Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1887)
- Date
- 1887-09-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227703--44734-3267031- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Allgemeine Zeitung des Hudenthums. Ein unpartciislhcs Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. GIepeöiLron: Leipzig, Woßplcrh 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. t 51. Jahrgang. Leipzig, den 29. September 1887. Nr. 39. Inhalt. Leitende Artikel: Zu den hohen Festen. IV. — Die Wanderung der Juden durch die Welt. — Zum hundertjährigen Jubiläum der Verfassung der Nordamerikanischen Union. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Stettin, Danzig, München, Braunschweig. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Aus Böhmen. — Rußland: Warschau. — Großbritanien: London. — Rumänien: Bukarest. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Coralie Cahen, eine jüdische Frau. — Eine Gerichtsverhandlung. — Vermischtes. SLcitcvibc €Xztifief. Bonn, 25. September. Zu den hohen Festen. IV. Unter de« Palmen. Wir erhalten von einem alten Freunde, mit welchem wir seit.Jahren einen lebhaften Gedankenaustausch unterhalten, eine Zuschrift, aus welcher wir folgende Hauptstelle hier mittheilen: Cincinnati, 25. August. Bor einigen Tagen erhielt ich, meiner Bestellung gemäß, aus Europa ein feines Kistchen mit Lulabim und Ethrogim. Als ich das Kistchen geöffnet hatte und die darin enthaltenen Gegenstände musterte, trat ein Freund in mein Zimmer, warf einen Blick auf die Lulabim und Ethrogim, und ein sarkastisches Lächeln zog sich auf seinem Gesichte zusammen. Ich bemerkte es wohl und sagte: „Ich lese, lieber Freund, aus deinen Gesichtszügen deine Gedanken; in Worte gekleidet, lauten sie wohl folgendermaßen: Was sollen denn diese Pflanzen aus dem Oriente einer anderen Welthälfte, was sollen sie hier im vielbewegten Jankeelande, wo man die Vergangenheit vergessen und stets in der Gegenwart Umschau halten muß, damit unser kleiner Lebensnachen nicht kentere oder sich einen Leck stoße an den großen Fahrzeugen, die dasselbe Gewässer durchfurchen? Nun, Freund, ich will dir Antwort geben, gewähre mir eine Viertelstunde Zeit. Als ich vor nunmehr dreißig Jahren mein Vaterland verließ, besuchte ich noch einmal die Gräber meiner so viel geliebten und tief verehrten Eltern. Ich hatte um die Hügel, welche ihre irdischen Reste bedecken, Tugas pflanzen und die Gräber mit Epheu überziehen lassen. Ich schnitt einen Zweig von einem dieser der Cypresse so ähnlichen Bäume und eine frische Ranke vom Epheu, trocknete diese kunstgemäß, ließ mir in meinem Festgebetbuch innen eine Tasche anbringen, in welche ich diese Erinnerungszeichen an die mir geheiligteste Stätte des Erdballs legte. So oft ich nun dieses Gebetbuch öffne, betrachte ich die welken Pflanzenreste, und dann stehe ich wieder an jenen Grüften, und meine Seele sieht die Verklärten vor sich, wie sie gelebt und gewandelt, und mein geistiger Blick fliegt über die wohlbekannte Flur, den Tummelplatz meiner glücklichen Kindheit, und ich wandere durch die Straßen und über die Plätze meiner Vaterstadt, bis ich vor dem wohlbekannten Hause stehe, in welchem ich das Licht der Welt erblickt, und aus seinen und den Fenstern der Nachbarhäuser blicken mir vertraute Gesichter — ach! die wohl längst unter dem Rasen ruhen — entgegen und lächeln mir zu. Und da kommt auch schon mein alter Professor in dem hechtgrauen Anzug die Straße herauf, und wie ich ihn von ferne erblicke, eil' ich fort, um vor ihm die Klasse zu erreichen. Ich gestehe dir, daß ich über diese Erinnerungen oft das Gebet und selbst die Predigt vergesse; aber ich tröste mich, denn diese Bilder aus der Vergangenheit haben auch eine heiligende Kraft; ist es mir doch, als ob ich die ernsten Mahnungen des Vaters und die sanften Worte der Mutter wieder vernehme und sich in mir der Vorsatz erneuert, ihnen nachzuwandeln im Leben. Du siehst, ein inneres festes Band 39