Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1887)
- Date
- 1887-09-29
- Page
- Seite 614 (sequence 6)
- Language
- German
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614 Areals, das zum allergrößten Theile damals noch jungfräulicher Boden war, und eben dieser allgemeinen Freiheit wegen, einer außerordentlichen Zukunft entgegenging. Wieso die Begründer des Umonsstaates zur unbeschränkten Realisirung jenes erhabenen Gedankens gekommen, ist unschwer zu erklären. Die ersten europäischen Ansiedler waren eben wegen ihres Glaubens aus ihrem Mutterlande Verdrängte und Vertriebene, nnd die zuströmende Einwanderung gehörte den verschiedenen Religionen und Sekten an. Das Bedürfniß, ja die Nothwendigkeit gleicher Rechte für alle diese lag auf der Hand. Hierzu kam nun, daß in dem völlig neu begründeten Staate keine feudalen, aristokratischen und absolutistischen Institutionen bestanden, so daß irgend eine reaktionäre Macht dem Gesetze der Gleichberechtigung nicht entgentreren konnte. Die Ansiedler ebenso wie die späteren Einwanderer hatten je nach ihrer Kirche aus eigenen Mitteln ihre Gotteshäuser und Schulen errichtet und für diese niemals vom Staate Mittel dazu gefordert. So war der Boden für die Gleichberechtigung Aller geebnet und ist bis jetzt kein Versuch, dieselbe zu stören, gemacht worden. Klar ist es, wie auf diesem Fundamente der innere Frieden in der Union gefördert wurde; aber eine höchst günstige Wirkung hatte dieses Ereigniß für die Bekenner des Judenthums. Denn nachdem der Grundsatz der Gleichberechtigung in diesem Staate verwirklicht worden, konnten sich alle diejenigen Staaten, welche in ihrem Entwickelungstriebe den neuen gesellschaftlichen Gedanken sich öffnen mußten, auch der Gleichberechtigung der Culte sich nicht verschließen, und wenn auch widerstrebend, dieselbe schließlich in ihre Verfassungen aufnehmen. So bedeutet der 17. September 1787 eine große Etappe, einen mächtigen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit. %>QAX\A\Xqp\\<XC Deutschland. Berlin, 18. Sept. (Priatmitth.) In der nächsten Zeit stehen uns Wahlen zur Stadtverordneten-Versammlung bevor. Man sollte denken, daß diese kein besonderes politisches Interesse enthielten, da es sich von Seiten der Versammlung nur um die tüchtige und einsichtsvolle Handhabung der städtischen Verwaltung handele, und in der That gestehen alle Unbefangenen den bisherigen städtischen Behörden Berlins den Ruhm mustergiltiger Einrichtungen und zweckmäßiger Organisation zu. Aber es giebt eben in unserer Zeit nichts, worin sich nicht die Politik hineindränge. Die bisherige Mehrheit dieser Versammlung besteht aus Freisinnigen, und dies genügt, um sie von den curulischen Stühlen verdrängen zu wollen. Man war nun gespannt, ob sich die Bereinigung der beiden Kartellparteien, die bei den Reichstagswahlen eine so große Rolle gespielt hat, in Berlin allerdings ohne Erfolg, aber mit desto größerem im Reiche, d. h. der Conservativen und Nationalliberalen, erneuern werde. Dies ist nun geschehen, aber sie haben eine dritte, die sog. deutsche Bürgerpartei, d. h. die entschiedenen Antisemiten in ihren Bund ausgenommen. Zwar will ihr Ausschuß auch diesmal Antisemiten ausschließen. Dies kann jedoch nur als eine Maske angesehen werden, da in dem neuen Bunde Herr Cremer eine Hauptrolle spielt, während man diesen Mann 1883 völlig ausgeschlossen hielt. Aus diesem Umstande allein kann schon der wahre Charakter jener Vereinigung gefolgert werden. Bisher hatten die städtischen Behörden Berlins darüber gewacht, daß in allen Angelegenheiten der Stadt consessionelle Unterschiede nicht berücksichtigt werden, z. B. in der Anstellung von Lehrern und Lehrerinnen. Würden die Conservativen die Mehrheit in der Stadtverordneten-Versammlung erlangen, so würde dies bald anders werden. Jndeß haben jetzt gewisse Glaubensgenossen wieder Gelegenheit, für antisemitische Candidaten einzutreten, Aufrufe zu unterzeichnen und Broschüren zu schreiben. Anderweitig berichtet man: Der Deutsche Antisemitenbund wird, wie der jetzige Vorsitzende, Herr Louis Cunow den 13. d M. in einer Versammlung auf dem „Bock" erklärte, bei den bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen nur für einen Candidaten officiell in die Agitation eintreten und zwar für den Redacteur der „Staatsbürgerztg.", vr. Bachler. Bisher ist dieser Herr allerdings noch in keinem Wahlbezirk als Candidat aufgestellt. Im Uebrigen giebt es der Bund seinen Mitgliedern anheim, für die Canoidaten der nationalen Parteien, also des Cartells, einzutreten. Berlin, 15. Sept. lieber die Heranziehung jüdischer Einwohner zu den Lasten eines christlichen Schulverbandes hat der erste Senat des Oberverwaltungsgerichts am 7. ds. ein bemerkenswerthes Urtheil gefällt, über welches die preußische Lehrerzeitung Folgendes berichtet: Der lutherische Schulverband der Stadt Celle (ein jüdischer besteht dart nicht) hatte beschlossen, auch die jüdischen Mitbürger zur Schulsteuer heranzuziehen und die Regierung in Lüneburg diesen Beschluß als besonderer Genehmigung nicht bedürftig erklärt, weil er in den bestehenden Gesetzen begründet sei. Gegen