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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-22 · Heft 38 (22.9.1887) · p. Seite 603

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 38 (22.9.1887)
Date
1887-09-22
Page
Seite 603 (sequence 11)
Language
German
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603 spräche und schloß mit der Bitte, daß Se. Majestät gestatten wolle, daß der anwesende Rabbi der Gemeinde den Segen über die Gemeinde spreche. Der König bemerkte in seiner Antwort, er wisse, daß die jüdischen Gläubigen stets treue Unterthanen seien, die von seinem Wohlwollen überzeugt sein können. Nachdem der König dem Sprecher der Deputation geantwortet hatte, sprach Rabbi Hönig zuerst in deutscher Sprache den Segen und erbat sich dann die Erlaubniß, beim Segensspruche - in hebräischer Sprache den Kopf bedecken zu dürfen. Se. Majestät antwortete lächelnd: „Ich erwartete von Ihnen diese Bitte und es freut mich, daß Sie an den alten Traditionen festhalten" und hörte dann andachtsvoll den Segensspruch an. Pest, 9. Sept. (Privatmitth.) Die Ansprache, welche der König an die kath. Geistlichkeit des Neutraer Comitates gerichtet, hat nicht geringes Aufsehen erregt. Auch in Csakathurn wurden die Deputationen der katholischen Geistlichkeit daran erinnert, daß sie in brüderlicher Eintracht mit der allen Confessionen angehörenden Bevölkerung leben möge. Die Deputation der Csakathurner Gemeinde hielt an den König folgende Ansprache: „In Vertretung der Csakathurner israelitischen Gemeinde erschienen wir vor Ew. Majestät, um unserer unterthänigsten Huldigung und der treuen Anhänglichkichkeit an Ew. Majestät Ausdruck zu geben. Wir sind Einige von jenen Hunderttausenden, die unter der weisen Regierung Ew. Majestät die Gleichheit mit den übrigen Bürgern unseres geliebten Vaterlandes erlangten. Dankerfüllten Herzens sind wir dieser glorreichen Schöpfung Ew. Majestät eingedenk, und freudig benützen wir den glücklichen Anlaß zur Erklärung dessen, daß wir mit den übrigen Bürgern des Vaterlandes nicht allein bezüglich der Rechte, sondern auch in der hingebungsvollen Opferwilligkeit für Thron und Vaterland gleichgestellt sind und sein wollen. Gott erhalte Ew. Majestät noch lange!" Se. Majestät dankte für den Ausdruck der treuen Anhänglichkeit, welche die Glaubensgenossen der Deputation zu allen Zeiten bewiesen haben, und versicherte dieselben seines fortwährenden königlichen Schutzes und seiner Gnade. Rabbiner Schwarz ertheilte sodann in hebräischer und ungarischer Sprache Sr. Majestät den Segen. In Duna-Szerdahely brach gestern wieder ein Brand aus, der zwei Häuser einäscherte. Man hegt dort den Verdacht, daß das Feuer angelegt worden sei, um den Besitz des der dortigen Antisemiten-Partei nicht genehmen Richters Vemeth zu zerstören. Prag, 5. Sept. Die Mehrzahl der Nationalvereine Schlesiens übersendete dem Central-Wahlcomits der Deutschen in Böhmen eine Resolution, in welcher eine Kundgebung gegen die antisemitischen Tendenzen ausgesprochen wird. Lemberg, 2. Sept. (Privatmitth.) Es dürfte kaum irgendwo in der Welt trostlosere Verhältnisse für den Unterricht in den Volksschulen geben als in Galizien. In den kleinen Städten Ostgaliziens befinden sich vierclassige Volksschulen, welche von Kindern römisch-katholischen, griechischkatholischen und mosaischen Bekenntnisses besucht werden. Für die Müder der beiden christlichen Bekenntnisse entfällt der Unterricht wegen der Feiertage, der Sonntage außerhalb der Ferien und wegen der kleinen und großen Ferien an 151 Tagen pro Jahr, so daß nun 224 dem Unterrichte gewidmete Tage, gleich 58,7 Procent sämmtlicher Tage des Jahres für denselben erübrigen. Noch weit ungünstiger stellt sich das Verhältniß für das mosaische Bekenntniß, wie der N. F. P. aus amtlich geschöpften Daten mitgetheilt wird. Für die Schüler des mosaischen Bekenntnisses entfällt der Schulbesuch wegen der speciellen israelitischen Feiertage an 13 Tagen, wegen der Sabbathe an 43 Tagen, wegen der christlichen Feiertage an 58 Tagen, wegen der Sonntage an 43 Tagen, wegen der großen und kleinen Ferien an 50 Tagen, zusammen an 207 Tagen, so daß für den Unterricht nur 158 Tage, gleich 48,7 Procent aller Tage des Jahres erübrigen. Hierzu kommt nun noch, daß der Schulbesuch der israelitischen Kinder auch an den Freitagen ein unregelmäßiger ist, da bekanntlich der Sabbath am Freitag Abends beginnt und gewisse Vorbereitungen dazu als unerläßlich angesehen werden; daß ferner das, was die israelitischen Kinder am Sabbath und beziehungsweise am Freitag versäumen, am nächsten Montag auf Unkosten des Fortschrittes der christlichen Kinder recapitulirt werden muß. Aus Böhmen, 13. Sept. (Privatmitth.) Spaltung scheint jetzt das Lebensprincip bei den Völkern des cisleithanischen Oesterreichs zu sein. Wenn ich in meinem Artikel Nr. 37 von der Spaltung im österreichischen Deutschthum zu berichten hatte, so ist nicht minder die Spaltung im czechischen Lager jetzt thatsächlich hervorgetreten. Man weiß, daß die Czechen sich längst in zwei Parteien gespalten haben, die Altczechen und die Jungczechen. Bei der soeben stattgefundenen Nachwahl zum Reichsrathe in der Prager Altstadt ist der Gegensatz zwischen diesen beiden Fractionen dadurch so recht zu Tage getreten, daß jede derselben einen eigenen Candidaten aufstellte und mit größter Kraftanstrengung aufrecht erhielt. Der Sieg gehörte den Jungczechen mit ihrem Candidaten vr. Blasek gegen den Candidaten der Altczechen vr. Eisel. Von allgemeiner Bedeutung ist diese Wahl, weil die Jungczechen auf ihre Fahne Opposition gegen die Regierung geschrieben hat. Was uns jedoch besonders interessirt, das ist, daß die altczechischen Blätter die Niederlage ihrer Partei nicht anders erklären können, als indem sie zu den Juden ihre Zuflucht nehmen, und das Lächerliche hierbei ist, daß die Einen die Schuld auf die Juden, die Anderen auf die Antisemiten werfen. Die „Politik" schreibt: „Die Thatsache 38*

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