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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-29 · Heft 39 (29.9.1887) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 39 (29.9.1887)
Date
1887-09-29
Page
Seite 610 (sequence 2)
Language
German
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610 knüpft mich an die alte Heimath. Und nun frage ich dich, und gieb mir offen und wahrhaft die Antwort: Bin ich darum ein minder.treuer Bürger dieses freien Landes, dem ich und Millionen Andere ein neues Vaterland und eine freie Stätte für unsre Thätigkeit danken? erfülle ich die Pflichten weniger, die ich gegen dasselbe habe? bin ich weniger befähigt, für dasselbe Opfer zu bringen und seinen Gesetzen Gehorsam zu leisten? Habe ich gezögert, in jenem furchtbaren Bürgerkriege die Waffen zu ergreifen und mein Leben für die Erhaltung der Union und für das Zerbrechen der Sklavenketten einzusetzen? . . Mein Freund hatte meine Worte ernst angehört und sprach dann: „Nein, Freund, ich kann alle diese Fragen aus innerster Ueberzeugung mit Nein beantworten, und, füge ich hinzu, auch im gewerblichen Leben hat dich dieser sentimentale Anflug einer Art Heimweh nicht behindert, dich tüchtig zu tummeln und heraufzuarbeiten, und wenn deine Erfolge auch nicht glänzend genannt werden können, so genügten sie doch, dir und den Deinen eine sichere Stellung zu schaffen." „Gut", erwiderte ich. „Damit ist aber erwiesen, wie ungerecht, ja verleumderisch jene Stimmen sind, welche in einer Liebe zn der alten Heimath einen Mangel an Liebe für das neue Vaterland erkennen wollen und denen, welche jene nicht aus der Tiefe ihres Herzens schwinden lassen, vorwerfen, daß sie nur schwankende Bürger des Staates seien, auf die kein Verlaß . . . Jetzt aber blicke auf jenes Kistchen und dessen Inhalt. Das sind auch Erinnerungszeichen an ein großes Gräberfeld, an den öden Friedhof unseres Volkes, das fünfzehn Jahrhunderte — nur durch die siebzig Jahre in Babel unterbrochen — als eine selbständige Nation daselbst gewohnt, schwer gearbeitet, friedlich darin gelebt und sich tapfer gegen die umwohnenden und einfallenden Feinde gewehrt hat. Ja, es sind unsere Vorfahren und Ahnen, und was wir geistig besitzen, sie haben es geschaffen und uns hinterlassen, und was unsren Ruhm bei den Völkern ausmacht, und was wir gewirkt für die ganze Menschheit, ihnen ist es entsprossen. Und jeder Einzelne von uns verdankt diesen unsren Vätern was das Mark seines geistigen Lebens bildet, alle jene erhabenen Lehren, jene weisen Gesetze des Rechts und der Menschenliebe, jene erschütternden Mahnungen zum Besten und Höchsten, zur Lauterkeit der Sitte und der Handlungen, jene klugen Sprüche für das Leben in der Welt der Menschen, jene stärkenden, tröstenden und jubelnden Gesänge, welche uns unmittelbar zu unsrem Gotte hinauftragen. Wären alle diese von unsren Ahnen im heiligen Lande uns übergebenen Erbgüter nicht werth, daß wir uns jener erinnern, daß wir Erinnerungszeichen aus jenem Lande und jenen Zeiten willkommen heißen? Niemand kann leugnen, daß der Mensch auch solcher äußeren Zeichen bedarf, um das Gedächtniß nicht sowohl an jene Menschen, als an die für uns so bedeutsame Gedankenwelt zu erneuern und zu festigen, deren wir nicht entbehren können, um den Idealen des Lebens unsres Theiles zu entsprechen. Unter solchen Palmen, wie dort Zweige liegen, hat Israel gewandelt, gekämpft und gelitten. Einst, als Israel dort wohnte, war die Palme durch das ganze Land verbreitet, wenn sie auch jetzt den zahllosen Stürmen gewichen ist, die über dieses bevorzugte Stück Erde hin getobt haben. Von Jericho bis Dan standen die Palmenwälder ebenso als Schmuck der Landschaft wie zum unentbehrlichen Nutzen des Volkes. Das Gesetz gebot dem Volke zum Laubhüttenfeste Zweige der Palmen zu nehmen, um zur Festesfreude zu dienen. Da mußten wohl im ganzen Bereiche des Landes Palmen bereit stehen, um diese Zweige von ihnen zu schneiden. An den Wänden des Heiligthums auf Morijah wechselte die in Holz geschnitzte Palme mit der Gestalt des Cherub ab. Unter der Palme saß Deborah und richtete das Volk und führte das Heer zum Siege gegen den kriegsgewaltigen Sisra. Unter den Palmen um Bethlehem wandelte Ruth, die Heldin jener lieblichsten der Epopöen. Auf den Münzen, die geprägt wurden, steht die Palme als Sinnbild Palästinas, und als die Römer Siegesmünzen auf das gefallene Juda schlagen ließen, stellten sie auf der Bildseite das gefesselte Juda sitzend unter einer Palme dar. Ja, durch die Gesänge unseres Volkes rauscht das Flüstern und Zirpen der Palmenzweige, und wenn sie den Gerechten, den Gottergebenen schildern wollen in seiner Kraft und Anmuth, in seiner Festigkeit und Dauer, so vergleichen sie ihn mit der Palme, gepflanzt in den Höfen des Hauses des Ewigen. So wandelte und lebte unser Volk unter den Palmen viele, viele Jahrhunderte hindurch, bis das unabweisliche Geschick es von dannen trieb und es zerstreute in den Ländern, in welchen keine Palmen wachsen, und keine Zeder ihre Aeste Schatten gebend weithin breitet-1) So hat sich das alte Israel mit der Palme identificirt. Wie sollten wir die alte Vorschrift hintenansetzen, einen Palmenzweig zum Feste der Sukkoth zu nehmen? Jede Erinnerung ist um so kräftiger und wirksamer, wenn sie nicht bloß wie eine flüchtige Vorstellung durch die Seele geht, sondern sich immer wiederholt an ein äußeres Mahnzeichen knüpft. Wahrlich, das jetzige Israel bedarf eines solchen, um in dem Gewühle des gegenwärtigen Lebens, das ungleich bewegter ist als es in jeder früheren Periode pulsirte, seinen großen geschichtlichen Boden nicht unter den Füßen zu verlieren, um nicht die Religion in einige Sätze zu verflüchtigen, sondern in fester gediegener Gestalt vor sich zu sehen. Der gegenwärtige Mensch hat einen so raschen und, sagen wir es, oberflächlichen Gefühlswechsel, daß er eines solchen Wegweisers — und in alter Zeit diente der Stamm einer Palme auch zum 1) Siehe unsere Abhandlung über die Palme, Jahrg. 1886, S. 380.

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