Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1887)
- Date
- 1887-09-29
- Page
- Seite 611 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227703--44736-3267033- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
o 611 Wegweiser — wohl bedarf. Wie? ein großer Theil der Menschheit hält die Erinnerung an das alte Israel fest und senkt das Gedächtniß seiner Thaten, Helden und Urkunden in die jugendlichen Geister mehr ein, als die eigene Geschichte — und wir, die unmittelbaren Abkömmlinge dieses Volkes wollten leichtfertig über die geschichtliche Flur unsrer Ahnen hinwegschreiten und lieber mit der Kenntniß der Historie aller Völker, selbst der rohen Natursöhne kokettiren? .. . Darum, Freund, halle ich an der herkömmlichen Sitte fest, und lasse mir den Palmzweig und den Ethrog, nicht wie du sagst, aus dem Oriente eines anderen Welttheiles, sondern aus dein Lande der Verheißung, von den Gräbern unsrer Ahnen hierherkommen. Auch für diese Erinnerungszeichen trage ich eine warme Sympathie im Herzen. Kommt es mir doch vor, als ob ich bei dem Anblick derselben und meiner Heiligthümer in der Tasche des Festgebetbuches die Geschlechter unsres Stammes von den Ebenen am Fuße des Libanon über das europäische Vaterland hierher in die neue Welt ziehen sähe, um in diesem gesegneten Lande der Freiheit und Gleichheit neue friedliche und fröhliche Stätten der Anbetung des Einig- Einzigen und wohlgeachtete Wohnsitze für die Abkömmlinge des uralten Volkes zu weiterem gesichertem Bestände zu gründen. Aber fürwahr, die Erinnerung an das heilige Land und an die verlassene deutsche Heimath erhöht nur in mir den Glanz dieses großen, seit einem Jahrhundert erstandenen und für alle Flüchtlinge und Bedrückte des Erdkreises geöffneten Staates, verstärkt nur die Liebe zu ihm, die Dankbarkeit für ihn, tte Hingebung an ihn. Das Herz, welches für die edleren Gefühle offen und ei» fruchtbarer Nahrungsplatz für diese ist, ist niemals einseitig, sondern umfaßt die Zuneigung für Familie, Freunde und Vaterland in vollster Harmonie, wenn auch der Ursprung seines Stammes vor Jahrtausenden in einem anderen Welttheile stattfand und seine Wiege in einem anderen Lande gestanden hat. Ja, ich gestehe dir: hätte ich Mittel, Zeit und Gesundheit, ich würde zur Gruft meiner Eltern und dann zu den Gräbern der Könige und Propheten im heiligen- Lande wallfahrten, und von da beglückt und gehobenen Geistes nach meinem trauten Heim am rauschenden Ohio zurückkehren.- Soweit die Zuschrift unsres Freundes, die sicherlich viel Wahrheit enthält und ein richtiges Urtheil über unsre seelischen Verhältnisse darbietet. Nein, niemals mögen wir uns entäußern oder gar schämen, was an heiligen Gefühlen in unsren Herzen wohnt, Gefühlen, die sich nicht bestreiten, sondern in ihrem innersten Wesen Dasselbige sind. Die Wanderung der Juden durch die Welt. Seit zweiundzwanzig Jahrhunderten ist die Wanderung des jüdischen Stammes durch alle Länder der Erde ein wesentlicher Grundzug seiner Geschichte. Dieser an sich numerisch mäßig große Stamm hat sich über die ganze Oberfläche des Erdballs verbreitet. Von einer Küste des Oceans bis zur anderen, von Shangai und Iokohama bis San Francisco, hat er sich in einzelnen Gruppen rings um die Erde ansässig gemacht, und selbst da, wo sich gegenwärtig kaum noch eine Spur desselben vorfindet, bezeugt die Geschichte, daß sein Blut in den Adern der Bewohner rollt. Ueber zahllose Einzelheiten dieser Wanderung und deren Motive hat die Geschichtsforschung noch Vieles nachzuholen. Eine Hauptfrage ist: was lag dieser großen und anhaltenden Wanderung zu Grunde? Man sieht leicht ein, daß die Beantwortung dieser Frage nicht blos die Juden selbst betrifft, sondern auch in die Geschichte, besonders in die Culturgeschichte der Völker eingreift, von und zu welchen sie gewandert. Zuerst wird sich die Frage so stellen: War es ein diesem Stamme einwohnender Trieb, der ihn zum Wandern in und durch die Länder drängte, etwa wie in der Zeit der Völkerwanderung die Nationen instinctiv ihre alten Wohnsitze verließen und aufbrachen, um neue unbekannte Stätten zu gewinnen, nicht selten zu ihrer eigenen Vernichtung? Hat man ja von christlicher Seite schon dafür ein Bild aufgestellt in dem ruhelosen Ahasver. Allerdings beginnt die Geschichte unsres Stammes mit Wanderungen. Sein Urahn kam tief aus Oste» und trug seinen Namen hiervon (Jbri). Nach einem fremden Lande versetzt, wo das Geschlecht zu einem Volke anwuchs, mußte dieses ausziehen und durch die Wüste wandern, um sich mit dem Schwerte einen bleibenden Wohnsitz zu erwerben. Hier hört aber seine Wanderung auf und 15 Jahrhunderte hindurch saß dieses Volk fest in einem beschränkten Binnenlande als treue, arbeitssame und mäßige Bearbeiter des Bodens. Obschon ihm auch das Land östlich vom Jordan gehörte, dehnte es sich doch weder nach Osten, noch nach Norden aus. Man hat zwar vor einiger Zeit einen Theil desselben, Simeon, nach Arabien wandern lassen, ohne jedoch irgend sichere Beweise dafür anführen zu können. Selbst Einzelne, welche durch die Noth gezwungen waren, nach einem Nachbarlande zu fliehen, kehrten bald wieder zurück. Versuche, an Schifffahrt und Handel Theil zu nehmen, wurden bald wieder aufgegeben. Mit dieser Anhänglichkeit an das Land der Väter, durch -anderthalb Jahrtausende aufs Entschiedenste bethätigt, steht jeder in der Natur des Stammes liegende Wandertrieb im vollsten Gegensatz. Sehen wir nun auf das Motiv der ersten massenhaften Auswanderungen, so steht es geschichtlich fest, daß es der Zwang war. Salmanasser versetzte gewaltthätig das Volk der zehn Stämme nach 39*