Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1887)
- Date
- 1887-09-29
- Page
- Seite 620 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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620 konnten ihren Patriotismus dadurch bethätigen, daß sie Paris den Missethätern der Commune entrissen. Einige, die krank waren oder an ihren Wunden litten, verblieben in den Hospitälern; andere, noch unglücklichere, hatten vergebliche Fluchtversuche gemacht oder sich gegen die Disziplin vergangen und widerspänstig gezeigt. Diese wurden mit der Strenge der Kriegsgesetze bestraft, welche jeder Humanität zuwider sind; sie waren zu mehreren Monaten, mehreren Jahren militärischer Zwangsarbeit verurlheilt worden. Der unerbittlichen Disziplin unterworfen, fern vom Vaterland, ohne Nachrichten von der Familie, verzweifelt unter der Härte des nordischen Klimas, ohne Geld, um die Entbehrungen ihrer Existenz zu vermindern, waren sie ein Gegenstand des Mitleids selbst für ihre Sieger geworden. Keine ausnahmsweise Härte wurde bei ihnen angewandt, man verfuhr mit ihnen ganz so, wie mit den deutschen Militärverurtheilten, aber die Fremde, das Exil, die Unkenntniß der Sprache fügten ihren Leiden moralische Schmerzen hinzu, welche ihr Maß verdoppelten. Man vergaß ihrer nicht in Frankreich und Menschen von Herz sannen auf Mittel, ihnen Hilfe zu bringen. Wie zu ihnen gelangen? Durch Nachforschungen konnte man so ungefähr die Anzahl der Abwesenden erfahren; aber diese Abwesenden, wo waren sie? In der flüchtig gegrabenen Gruft auf dem Schlachtfelde, auf dem Kirchhofe der Hospitäler, in dem schlechten Bette der Lazarethe, in den Kasematten der Citadellen? Das konnte man nur erfahren, indem man. Deutschland durchreiste und nach uuseren armen Soldaten suchte; einige unserer Landsleute thaten es, unter Anderen eine Frau, deren Namen genannt werden muß, und sollte ihre Bescheidenheit darunter leiden, sie heißt Frau Coralie Cahen. Sie ist eine Lvthringerin, in Nancy geboren, die Wittwe eines Arztes, der in Paris rühmlich bekannt war, geschickt als Krankenpflegerin, gewandt im Verbandanlegen, voll Mitleid und stets die rechten Worte findend, um Trost zu spenden. Sobald die ersten Kämpfe an den französischen Grenzen ihre Opfer verlangt hatten, eilte sie nach Metz, wohl wissend, daß dort die traurigen Erndten nicht fehlen würden; sie blieb in den Hospitälern, am Arm das Abzeichen der Genfer Convention und wurde eine Art Vorsteherin der Krankenpflege, kämpfte gegen den Tod und entriß ihm schon von ihm gezeichnete Opfer. Wenn ein Verwundeter seine Kräfte schwinden fühlte und einem anderen Leben entgegenging, rief sie den Almosenier: „Dieser wird uns verlassen, helft seiner armen Seele, macht sie fest und zeigt ihm das Licht, das jenseits des Grabes leuchtet." Die Armee, welche Marschall Bazaine befehligte, wurde gefangen genommen, die Deutschen drangen in Metz ein und Frau Coralie Cahen, die sich noch so nützlich machen wollte wie möglich, wandte sich nach der Loire-Armee; sie blieb in Vendöme, wo sie Gelegenheit finden sollte, ihre Hingebung zu betätigen. In dem Lyceum der Stadt, welches eine ehemalige Abtei ist, hatte man eine Ambulanz errichtet; dort verblieb sie, wie an einer auserwählten Stätte, wo ihr Eifer keine Ruhe finden sollte. Die Verwundeten, die Pockenkranken, die Maroden strömten hierher mit nackten Füßen, zerlumpten Kleidern, ein Bild des Opfers und verzweifelt, weil sie erkannten, daß ihr Opfer vergeblich bleiben würde. Trotz des Eifers der mitleidigen Frauen, trotz der Energie der Vorsteherin der Krankenpflege war die Arbeit schwer und kaum konnte ihr genügt werden. Frau Coralie Cahen, die dem jüdischen Stamm und der jüdischen Religion angehört, wußte aus Erfahrung, daß bei Kranken nichts der Pünktlichkeit, der Selbstlosigkeit, der aufmerksamen Pflege gleich kommt, wie die Frauen sie ausüben, welche den religiösen Orten und Gemeinden angehören. Sie bat um Beistand bei den Marianisten des Heiligen Kreuzes, die ihr Kloster in Mans haben, und sieben Schwestern kamen und betheiligten sich an den Arbeiten im Hospital; es war Zeit: man unterlag der Anstrengung und die deutschen Truppen näherten sich. Die marianistischen Schwestern kannten den Glauben von Coralie Cahen, aber es scheint, daß die guten Herzen sich zu verstehen wissen, denn ohne Zögern unterwarfen sie sich ihrer Leitung und nach wenigen Tagen, nachdem sie sie in ihrem Schaffen gesehen, nannten sie sie nur „die Mutter". Als alles beendet war, als Frankreich erschöpft znrücksank, nachdem es dem Vatermorde entgangen, mit dem entartete Kinder es bedroht hatten, blickte es nach Deutschland hin, wo, wie ich gesagt, einige unsrer Soldaten noch festgehalten wurden. Während langer Monate hatte Frau Coralie Cahen inmitten des Elends der Tapferen gelebt, unter den Verwundeten beider Armeen, den Schmerz der besiegten Franzosen besänftigend, die siegenden Deutschen tröstend, welche weinten, wenn sie an ihr Vaterland dachten, beide mit demselben Mitleid umfassend, denn sie waren in der Gemeinschaft derselben Leiten vereint; sie fühlte ihr Herz sich rühren bei dem Gedanken an unsre Soldaten, welche die Festungen Schlesiens und Pommerns weigerten uns wiederzugeben, weil sie Fehler begangen hatten, die Frankreich vielleicht belohnt hätte, die Deutschland aber bestrafen mußte. Dieser Gedanke verließ sie nicht, sie konnte nicht anders mehr, sie reiste ab. Allein, ohne jedes andere Mandat, als das sie sich selbst gegeben als Freiwillige für Errettung und Wohlthätigkeit, machte sie drei Reisen nach Deutschland, zwei davon während des Winters 1870/1871, der ausnahmsweise streng war, besonders in der Gegend der Weichsel, bei Danzig und Graudenz. Sie klopfte an alle Thüren, suchte, forschte, fragte überall: „Haben Sie französische Gefangene?" bat, ohne den Muth zu verlieren und so weit ihre Schwäche vergessend, bis daraus eine Kraft entstand, die unbesiegbar wurde. In