Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1887)
- Date
- 1887-09-22
- Page
- Seite 602 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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602 nach Maßgabe der Umstände im Laufe der Zeit ändere. Auf diesem Programm stehe unter Anderem das allgemeine, geheime und directe Wahlrecht, dessen Ausdehnung auch ans die Landtagswahlen sie erstrebten. Die Antisemiten suchten mit keiner anderen politischen Partei Gemeinschaft, sondern bekämpften alle in gleicher Weise. Nunmehr auf sein eigentliches Thema übergehend, erklärte Dr. Böckel, für ihn gebe es in Deutschland zwei große Nassen, eine deutsche und eine jüdische. Ein Jude könne nie ein Deutscher werden; auch die Taufe ändere daran nichts, da der Unterschied nicht durch die Religion, sondern durch das Blut bedingt sei. Nun sei die natürliche Grundlage eines jeden Volkes der Bauernstand. Zum Landwirth tauge jedoch erfahrungsgemäß der Jude nicht, selbst nicht in Palästina. Gleichwohl brächten die Juden immer mehr Grundbesitz an sich. Sie ruinirten den Bauernstand und unterwühlten dadurch die einzig festen Grundlagen des Staates. So weit war Böckel gekommen, da wurde die Versammlung durch den Regierungsassessor Römheld aus Gießen aufgelöst. Nürnberg, im September (Privatmitth.). Der Artikel des Herrn Rabbiner Süßkind über die Mezizah hat auch hier in seinen meisten Punkten volle Beistimmung gefunden. Mit Gründen wird wohl Niemand mehr die Beibehaltung der Mezizah zu vertheidigen vermögen. Ein großes Gewicht ist auf die Betonung der sanitären Zweckmäßigkeit der Beschneidung zu legen. Jeder auf diesem Gebiete erfahrene Arzt bestätigt dieselbe, ich habe mit mehreren derselben gesprochen, und einer von diesen, ein Christ, ging bis zu der Behauptung,daß es wünschenswerth gewesen wäre, das Christenthum hätte wie der Islam die Beschneidung vom Judenthume angenommen. Wenn ich nicht irre, ist dasselbe vor einiger Zeit von einem Arzte in Schlesien in einer besonderen Broschüre ausgesprochen und belegt worden. Worin wir aber dem genannten Herrn widersprechen müssen, das ist, wenn er dem so oft schon ausgesprochenen Wunsche entgegentritt, jüdische Aerzte möchten das Mohelamt übernehmen. Der Nutzen hiervon ist offenbar und gerade nach der Richtung hin, welche HerrR. Süßkind ins Auge gefaßt — die Beruhigung der Eltern zu bewirken und dadurch die Gefahr, daß sie bei ihren Knaben die Beschneidung unterließen, zu vermindern. Der Hauptgrund, welchen er anführt, daß die Mehrzahl der jüdischen Aerzte sich des Zusammenhangs mit dem Judenthuine entschlagen hätten, ist sehr gewagt. Daß der ärztliche Beruf die Ausübung der Ceremonien erschwert, aber auch wegen der Rettung von Menschenleben weniger dazu verpflichtet, liegt auf der Hand. Ueber die innere Ueberzeugung ist kein Sterblicher Richter, und ein Arzt, der sich auch dogmatisch dem Judenthume fremd fühlt, wird jenes Amt überhaupt nicht übernehmen. Die Geschichte lehrt uns, daß die jüdischen Aerzte zu allen Zeiten zu den eifrigsten Anhängern und Verteidigern des Judenthums gehörten, und wir haben nicht das Recht, denen der Gegenwart dies geradezu und allgemein abzusprechen. Giebt es doch auch Orthodoxe unter den jetzigen Aerzten. Das zweite Argument, die Aerzte werden daraus ein Interesse machen, hält ebenso wenig Stich. Kein Stand bethätigt mehr Opferwilligkeit und Hingebung der leidenden Menschheit gegenüber, als der ärztliche, ohne dabei einen Unterschied zu machen zwischen Reich und Arm, zwischen denen, von welchen Lohn und denen von welchen keiner zu erwarten ist. Warum sollte dies nun bei der Beschneidung der Fall sein? Uebrigens giebt es unter den nichtärztlichen Mohelim anch solche, welche aus ihrer Thätigkeit Bortheile zu ziehen suchen. Hier kommt es nur darauf an, die Beobachtung des alten geheiligten Brauches durch Schutz gegen jede Gefährdung — abgesehen von der Heiligkeit des Gebotes — zu sichern, und dies kann am besten dadurch geschehen, daß der talmudische Brauch, den jüdischen Aerzten das Amt des Mohels zu überlassen, wieder allgemeiner werde. Oesterreich-Ungarn. Pest, 5. Sept. (Privatmitth.) Anläßlich der diesjährigen Manöver befindet sich der Kaiser-König Franz Joseph gegenwärtig in Neutra. Die Ansprachen, welche Se. Majestät an die Deputation des Clerus gestern gehalten hat, gewinnen an Berständniß und an Bedeutung, wenn man bedenkt, daß Neutra seit mehreren Jahren ein Heerd des Antisemitismus ist und daß der Haß gegen die Juden durch die dortigen Geistlichen noch immer genährt wird. Der katholischen Geistlichkeit antwortete der König auf ihre Huldigung: „Die treue Anhänglichkeit für Thron und Vaterland ist eine der traditionellen Tugenden der Vertreter unserer Kirche, und Ich hege keinen Zweifel, daß auch Sie — dem Beispiele erleuchteter Bischöfe folgend — die Saat dieser Tugend und die Lehren der brüderlichen Einheit in der Brust der Ihrer geistlichen Fürsorge anvertrauten Gläubigen eifrig pflegen." Anch eine Deputation der Neutraer jüdischen Gemeinde wurde vom Könige empfangen und zwar gleich nach der der Jurisdictionen. Es war nämlich ursprünglich eine israel. Cultusgemeinde unter den sonstigen Confessionen ausgenommen gewesen, im letzten Moment aber wurde das Programm derart abgeändert, daß die Gemeinde als letzte Deputation hätte empfangen werden sollen. Der Vorstand wendete sich dieserhalb auf telegraphischem Wege an Minister Orczy und an den Obergespan und die Beschwerde fand allerhöchsten Ortes die erhoffte Würdigung, so daß die Reihenfolge während des Empfanges auf allerhöchsten Wunsch die erwähnte Aenderung erfuhr. Der Führer der Deputation, vr. Heinrich Pereßlenyi, der Vicepräsident der Gemeinde, hielt die An-