Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1887)
- Date
- 1887-09-22
- Page
- Seite 601 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227702--44725-3267021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Lollar 2× ep/1045078
OCR text
601 besonders in unserer Riesenstadt ein langer Zeitraum; es schließen sich die Lücken rascher, neue Kräfte ersetzen die abberufenen in sieter Arbeitsbereitschaft und zur Geltung kommt das Dicherwort: „Uns hebt die Welle, uns verschlingt die Welle und wir versinken!" Das Versinken ist es ja, was dem Tode das Schreckliche giebt. Aber wenn in unserer in der Kultur fortgeschrittenen Zeit der Einzelne auch schneller vergessen wird, weil die Wohlfahrt der Völker nicht mehr von dem Einzelnen abhängig ist, so gehört doch der verklärte Freund zu den seltenen Männern, deren Andenken von Geschlecht zu Geschlecht fortlebt. Die dahingeschwundene Zeit hat sein Bild in unserer Erinnerung nicht verwischt, sondern abgeklärt und geläutert. Losgelöst von der Parteien Gunst und Mißgunst steht sein Bild rein und klar vor unserer Seele und wir gedenken aufs Neue der seltenen Energie des sittlichen Wollens und Vollbringens, durch die er uns erquickt und gehoben, durch die er uns aufgerufen hat und noch aufrufen wird zu allem Schönen, Guten und Edlen. Nicht die Aufgabe dieses Denksteins soll es sein, sein Bild auf die Dauer zu bewahren, denn dauernder als Stein und Erz sind seine Geistesthaten. Darum kündet keinerlei Inschrift das irdische Wollen und Vollbringen des theuren Mannes. Seine Wirksamkeit, sein Aufgehen in der Pflege der öffentlichen Wohlfahrt, seine Hingabe an die Gesammtheit vermöchte keinerlei Inschrift zu künden. Sein Name allein wird genügen; so lange in unserer Stadt der Sinn für Freiheit und Recht und edle Menschentugend sich lebendig erhält, so lange wird der Name Ludwig Löwe in Ehren genannt werden! — Wieder erklang Chorgesang, dann widmete der langjährige Freund und Kampfgenosse Ludwig Löwe's, Abg. Albert Träger, dem verewigten Freunde herzliche, inhaltreiche Worte ehrenden Gedächtnisses, wobei er das Bild des seltenen Mannes der Trauerversammlung noch einmal klar vor Augen führte. Heute gilt es nicht der Trauer um den mitten aus der vollen Arbeit von uns gerissenen, sondern dem Andenken des trotz Sturm und Wetters allezeit aufrecht stehenden Ludwig Löwe, der sich selbst aus kleinen Verhältnissen herausgearbeitet, um schließlich vielen Hunderten von Arbeitern Brod zu geben, der als der besten Bürger Einer mit begeisterter Hingebung an dieser Stadt gehangen und als solcher in edler Selbstlosigkeit gewirkt und gestrebt, der auch als einer der Besten und Muthigsten für das Wohl des Staates gearbeitet hat, immer unter dem Wahlspruch: „Nichts für mich selbst, Alles für Andere!" Ein solcher Mensch stirbt nicht. Und Ludwig Löwe ist nicht gestorben. Er lebt mit uns und wir mit ihm in Allem, was er mitgeschaffen, in allen den zahlreichen Keimen, die er ausgesäet und die einst hoch in die Halme schießen werden zur Freude eines beglückteren Geschlechts; er lebt in uns als Freund, als Mitstreiter, als unser innerer Richter, als Stimme des Gewissens. Er war Einer von denen, denen man blind folgen konnte und deshalb ertönt noch heute im Rathe seiner Freunde häufig genug die Frage: wie würde Ludwig Löwe gehandelt haben? Deshalb bedurfte es nicht dieses Denksteins, um sein Andenken zu bewahren, sondern die dankbare Liebe hat ihn errichtet als Zeichen innigster Verehrung. Und so lege ich denn, so etwa schloß Träger, im Auftrag derer, die mit ihm vereint im Kampfe gestanden, im Aufträge der Partei, diesen Kranz auf das Grab des unvergeßlichen Freundes nieder, nicht als ein Zeichen des Kampfes, sondern als ein Zeichen des Friedens und der Dankbarkeit für Alles, was er für uns und mit uns geleistet, er, der immer vorn in den ersten Reihen gestanden, unerschütterlich und ungebeugt; er sei ein Zeichen der Hoffnung auf den Sieg seiner und unserer Ideale: Aeußere und innere Befreiung der Menschen von allen Fesseln, Gleichheit für Alle, Beseitigung aller hemmenden Vorurtheile, Duldung und Milde gegen Jedermann. Und wenn auch heute nur eine Anzahl von Freunden um diesen blumengeschmückten Hügel steht, so wird doch hoffentlich dereinst um diese Säule ein Kranz sich winden nicht nur von der Partei, sondern von der Menschheit, welche dankbar des Mannes gedenken wird, der so fleißig die Keime zu glücklicher Entwickelung des Volkslebens mit ausgesät. Nicht trauernd, sondern gehobenen Hauptes verlassen wir diese Stätte, in dem Bewußtsein, daß Ludwig Löwe, der für alle Zeit und für die ganze Welt gearbeitet hat, uns auch für alle Zeit ein leuchtendes Beispiel treuer Pflichterfüllung bleiben wird. — Mit dem Liede „Es ist bestimmt in Gottes Rath" schloß die stimmungsvolle Feier. Gießen, 11. Sept. Heute Nachmittag 5 Uhr sprach Reichstagsabgeordneter Böckel in dem eine Stunde von hier entfernten Lollar. Nachdem Böckel etwa 20 Minuten gesprochen, wurde seitens des Vertreters des hiesigen Kreisamtes die Versammlung aufgelöst. (Man braucht nur den Namen „Böckel" zu lesen, um zu wissen, welcher Art die Rede war. Glücklicher Weise vereinigen sich in dem — Kopfe dieses Reichstagsabgeordneten die extremsten staatsoppositionellen Gedanken mit seinem fanatischen Antisemitismus.) — Das „Frkf. Journ." enthält Ausführliches über diesen Vorgang, das für uns auch Interesse besitzt, zu sehen, an welchem Punkte die Behörde einsetzte, die Versammlung aufzulösen. Es heißt da: Der antisemitische Abgeordnete für Marburg, vr. Böckel, hielt am 11. d. M. Nachmittag in dem benachbarten Lollar eine öffentliche Versammlung ab. Er sprach vom Balkon eines Gasthauses aus zu der nach Hunderten zählenden Menge. Seine Rede eröffnete er „ nach antisemitischem Brauch" mit. einem Hoch auf den Kaiser. Seine Partei, fuhr er dann fort, habe ein ganz bestimmtes Programm, wenn auch nicht ausgeschlossen sei, daß sich dies 88