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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-29 · Heft 39 (29.9.1887) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 39 (29.9.1887)
Date
1887-09-29
Page
Seite 618 (sequence 10)
Language
German
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618 Gegentheil. Seitdem Jgnatiew in der Verwaltung die Führung, wenn auch auf nicht lange Zeit, übernommen, wurden durch Gesetz und Reglements die Juden nach allen Seiten hin wieder beschrankt und aus der gewonnenen Position hinausgewiesen; die Frequenz der höheren Lehranstalten wurde ihnen theilweise, oder auch gänzlich verschlossen. Daß eine große Zahl Individuen, die man doch selbst zum Streben nach wissenschaftlicher Bildung und den dieser zugehörigen Lebensberufen aufgefordert und geführt hatte, durch diesen plötzlichen Wandel unglücklich gemacht, und auf diesem Wege der geweckte Bildungsdrang wieder unterdrückt wird, beachtet man nicht. Allein, wenn man diesen gegenwärtigen Umschwung als ein Räthsel ansieht, oder gar den Juden selbst die Schuld zuschreibt, so übersieht man, daß in Rußland die Umwandlung der Ansichten von einem Extrem zum anderen in den maßgebenden Kreisen nichts Ungewöhnliches ist. Wir erinnern z. B. an die Frauen - Bildungs-Anstalten. Vor Kurzem noch wurden alle Mittel aufgeboten, um den Frauen den Weg zu wissenschaftlicher Bildung und zur Ausübung gewisser Berufe, namentlich der Medizin, zu erschließen. Staat und Private wetteiferten, Anstalten zu diesem Zwecke zu gründen. Die entgegengesetzte Ansicht hat sich jetzt wieder geltend gemacht, und so sind diese Frauenkurse wieder geschlossen. Man hatte sogar für die historisch-philologische und die naturwissenschaftlich-mathematische Wissenschaft Frauenhochschulen gegründet. Gegenwärtig jedoch sind die Kurse für die Frauen eingestellt worden, und somit die Wirksamkeit jener Anstalten abgeschnitten. Dieses Beispiel belehrt hinreichend auch über die jetzt herrschende Sucht, die Juden wieder in ihr altes Elend zurückzudrängen. Aus Warschau wird der „Nat.-Ztg." gemeldet, in den jüngsten Tagen seien 50 christliche und 25 israelitische Familien, sowie 32 israelitische junge Leute, alles deutsche Unterthanen, ausgewiesen worden und Massenausweisungen ständen in den nächsten Tagen bevor. (Es ist das alte Sprüchwort: „Haust du meine, hau' ich deine!" Die Trübseligen sind nur — die Gehauenen!) Großbritanien. Landau, 14. Sept. Wie wir voraussahen, ist die B e - schränkung der Einwanderung im Unterhause zur Sprache gekommen, aber, wie wir schon damals bemerkten, würde, selbst wenn man darauf eingehen wollte, eine Formel nach dem britischen Wesen und Gesetz zu finden sehr schwierig sein. Im Unterhause fragte gestern der Abgeordnete Colomb den ersten Lord des Schatzamts, ob die Regierung in Anbetracht der großen Anzahl armer Ausländer in England Erhebungen darüber anstellen lassen werde, ob es wünschenswerth sei, ein Register über die Zahl der Auswanderer und Einwanderer zu führen. Mr. Smith antwortete, die Regierung verkenne nicht die Wichtigkeit der Frage, allein das Asylrecht in England und die daraus sich ergebende Freiheit der Einwanderung böten so viele Schwierigkeiten, daß es unklug sein würde, viel Hoffnung zu machen, daß man die Angelegenheit wirksam behandeln könne; sie werde jedoch in Erwägung gezogen werden. Rumänien. Bukarest, 8. September. (P. Ll.) Sie werden Ihrem Berichterstatter gewiß das Zeugniß ausstellen können, daß er in seinen Berichten dem in unserer Presse hie und da zum Ausdruck gelangenden Fremdenhaß niemals eine besondere Bedeutung beigelegt hat. Nach den letzten Erfahrungen ist es jedoch geradezu eine Pflicht der wahren Freunde Rumäniens, unsere leitenden Kreise unter Vermittelung der Auslandspresse auf den Eifer aufmerksam zu machen, mit welchem Blätter, welchen man Beziehungen zur rumänischen Regierung oder doch zu einzelnen derselben nahestehenden Persönlichkeiten zuschreibt, die Juden- und Fremdenhetze geradezu professionsmäßig betreiben. Davon, daß in dem am Sonntag abgehaltenen Autisemiten-Meeting eine Resolution gefaßt wurde, nach welcher den Juden jedwede Handelsthätigkeit und gleichzeitig die Uebernahme von Landpachtungen untersagt werden soll, will ich schweigen. Denn von den Herren Gherghel und Butculescu, von welchen der Letztere behauptete, daß es in Rumänien nicht einmal einen autochthonen Strick gäbe, an welchem sich der durch Juden und Fremde zu Grunde gerichtete rumänische Gewerbsmann aufhenken könne, kann man ja doch mit bestem Willen nichrs Gescheidteres erwarten. Zudem ist der dritte Punkt der sonntägigen Antisemiten - Resolution, der Vermehrung des israelitischen Stammes dadurch Einhalt zu thun, daß man den Juden die Abschließung einer Ehe vor zurückgelegtem fünfundzwanzigsten Lebensjahre verbietet, so drolliger Natur, daß eine ernste Besprechung dieses Vorschlages eine wahre Versündigung gegen deren komischen Charakter wäre. Auch mit der Klage der „Jndöpendance Roumaine", daß durch das neue Jndustriegesetz nur Fremde und Juden in das Land gelockt werden würden, will ich nicht zu Gerichte gehen. Tenn die „Jndspendance Roumaine" ist ein Oppositionsblatt und muß demnach an allen unter der Regierung Bratianu's geschaffenen Gesetzen ein Häkchen finden. Das gehört nun einmal zum oppositionellen Geschäft. Ob es aber ins Geschäft der regierungsfreundlichen Presse gehört, in ihrer von den irrigsten Voraussetzungen ausgehenden Polemik gegen Juden und Fremde mit den ausgesprochenen Organen der Opposition Hand in Hand zu gehen, ist eine andere Frage, über deren Tragweite den betreffenden Redactionen doch ein-

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