Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1887)
- Date
- 1887-09-22
- Page
- Seite 605 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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605 Alpes maritimes ernannt worden. — Herr G. Ascoli in Livorno hat seiner Vaterstadt Massa Carrara das Haus, in welchem er geboren, und die Summe von 350,000 Lires zu einer Stiftung für invalide Greise geschenkt. — In New- Z)ork wurde zu Gunsten des Montefiore-Hauses für unbemittelte Greise eine Sammlung von Kunstwerken verkauft. Es gehörten dazu Werke von Meissonnier, Munkacsy u. s. w. An der Spitze des Comitss stand Herr Jacob Schiff aus Frankfurt. Schon an den ersten drei Abenden brachte die Versteigerung 100,000 Dollars ein. — Am 1. September fand in Bordeaux die feierliche Installation des neuen Großrabbiners Jsaac Lsvy statt. Die Civil- und Militärbehörden waren zahlreich vertreten und der Großrabbiner von Paris, Zadoc Kahn, leitete die Feier. Der neue Großrabbiner bewährte in seiner Rede, daß er eine ausgezeichnete Beredtsamkeit besitzt. — Aus Pest wird uns geschrieben: In Klausenburg wurde der neuerbaute Tempel der dortigen israel. Gemeinde den 5. d. M. unter Betheiligung der Bevölkerung eingeweiht. Den 6. d. M. wurde Herr Dr. Michael Fischer als Rabbiner von Zombor feierlich in sein Amt eingeführt. — Herr Dr. M. Deutsch, bisher Rabbiner in Mährisch-Weißkirchen, hat sein Amt als Rabbiner in Ottakring nächst Wien angetreten. Iseuilteton. Eine Succah-Ermnerrmg. Von L- Sch. Seit einer Reihe von Jahren wohne ich in der deutschen Millionenstadt, in einer verkehrreichen Straße mit den hohen Kasernenhäusern, in welchen Dutzende von Familien die Räume füllen. Meine Wohnung ist im rechten Flügel des zweiten Stocks, über mir ein dritter Stock und darüber eine Flucht von Mausardenstuben. Zwei Zimmer nach vorne hinaus, eine sg. Berliner Stube und allerhand kleine Räume bilden dieselbe. Durch das eine Fenster der großen Berliner Stube blickt man in den engen Hofraum, der von den hohen Nebengebäuden umschlossen ist. Meine Nachbarn kenne ich nicht und sie kennen mich nicht, doch weiß ich, daß Glaubensgenossen nicht in diesem Hause wohnen. Da ist es doch nicht fraglich, daß hier eine Succah zu bauen unmöglich ist. Unsre Väter im h. Lande gingen außerhalb der Stadt, um sich Hütten zu bauen und darin zu wohnen sieben Tage. Ich möchte aber wohl sehen, was mir begegnen würde, wenn ich versuchen wollte, außerhalb der Riesenstadt auf irgend einem Plätzchen des Feldes oder des Waldes eine Laubhütte zu bauen. Zuerst hätte er sich wohl mit der hochlöblichen Polizei auseinanderzusetzen, dann aber auf den unwillkommenen Besuch der Landstreicher, wenn nicht anderer Janhagels zu rechnen! Unter solchen Umständen muß man wohl eine Tradition aufgeben, und wenn sie noch so tief aus den Jugendcindrücken in unsrem Herzen lebt. Das Uebel ist nur, daß wenn sie von der jungen Generation von Kindesbeinen an nicht mit erlebt ist, sie auf alle Zeiten verloren geht. Eine solche einmal zerbrochene Kette wird niemals wieder zusammengeschmiedet. Eine eigenthümliche seelische Beschaffenheit ist es, daß eine unbewußte Jdeenverbindung uns manchmal eine Erinnerung, die lange Zeit in uns geschlummert, mit aller Kraft wieder erweckt, daß sie unsre Stimmung ganz beherrscht. So geschah es mir diesmal mit dem Herannahe» des Sukkothfestes. Ja, du stehst lebendig vor meiner Seele, du treuer lieber Großvater, Hirt meiner Kindheit, da der Vater uns so frühzeitig entrissen worden, stehst vor mir mit deiner kleinen, schmächtigen Gestalt und dem markirten, doch so sanften, wohlwollenden und geistvollen Gesichte. Ich höre deine, selbst im Alter noch wohlklingende Stimme, mit der du uns wahrhaft religiöse Gefühle und strengen siittlichen Ernst in die Kindes- und Knabenseelen einzusenken suchtest. War doch deine Mahnung gewichtiger für uns als jedes Strafmittel. Ter Großvater war in früheren Jahren Lehrer gewesen, und so war es natürlich, daß er für seine Enkel, die er so sehr liebte, die Lehrweise nicht aufgegeben; wie oft saßen wir um ihn herum und lauschten seinen Erzählungen aus der biblischen Geschichte, die er fast in den Worten der h. Schrift selbst, aber mit vielem Geschick geordnet, uns vortrug und unsre Theilnahme mehr als durch Märchen und Fabeln zu wecken verstand. Vorzüglich wandte er seine Mühe darauf, uns die herkömmlichen Gebräuche und Vorschriften durch gemüthliche Auslegung des Sinnes und der Bedeutung nicht blos vertraut, sondern lieb zu machen, und noch mehr als durch sein Wort wirkte er hierin durch sein Beispiel. Kaum hatte er nach dem streng gehaltenen Jom Kippur „angebissen", als er die Succah aufzurichten begann und einige Hammerschläge daran that. Denn der Jude, sagte er zu uns, soll i^no, von der Erfüllung eines Gebotes zu der des anderen eilen, um so niemals aus dem religiösen Luftkreise heraus zu treten. Und seht, sagte er, das liegt im Wesen unsrer h. Religion, daß an den strengen Ernst sich immer wieder unmittelbar die Freude schließt; nach