Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1887)
- Date
- 1887-09-29
- Page
- Seite 613 (sequence 5)
- Language
- German
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613 übersehen. daß es einer größeren Zahl von Juden darauf ankommt, ob sie in solchen Ländern Gemeinden vorfinden, denen sie sich anschließen, in deren Mitte sie ihre religiösen Bedürfnisse befriedigen und Unterstützung zu ihrer Ansässigmachung finden können. Immerhin aber beweist auch dieser Umstand, daß ein eigentlicher Wandertrieb in den Juden nicht vorhanden, daß sie nur der Noth des Lebens nachgeben, wenn sie ihr Vaterland verlassen. Blicken wir auf die neuesten Erscheinungen, so haben wir zuzugeben, daß jetzt auch viele Juden dem Auswanderungstriebe nachgeben, welcher in vielen Völkern gegenwärtig vorhanden ist, in den deutschen irischen, jüngst auch im schwedischen und norwegischen Volke. Wir bemerken z. B. in der jüdischen Bevölkerung der Provinz Posen eine nicht unbedeutende Abnahme, die namentlich durch die Auswanderung nach Amerika seit vier Jahrzehnten bewirkt worden. Hier ist, wie bei den übrigen Bewohnern Europas, die Hoffnung auf eine Verbesserung der wirthschaftlichen Verhältnisse das treibende Motiv. Was will aber dies gegen die Bedrückung und Verfolgung sagen, welche in den osteuropäischen Ländern gegen den unglücklichen Stamm wieder ausgebrochen sind? Mit heroischer Widerstandskraft haben die dortigen Juden das Martyrium ihrer politischen und socialen Verhältnisse ertragen und sich von ihrer Heimath nicht trennen wollen. Eine kurze Periode besserer Behandlung hielt sie alsbald dort fest. Sie ist vorüber und die Unthaten des Volkes gegen sie und die immer verschärften Maßregeln treiben sie von hinnen, zahllose ohne Mittel und Aussichten, wenige in Besitz der ersteren. Unwiderlegbar geht aus dieser übersichtlichen Skizze hervor, daß die außerordentliche Verbreitung der Juden auf der Erdoberfläche nicht von einem instinktiven, ihnen eingeborenen Wandertriebe bewirkt worden, sondern von den äußeren Verhältnissen, welche ihnen die Auswanderung als ein Nothgesetz auferlegten. Gerade im Gegentheil beweist die traurige Geschichte ihrer Wanderungen eine tief innerliche Heimaths- und Vaterlandsliebe, welche sie allzu häufig den rechten Zeitpunkt der Auswanderung versäumen ließ, bis die Verfolgung oder die Noch um so härter auf sie eindrang und ihre verheerende Wirkung auf sie übte. Doch gemach: „Ich erhebe meine Augen zu den Bergen: von wannen wird mir Hilfe kommen? Hilfe kommet mir vom Ewigen, Schöpfer Himmels und der Erden!" („Lied für die Wallfahrten", Psalm 121). Zrrm hundertjährigen Jubiläum der Verfassung der AordameriKanischen Union. * Nach langen und schwierigen Verhandlungen kam die Verfassung der nordamerikanischen Union am 17. September 1787 zum endgültigen Beschluß und wurde von den Vertretern der 13 Staaten, die sich zum Unionsstaate vereinigten, unterzeichnet. Ein Jahrhundert also besteht dieser Staat auf dem Boden derselben Verfassung, die jedoch verändert und erweitert worden in dem Geiste, in welchem sie geschaffen worden. Schwere Kämpfe sind ihm nicht erspart geblieben, der furchtbarste, ein Bürgerkrieg zwischen den vereinigten Staaten, doch nothwendig aus den Grundsätzen jener Verfassung hervorgehend, welche neben der Freiheit aller Staatsangehörigen um der Südstaaten willen die Sklaverei noch aufrecht erhalten hatte. Seit mehr als zwanzig Jahren ist auch dieser schwarze Fleck von dem glänzenden Schilde der Unionsverfassung verschwunden. Uebrigens wurde dieser republikanische Freistaat sehr bald von höchst legitimen Monarchien, Frankreich und Spanien, dann auch von Holland anerkannt. Wenn irgend wer für dieses Centenarium und dessen Feier eine warme Theilnahme hegen muß, so sind dies die Bekenner des Judenthums. Charakteristisch für das Ereigniß war ein Ausspruch Benjamin Franklin's nach der Unterzeichnung der Acte. Die Malerei ist nämlich nicht im Stande, mit objektiven Mitteln den Unterschied zwischen der ausgehenden und der untergehenden Sonne zu kennzeichnen. Hinter dem Sitze des Präsidenten jener Versammlung nun war auf die Wand eine hell strahlende Sonne gemalt. Auf diese schaute Franklin lange, und als ihn ein Freund fragte, weshalb er dahin blicke? erwiderte er: Bis jetzt war ich zweifelhaft, ob dies Bild eine aufgehende oder untergehende Sonne bedeute — jetzt weiß ich, es stellt die aufgehende Sonne dar. Er hatte Recht. Eines der stärksten Strahlenbündel dieser Sonne war die unbedingte religiöse Duldung, die Achtung vor jeder religiösen Ueberzeugung, sei es einer gemeinsamen, sei es einer individuellen, sobald sie nicht zu, den Staatsgesetzen widersprechenden Handlungen verleitet, die Gleichberechtigung ohne irgend welche Berücksichtigung der Confession. Die Verfassung der Union sprach diese aus, und diejenigen einzelnen Staaten, in deren Gesetzgebung noch beschränkende Bestimmungen vorhanden waren, konnten diese nicht aufrecht erhalten (zuletzt Maryland 1822). Das war allerdings eine Sonne, die nach mehr als vierzehn Jahrhunderten den germanischen und romanischen Völkern aufging, nachdem sie von den christlichen römischen Kaisern in dem römischen Weltreiche durch das dunkle Gewölk der Religionsverfolgung völlig verdunkelt worden. Sie warf ihre Strahlen über den Ocean zuerst nach Frankreich, dann nach Holland und Belgien, und viele Jahrzehnte dauerte es, bis sie ihr Licht über das ganze West- und Mitteleuropa verbreitete. Die östlichen Länder halten sich noch heute davor verschlossen, und Nordamerika ist es besonders, welches die Flüchtlinge aus jenen Ländern aufnimmt. Nur in wenigen edleren und erleuchteteren Geistern war der Gedanke des gleichen Rechtes ohne Unterschied der Religion bis dahin aufgegangen, und nun hatte er sich mit einem Male in einem Staate verwirklicht, der vermöge seines ungeheuren