien sehr geschickt. Dieses Haus enthält gegenwärtig 90 Zöglinge, uniformirt, ohne daß ihre Bekleidung an Büßerinnen erinnert. Interessant sind ihre gymnastischen Uebungen, die weist in geordneten Märschen mit Absingung niedlicher Couplets bestehen. Um in diesen Zöglingen die Gefühle der Familie zu wecken, stellt man die größeren als Beschützer und Leiter der Kleineren an, so daß jene über diese wachen, für sie sorgen und sie in ihren Arbeiten unterstützen. So werden „kleine Mütter" erzogen und werden belohnt, wenn sie ihre Pflicht gethan haben. Es sind hierfür Preise bestimmt, eine Uhr, eine silberne Medaille mit der Aufschrift: „Erinnerung an Zuneigung und gute Kameradschaft," zu deren Vertheilung die Kinder ihre Stimmen abgeben. Vorzüglich ist das System, für jedes Kind ein Sparkassenbuch anzulegeu, dessen Betrag bei dem Austritt aus dem Hause für seine zukünftige Laufbahn verwendet wird. Aus dem Erlöse seiner Arbeiten und durch Spenden von Gönnern wird nach und nach der Betrag erhöht, so daß er bisweilen 6—800 Frcs. beträgt. — Völlig und auf's Freundlichste überrascht wurde nun unser Verf., als er von dem Orphelinat in die andere Abtheilung für gefallene Mädchen ging. Beim Eintritt war ihm schon ein gewisses Lächeln, der Vorsteherin auffällig. Sämmtliche Räume waren leer. Man hatte weder aus Saint-Lazare, noch von der Straße und aus den Häusern der Armuth Zöglinge für diese Abtheilung jetzt noch erhalten können. Der Zweck, den man vorzugsweise bei der Gründung des Ocphelinats gehabt, war völlig erreicht. Man hatte dem Laster die Werkzeuge entzogen, indem man diejenigen Menschenkinder, welche ihm anheimfallen konnten, durch Erziehung und Unterricht gegen dasselbe gestählt hatte. Die Anstrengungen und Opfer vieler Jahre hatten die besten Früchte getragen. Man kann sich denken, daß der menschenfreundliche Autor über diesen Erfolg zweckmäßiger Pädagogik wahrhaft entzückt ist und sich in schönen Gleichnissen ergeht, die er namentlich der Gärtnerei entlehnt. Dann sagt er: „der Erfolg übertraf jede Erwartung; nach Maßgabe der Entwickelung des Orphelinats starb das Asyl für gefallene Mädchen ab, wie eine Flamme, die aus Mangel an Nahrung erlischt. Werden auch ferner gleiche Resultate erzielt, so wird dasselbe geschlossen werden." — Das besprochene Institut ist also ein Asyl für Mädchen aus armen verkommenen jüdischen Familien, und der Verf. frägt jetzt, warum nicht ein solches auch für Knaben gleicher Herkunft bestehe? Ob etwa aus der jüdischen Rasse nicht