Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1887)
- Date
- 1887-09-29
- Page
- Seite 616 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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616 kommt und nur eine freie Seite am Haupteingange bietet. Heute Nachmittag 4 Uhr fand in feierlicher Weise die Einweihung des neuen "Gotteshauses statt. Die weiten Räume desselben waren bis zum letzten Platze gefüllt; die Spitzen der Staats-, Provinzial- und Kommunalbehö.den, u. a. der Oberpräsident v. Ernsthausen, der Landesdirektor Wehr und Oberbürgermeister v. Winter, höhere Militärs, die Werftdirektion, Geistliche der protestantischen und katholischen Kirche, der freireligiösen Gemeinde rc. und zahlreiche andere angesehene Persönlichkeiten waren erschienen, um dem Akte anzuwohnen, den ein feierlicher Gesang eröffnete. Der Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr Davidsohn, hielt sodann eine Ansprache, in welcher er einen Rückblick auf die Geschichte der jüdischen, erst im Jahre 1864 vereinigten Gemeinden Danzigs warf und den Behörden für die dem Bauwerke dargebotene Förderung dankte, worauf einer der Baumeister, Herr Boeckmann-Berlin, dem Gemeindevorsteher nach einer kurzen Skizzirung der Geschichte des Baues und seines Stils die Schlüssel überreichte. Das Einsetzen der Thorarollen in die heilige Lade und das Anzünden der heiligen Lampe vollzog der Rabbiner der Gemeinde, Dr. Werner, der nach wiederholten Chorgesängen auch die Predigt und das Weihegebet verrichtete. München, 18. Sept. Ueber die Einweihung der neuen Synagoge geben wir, obschon wir eine kürzere Privatinittheilung darüber erhalten haben, den Bericht des „Münchner Boten" um so mehr als es uns darum zu thun ist, zugleich die öffentliche Meinung abgespiegelt zu sehen. Er lautet: Die neue Synagoge, nach dem Urtheil Sachverständiger in baulicher Hinsicht eine Zierde der Stadt, wurde am Freitag Abends mit einer Feier eingeweiht, welche in Münchens Geschichte als ein Act von kultureller Bedeutung zu verzeichnen ist. Die israelitische Gemeinde füllte den schönen Tempelbau, dessen weite Emporien die Frauen einnahmen. Von außen wehten Flaggen in den bayerischen und Münchener Farben, an den drei Portalen und an der Ballustrade vor der hl. Lade grünten Zierpflanzengruppen. Auf den prächtigen ehernen Armleuchtern brannten Kerzen. Im Mittelgang bildeten Knaben und Mädchen mit blau-weißen Schärpen Spalier. Allmälig fanden sich die Ehrengäste ein, von welchen wir nennen: die kgl. Staatsminister Dr. Frhr. v. Lutz! und Frhr. v. Feilitzsch, Regierungspräsident Frhr. v. Pfeufer,1 Hofmarschall Frhr. v. Hutten, General von Sprunner, mehrere Landtags-Abgeordnete, darunter Maison und Frankenburger, Hofkapellmeister Levi, der Polizei- und Regierungsdirector Dr. v. Müller mit Rath Meixner, die Bürgermeister Dr. v. Erhardt und Dr. v. Widenmayer mit den Rathen Sickenberger, Schrott, Hergl, Hemmeter, Schreibmayer, Oberbaurath Zenetti, die Gemeinde-Bevollmächtigten Ritter von Schultes, Neuner, Böhm, Büchner und Heldenberg, Stadtarchivar Ernst v. Destonches, der Baumeister der Synagoge Alb. Schmidt, Landgerichtsrath Epstein, mehrere Vertreter der Presse, welchen der vierte Stuhl reservirt war. Ein solenner Marsch mit Posaunen und Pauken leitete die Festlichkeit ein, worauf der Einzug der zwölf in prachtvollen Geräthen aus Gold und Silber anfbewahrten Thorarollen erfolgte. Kantor Kirchner, Rabbiner Dr. Perles und zehn Angehörige der israelitischen Kultusverwaltung trugen im linken Arm diese oben mit Klingeln versehenen Geräthe um die Synagoge herum, deren Portale hierbei geöffnet wurden, während vom Chore der 26. Vers des Psalms 118: „Gesegnet sei der da kömmt im Namen des Herrn" erklang. Beim Anzünden der ewigen Lampe, welche bedeutet den göttlichen Funken in der Menschenbrust, sprach Dr. Perles den Weihetext hebräisch. Herrlicher Gesang begleitete die Eröffnung der hl. Lade, welche sich vorne im Mittelpunkt unter romanischen Rundbogenverzierungen befindet. Abermals erfolgte ein Umzug mit den Thorarollen unter erhebenden Gesängen, wobei namentlich Kantor Kirchners Soloweisen allgemein bewundert wurden. Als die Thorarollen in der heiligen Lade verschlossen und deren Thüre mit einer reich in Gold gestickten Sammtverkleidung verhüllt wurde, ertönte der Psalm: „Wie lieblich sind Deine Wohnungen, ewiger Zebaoth!" Anknüpfend an diesen Psalmvers hielt Rabbiner Dr. Perles seine gehaltvolle Festpredigt; die Schönheit des Tempels und die feierliche Gestaltung des Gottesdienstes sei in Israel uralt und schon im grauen Alterthum, in den Zeiten des ersten und zweiten Tempels, baute Israel seine Gottesdiensträume im Bunde mit der Kunst. Es kam eine Zeit, daß Israel seinen Gottesdienst dem Tageslichte entziehen mußte, aber jetzt danke es Gott, daß in geordneten gesicherten Zuständen die gottesdienstlichen Räume wieder mit Pracht und Kunst ausgestattet werden können. Die Geschichte der Münchener Synagoge ist alt und reicht bis 1285 zurück, allwo das erste israelitische Bethaus entstand, um den finsteren Anschauungen einer nun Gottlob überwundenen Zeit sammt der gesummten Gemeinde zum Opfer zu fallen. Mit besseren Zeiten kamen bessere Elemente und unter Bayerns Königen ward die alte Synagoge erbaut, aber schon nach etlichen Jahrzehnten drängte das immerwährende Wachsen der Gemeinde nach einem Neubau, zu welchem vor 4,/2 Jahren der Grundstein gelegt wurde. Sie ist das Werk eines hochbegabten Meisters und Alles kündet in diesem Haus die Ehre des Herrn. Die Sy« uagoge reiht sich Münchens Kunststätten würdigst an. Jede Parteiung, jeder Fanatismus möge weichen und beim Umzug von der alten Synagoge in die neue möge ein Jeder als die schönste Weihe des Hauses den Frieden mit hinübernehmen! — An die Predigt reihte sich das Weihegebet mit Segen, wobei der Rabbiner in erhebenden Worten für Bayerns König, für das theure Haupt des Prinz-Regenten, für die Minister,