Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1887)
- Date
- 1887-09-29
- Page
- Seite 612 (sequence 4)
- Language
- German
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612 den assyrischen Ländern, Nebuchadnezar Juda nach Babylon. Aber von hier aus kehrten, sobald ihnen die Erlaubniß gegeben war, immer von Neuem große Züge des Volkes nach ihrem Lande zurück, erbauten die Städte wieder, bepflanzten und bearbeiteten nach Vätersitte den Boden, bis das Land wieder von ihnen gefüllt war. Nicht minder war es der Befehl Alexanders und Seleucus', der Massen des Volkes nach den von ihnen gegründeten Städten verpflanzte. Von diesem Zeitpunkte an (um 330 vor d. gew. Ztr.) datirt eine auffällige Wandelung. Juden wandern aus Palästina ans und machen sich in verschiedenen Gegenden ansässig. Die Gründe hiervon sind theils in dem Elend zu suchen, welches die um den Besitz Kleinasiens zwischen den egyptischen und syrischen Herrschern geführten Kriege namentlich über das Zwischenland Palästina brachten, theils auch in der Ueberfüllung des Landes, da die Einwohnerzahl, welche uns z. B. über Galiläa berichtet werden, erweist, daß das Land solche Mengen nur schwer ernähren konnte. Dann waren es wieder die Waffen der Römer, welche die Städte der Juden zerstörten und das Volk auseinander trieben, eine Zeit lang aus Palästina völlig ausschlossen und im vierten Jahrhundert den Ueberrest im Lande theils tödteten, theils verjagten. Es lag in der Sache, daß es den Juden versagt war, irgend wie in Gemeinschaft ein neues Vaterland zu suchen und in Besitz zu nehmen. Sie waren und blieben zersprengt. Das treibende Motiv konnte in jener Zeit nur das sein, daß jeder Einzelne nach einem Plätzchen suchte, wo er ein Heim und den Lebensunterhalt zu finden vermochte. Wir sehen da, daß sie sich gern nach Mittelpunkten des Verkehrs und der Cnltur drängten. Sie flohen die Menschen und die civilisirte Gesellschaft nicht, sondern suchten sie auf. Alexandrien, Antiochien, Rom u. A. sahen bald verhältnißmäßig recht zahlreiche jüdische Gemeinden innerhalb ihrer Mauern. Oder sie zogen nach den Ländern, wo die Karthager und Römer Culturstätten bereitet hatten, wie Nordafrika, Spanien. Oder sie folgten den römischen Heeren dahin, wo diese festen Fuß gefaßt, ihre Kastelle, Wege und Wasserleitungen errichtet hatten, wie Gallien, Britannien und Germanien. Ganz Gleiches geschah in Mittelasien und selbst in Südrußland unter der Herrschaft der Parther, Neuperser und Tartaren. War doch die wirthschaftliche und geistige Cultur, welche die Juden in diesen Ländern erreichten, von bedeutender Jntensivität. Die Scenerie änderte sich aber mit der staatlichen Herrschaft, welche das Christenthum gewann. Es trat hiermit der Geist der Unduldsamkeit und Ausschließung ein, wie die Novellen der west- und oströmischen christlichen Kaiser erweisen. Doch die Beschränkung der bürgerlichen Rechte, die Ausschließung von Bodenbesitz und von den meisten gewerblichen Berufen trieb die Juden keineswegs aus den einmal gewonnenen Sitzen. Erst der mit den Kreuzzügen sich überallhin verbreitende Geist der Verfolgung, der die Juden mit Mord, Plünderung und Austreibung betraf, war es, der die unglücklichen Juden von einer Stadt in die andere» von einem Lande in das andere jagte, und sie namentlich in die Ostländer zu massenhafter Auswanderung zwang. Aus der ganzen Geschichte des Mittelalters haben wir kein Beispiel, daß die Juden in irgend größerer Zahl ihre Heimstätte verließen und nach anderen Gegenden wanderten. Lediglich die Verfolgung und die Noth zwangen sie zu solchen Experimenten. Auch als die Periode der Länderentdeckung und der Bevölkerung in den neuentdeckten und unterworfenen Ländern eintrat, wird uns wohl von einzelnen Juden berichtet, welche die kühnen Entdecker z. B. auch Columbus auf ihren Fahrten begleiteten, nicht aber von irgend welcher massenhaften Besiedelung durch Juden. Nur in Surinam haben wir aus dem siebzehnten Jahrhundert ein solches Beispiel. Mit der außerordentlichsten Passivität ertrugen die Juden, die wehrlosen, alle Unbille, zähe festhaltend an dem Geburtsland, wo sie ihre Wiegen und die Gräber ihrer Väter hatten, so lauge man sie darin irgendwie duldete. Es waren immer nur Einzelne, welche die Fahrt nach den neu gegründeten Colonien unternahmen und auch nach diesen Schößlinge des uralten Stammes brachten. Selbst in der ersten Hälfte des laufenden Jahrhunderts war es häufig die drückende Be-! schränkung, welche sie in ihrem Vaterlande zu erleiden hatten, z. B. in Bayern, wo man, ihre Zahl beschränkend, der Mehrzahl die Schließung einer Ehe, also die Gründung einer Familie, versagte, und ihnen so das Verlassen des theuren Vaterlandes aufnöthigte. Nicht ohne Interesse für unsere Frage ist der Umstand, daß auch in unsrer Zeit Länder, welche den Juden bis vor kurzer Zeit den Aufenthalt und die Niederlassung versagt hatten, jetzt aber die Grenzen erschlossen, von ihnen unbesucht bleiben. In Norwegen z. B. strich der Storthing 1851 das Verbot ihrer Zulassung in § 2 der Verfassung. Doch noch heute kann man sich in diesem Lande nur vergebens nach Juden umschauen. So auch in Tyrol, wo die österreichische Verfassung durch die Freizügigkeit auch den Juden den Zutritt gestattete, wie in Spanien, wo sie geduldet werden, wenn ihnen auch der öffentliche Gottesdienst untersagt ist. Während in England und Nordamerika die Einwanderung der Juden eine massenhafte genannt werden kann, bleiben Mexiko und Südamerika, so oft sie auch den Juden vollständige Duldsamkeit versichern, von ihnen wenig aufgesucht. In ganz Brasilien findet sich kaum ein Jude. Allerdings ist hier neuerdings nur den Protestanten völlige Gleichberechtigung und Oeffentlichkeit ihres Gottesdienstes gesetzlich zugesichert; aber wir glauben nicht, daß diese den Juden versagt bliebe, wenn sie in größerer Anzahl daselbst ansässig wären und die Zuertheilung dieser Rechte nachdrücklich suchten. Allerdings dürfen wir hierbei nicht