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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-22 · Heft 38 (22.9.1887) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 38 (22.9.1887)
Date
1887-09-22
Page
Seite 606 (sequence 14)
Language
German
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606 den fast mit Furcht verbundenen Stunden ernster Buße sollen wir an das freudige Geschäft des Erbauens der Laubhütte gehen, in welcher wir ein heiteres Fest feiern sollen. Sie ruft uns also selbst dazu auf, nach wohl verbrachter Andacht uns der Heiterkeit und dem mäßigen Genüsse des Lebens zu ergeben. Und das war ein Jubel für uns, an der Fertigstellung der „Laubhütte" mit arbeiten zu dürfen! Da wurden die festen hölzernen, mit Tapeten überzogenen Wände mit einem Fenster und einer Thür versehen, aufgerichtet, dann die Latten als Dach befestigt, Strauchwerk, besonders Spargelsträucher mit rothen Beeren herbeigeschafft und darüber gebreitet. Nun ging es an die Ausschmückung. Aus Gold- und Silberpapier wurden lange Ketten, unten mit papiernen Schalen geschnitten, in die letzteren mit Schaumblättern vergoldete Aepfel und Nüsse gelegt und Alles an die Decke gehängt, einige Angeln angebracht und die Wände mit Bildern geschmückt. Da hing an der Ostwand ein schöner Misrach, an den anderen ein Bild des Königs David, das Urtheil Salomos und Portraits bärtiger Rabbinen. Wer weiß, woher der Großvater diese zusammengebracht. In der Regel war das Ausbauen der Succah eine größere Freude als das „Wohnen" in derselben. Denn die Jahreszeit war gewöhnlich rauh, der Octoberwind stürmte um die Hütte, als ob er sie, die schwankende und wohl nicht sehr nach den Regeln der Zimmermannskunst erbaute, Umstürzen wolle, und es kam auch vor, daß ein plötzlicher Regen durch das deckende Strauchwerk drang und seine schweren Tropfen in die Suppenschüssel ergoß. Doch am meisten lebt die Erinnerung an einen ersten Abend des Festes in mir, wo mir Wunderliches geschah. Ich war etwas über zehn Jahre und hatte schon recht viel gelernt. Dies Mal war schönes Wetter; der Vollmond warf seine silbernen Strahlen vom blauen Himmel durch das Fenster in die hell erleuchtete Laubhütte. Die Segenssprüche, das Essen und das Tischgebet waren beendet. Einige Nachbarn kamen zu uns herein, setzten sich um den Tisch, und nun begann ein lebhaftes Gespräch unter den Männern. Es war im Herbste jenes viel bewegten Jahres, das seine Erschütterungen durch das ganze europäische Festland verbreitet hatte und dessen wilden Wellenschlag selbst unsre Knabenseelen nicht unberührt gelassen hatte. Die Bewegung hatte wohl schon angefangen, sich im Sande zu verlaufen, an manchen Orten im blutigen Sande. So mochte wohl unter den Männern die Politik hin und her besprochen werden. Ich verstand nichts davon, zog mich in eine Ecke zurück und schlief ein. Da überkam mich ein sonderbarer Traum, der einen so tiefen Eindruck auf mich machte, daß ich ihn noch heute in allen Einzelheiten zu schauen glaube. Ich sah mich in einen großen Saal versetzt, der köstlich ausgeschmückt war. An einer Seite stand auf einer Erhöhung ein mächtiger Stuhl, in welchem eine große Gestalt, mit Panzer und Helm gerüstet, ein blankes Schwert auf den Knieen; an den Stuhl aber lehnte sich eine Harfe. Ich wußte, daß es der König David sei. An der entgegengesetzten Seite war ein goldner Thron ausgerichtet, zu dem zwölf Stufen emporführten, auf jeder Stufe rechts und links ein goldner Löwe. Auf dem Throne saß eine in Purpur gekleidete Gestalt, um deren Haupt ein goldner Reif sich schlang, zwischen deren Knieen ein goldner Herrscherstab sich lehnte, in der Hand hielt sie eine Schriftrolle: es war König Salomo. Beinah ebenso waren die beiden Könige auf den Bildern dargestellt, die neben einander an der Wand der Laubhütte hingen. Aber zwischen ihnen stand auf dem Boden des Saales noch ein König, jedoch in demüthiger Haltung und sein königliches Gewand war zerrissen. Zu dem sprach David mit donnernder Stimme: „Feigling, ist dir dazu mein königliches Reich und mein treues Israel übergeben worden, daß du es ruhig zerreißen ließest, einem elenden Wicht wie dieser Jerobeam die Herrschaft über zehn Stämme ohne Schwertstreich überließest! Ha! das wird der Untergang dieses Israels sein! Gespalten und in feindlichem Bruderzwiste werden beide Theile dem Ansturm der Feinde nicht widerstehen und verloren sein. Das Reich Israel wird von der Erde verschwinden und Juda ihm Nachfolgen. Auf das Wort eines Schwätzers hast du das Schwert in die Scheide gestoßen und dieses Unglück über uns ergehen lassen!" — Von dieser furchtbaren Ansprache war Rehabeam wie zerschmettert und auf die Kniee gefallen, sein bleiches Haupt auf die Brust gesenkt. Das mochte wohl in dem Herze» seines Vaters schmerzliches Mitgefühl erwecken, und mit einer sanften wohlklingenden Stimme sprach er: „Mein königlicher Vater, grolle nicht zu sehr über meinen armen Sohn. Fraglich wäre es doch gewesen, ob es ihm gelungen wäre, Ephraim und seinen Anhang niederzuwerfen, und Bruderkrieg ist eine Saat, aus welcher niemals Macht und Bestand erwachsen. Hatte er doch dein leuchtendes Beispiel vor sich, als dein Heer, aus Juda allein bestehend, den eilf Stämmen gegenüberstand, die Jsboset, Saul's Sobn, in seiner Herrschaft erhalten wollten. Auch du wichest vor dem traurigen Worte Bruderkrieg zurück, residirtest weiter in Hebron und ließest Jsboset ruhig in Machenajim, bis ihn der Tod ereilte. Können nicht, wie damals Israel dir ohne Schwertschlag zufiel, nicht auch jetzt wieder die abgefallenen Stämme zur Treue gar das Davidische Haus und den heiligen Tempel auf Morijah zurückkehren, eben weil sie nicht mit dem Schwerte bekämpft werden?" — Unter dieser Rede hatte David die Stirn gerunzelt und strafende Blicke schossen aus seinen großen Augen. Mit bittrem Tone erwiderte er: „Von dir habe ich freilich nichts anderes erwartet, du warst ja ein Friedensfürst, und deine weibische Hand hat nie das Schwert, sondem nur die Palme geführt. Dafür warst du ein prächtiger Baumeister, der neben dem Tempel den Schweiß des Volkes in Schlössern

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