Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1887)
- Date
- 1887-09-29
- Page
- Seite 621 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227703--44746-3267043- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
621 diesem Werke des Patriotismus und des Mitleids wurde sie mächtig unterstützt durch eine großherzige Frau, die ihren Schutz ihr angedeihen ließ und die keine andere ist als die Kaiserin Augusta. Zur Erinnerung an diese Reise durch die Kasematten, in denen unsre Soldaten gefangen gehalten wurden, als Zeugniß eines Wohlthätigkeitsvereins zur Linderung der Kriegsübel, überreichte die Herrscherin der Reisenden eine Broche, die als Zierde nur das rothe Kreuz hatte, das Genfer Kreuz, welches ein Schutzzeichen für die Verwundeten, die Ambulanzen, die Hospitäler und das Symbol der Menschenliebe ist. Der Zufall ließ auch den Offizier kennen lernen, welcher in der Festung Graudenz beauftragt war, die französischen Gefangenen Frau Coralie Cahen vorzuführen. Ich kenne nichts Rührenderes. Es war kalt, sie war in die Wachstube getreten, um sich an dem Ofen zu wärmen; ich sagte zu ihr: „Da sind die Franzosen." Sie kam schnell heraus und blieb vor ihnen stehen; es waren elf, die Mütze in der Hand, sie anstarrend, ohne zu begreifen, warum sie da war. Ihre Stimme zitterte; sie sagte zu ihnen: „Ich bin eine Französin!"— „Ach, Sie sind eine Französin!" — /,Ja, ich komme aus Frankreich, nur um Euch zu sehen!" — „Ach, um uns zu sehen! Ach! Sie sind eine Französin!" Und alle, alle diese Männer, welche durch Eisen und Feuer gegangen waren, welche, ohne sich zu beklagen, ihr Elend ertrugen, brachen in Schluchzen aus. Sie weinte. Sie wiederholten: „Ach, Sie sind eine Französin!" Sie erwiderte: „Ja, ich bin Französin!" Ich flüchtete in die Wachstube, denn die Thränen erstickten mich. Diese Leute wurden begnadigt und noch viele andere. Sie ging bis zum Kronprinzen, bis zum Kaiser Wilhelm; nichts schreckte sie zurück; sie besaß Beharrlichkeit und Ausdauer. Mehr als dreihundert französische Gefangene verdanken ihr die Rückkehr ins Vaterland, vor dem Ablauf ihrer Strafe frei gelassen. Man hat gesagt und ich selbst hatte es gesagt, daß die Israeliten nur ein mangelhaftes Vaterlandsgefühl besäßen; o Jüdin, verzeihe es mir!" Im weiteren Verlaufe beschreibt du Camp, wie Frau Cahen in Paris selbst gewirkt hat und wirkt, und z. B. die Begründerin des Asyls für Mädchen'und Kinder ward, worauf wir an anderer Stelle zurückkommen. Eine Gerichtsverhandlung. Zweibrücken, 13. Sept. Nachmittags 4'/2 Uhr: Verhandlung gegen August Gotthold, 28 Jahre alt, Berlagsbuchhändler von Kaiserslautern, wegen Preßvergehen. Der Schwurgerichtshof besteht aus den nämlichen Herren wie Vormiltags. Die k. Staatsbehörde vertritt Herr k. I. Staatsanwalt v. Jan, die Vertheidigung führt Herr Rechtsanwalt Gebhart. Die Geschworenenbank bilden die Herren: Rohrbacher, König, Karcher, Latscha, Völker, Schäfer, Schneider, Metz, Görtler, Hilgard, Hammel, Huß. Zn der Verhandlung sind zwei Zeugen geladen. Die Anklage stellt auf, daß Gotthold eine Broschüre habe drucken und verbreiten lassen, betitelt: „Altisraelitisches Menu, 18 Gerichte einer israelitischen Hochzeit." Die kgl. Staatsbehörde erblickt in dem Inhalte dieser Broschüre eine Schmähung und Beschimpfung der Verehrung des Gottes der Israeliten, ein durch die Presse begangenes Vergehen, das sich auf die Religion beziehe (§ 166 R. St. G. B.) Ter Angeklagte, über das ihm zur Last gelegte Vergehen befragt, giebt an: Es lag mir vollständig sern, die israelitische Religion mit der Herausgabe dieses Vortrages zu beschimpfen. Mir wurde derselbe von einem Reisenden übergeben und ich nahm keinen Anstand, ihn abzudrucken, um so weniger, als derartige Vorträge in vielen Witzblättern unter andern im Kladderadatsch und den Fliegenden Blättern häufig zu lesen sind. Ich dachte, der Vortrag sei geeignet, um in geselligen Kreisen zur Erheiterung verwerthet zu werden, weshalb ich ihn durch den Druck vervielfältigen ließ. Bei Blenk wurde er gedruckt, ich habe davon sehr viele Exemplare verkauft und ließ solche auch colportiren. In gleicher Weise habe ich das Mauschellied, neues Exercirreglement für das zukünftige vermauschelte Deutschland und die 16 Stämme der Inden drucken lassen und sodann verbreitet. In keinem Falle erblickte ich hierin eine Beleidigung der israelitischen Religion, ich hielt es vielmehr lediglich als eine humoristische Abhandlung; hätte ich dies auch nur ver-! muthet, dann wäre der Druck dieser Sachen meinerseits sicherj lich unterblieben. -! Aus der Beweisaufnahme heben wir hervor, daß der j sachverständige Zeuge, Herr Dr. Landsberg von Kaiserslautern, sich dahin ausspricht, daß die einzelnen Schriftchen, welche im Verlage des Herrn Gotthold erschienen seien, eine Verspottung der jüdischen Religion enthielten. Dies lasse der Inhalt des Schriftchens „Altisraelitisches Menu" klar erkennen. Zeuge sucht dies, indem er auf die Einzelheiten des Näheren eingeht und sich darüber verbreitet, nachzuweisen. Jeder Israelit müsse sich in seinem religiösen Gefühl durch derartige Schriftstücke bis in die innerste Seele hinein verletzt fühlen, diese Dinge seien geeignet, das Vorurtheil, das man bereits gegen die Juden habe, noch zu bestärken. Gegen den Borwurf des sachverständigen Zeugen, Gotthold habe schon lange mit dem Antisemiten Böckel in Verbindung gestanden und begonnen antisemitische Literatur zu sammeln, verwahrt sich letzterer ganz entschieden mit der Erklärung, daß er dies erst dann gethan habe, als er in Anklagezustand versetzt worden sei, da habe er sich um Material zu seiner Bertheidigung allerdings bemüht.