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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-09-22 · Heft 38 (22.9.1887) · p. Seite 599

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 38 (22.9.1887)
Date
1887-09-22
Page
Seite 599 (sequence 7)
Language
German
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599 so ist auch in der Seele das erste die Vernunft, das zweite die Gesinnung, das dritte die Begehrlichkeit. Ebenso ist gleichfalls unter den Tugenden die erste — wie in der Seele das erste die Vernunft ist, welche auch im Körper den Kopf bewohnt — die Weisheit; die zweite die Tapferkeit, weil sie in dem zweiten Theile — bei der Seele in der Gesinnung, bei dem Körper in der Brust — herbergt; die dritte die Mäßigkeit, weil sie in dem Bauche, dem dritten Theile des Körpers, und der Begehrlichkeit, welche den dritten Platz in der Seele erlangt hat, thätig ist. — „Und der vierte Fluß", so heißt es, „ist der Euphrat"; Euphrat will sagen „Fruchtbarkeit" i). Das bedeutet symbolisch, die vierte Tugend ist Gerechtigkeit, die in der That fruchttragend ist und den Gedanken freudig macht (euphrainusa). Wie nun entsteht sie? Wenn die drei Theile der Seele übereinstimmen. Die Uebereinstimmung unter ihnen ergiebt sich aber durch die Herrschaft des obersten; wenn also die beiden, die Gesinnung und die Begehrlichkeit, von der Vernunft gelenkt werden, dann entsteht die Gerechtigkeit. Denn Gerechtigkeit ist darin enthalten, wenn das Bessere immer und überall die Oberhand hat, das Geringere aber beherrscht wird. Das Bessere nun ist die Vernunft, das Geringere die Begehrlichkeit und die Gesinnung. Wenn aber auf der anderen Seite Tollkühnheit und Begier dem Lenker — ich meine der Vernunft — die Zügel entreißen und ausbrechen, denselben durch die Gewalt des Anpralls herunterziehen und niederwerfen und so beide Leidenschaften sich der Zügel bemächtigen, das ist eins arge Ungerechtigkeit. Denn wenn sie der Bosheit und Unerfahrenheit als ihren Lenkern gehorchen, so müssen sie nothwendiger Weise in den Abgrund geführt werden; durch Erfahrung und Tugend aber müssen sie geweckt werden wie aus tiefer Kluft. Nun ist es aber angemessen zu fragen, weshalb die beiden ersten Flüsse, Physon und Geon, Länder umgeben — jener das Land Evilat, dieser Aethiopien — die beiden letzteren aber nicht, da vom Tigris gesagt wird, er fließe entgegen den Assyriern, vom Euphrat sogar nichts; und doch umfließt der wirkliche Euphrat einige Länder und hat viele gegenüber liegen. Aber es ist nicht von den Flüssen die Rede, sondern von der Besserung der Sitten. Hier muß man bemerken, daß die Weisheit und Tapferkeit den ihnen entgegengesetzten Lastern — also dem Unverstand und der Feigheit — einen Wall und eine Grenze zu setzen und sie zu zerstören vermögen, denn dieselben sind beide schwach und leicht zu vernichten. Der Unverständige ist vor dem Weisen leicht zu fangen, und der Feige wird von dem Tapferen unterworfen. Die Mäßigkeit jedoch kann die Begier und die Lust nicht einschließen, denn dieselben sind stark, hartnäckig und schwer zu besiegen. Sieht man nicht, daß auch die Mäßigsten durch die Nothdurft des sterblichen Leibes zu Speise und Trank geführt werden, aus denen die Genüsse des Magens entstehen? Es ist also hinreichend, wenn man gegen die Begierden angeht und mit ihnen kämpft, deßhalb ist der Tigrisfluß entgegen den Assyriern, das heißt die Mäßigkeit der Lüsternheit. Die Gerechtigkeit, für welche der Euphratstrom angeführt wird, umzingelt und begrenzt weder etwas, noch ist es ihm entgegen. Weshalb? Weil die Gerechtigkeit jeden» nach Gebühr zuertheilt, und weder als Ankläger noch als Vertheidiger darf sie auftreten, sondern als Richter. Wie der Richter nun nicht vorzieht, daß die einen siegen, er die anderen aber bekämpft und ihnen entgegentcete, vielmehr er seine Meinung ausspricht und der gerechten Sache Gewicht beilegt: so ist auch die Gerechügkeit niemandes Gegner, sondern theilt jedem Dinge das Gebührende zu. — Hieran fügen wir noch ein Stück aus dem Buche „über die Cherubim", um zu zeigen, wie Philo die damaligen Naturkenntnisse und Ansichten in seiner Auslegung verwerthet. Jetzt müssen wir sehen, sagt er, was mit den Cherubim und dem flammenden sich drehenden Schwerte gemeint ist. Hierdurch wird bildlich der ganze Umfang des Himmels bezeichnet. Die himmlischen Sphären nämlich sind mit einer doppelten Bewegung ausgerüstet: der Bewegung der Fixsternsphäre nach rechts, und der Planetensphäre nach links. Die äußerste Sphäre, die der sogenannten Fixsterne, ist eine, welche von Morgen nach Abend ihren Umlauf macht; die inneren sieben Sphären enthalten sowohl die freiwillige als die gezwungene, doppelte und gegnerische Bewegung der Planeten. Sie besitzen die unfreiwillige Bewegung, wie die Planeten, indem sie jeden Tag von Osten nach Westen zu gehen scheinen; und dann eine besondere von Westen nach Osten, nach welcher die Umlaufszeiten der sieben Gestirne und überhaupt die Länge der Zeit berechnet wird, sowohl in Bezug auf die gleich umlaufenden Sonne, Morgenstern und Merkur — denn diese drei höchsten der Planeten haben dieselbe Geschwindigkeit — als auch in Bezug auf die vier anderen, in den mittleren Sphären, welche zwar ungleiche, aber doch unter einander und mit jenen drei ähnliche Bewegung haben. Der eine der Cherubim nun ist der äußerste Umkreis des ganzen Himmels, in welchem die Fixsterne einen wahrhaft göttlichen Reigentanz in stets einer und derselben Bewegung führen, ohne die Ordnung zu verlassen, in welche der Schöpfer und Vater sie in der Welt gefügt hatte. Der andere Cherub ist die innere Sphäre, welche Gott von Beginn an schied Und in sieben einander ähnliche Kreise trennte, indem er in jeden derselben einen der Planeten einfügte und die Gestirne in ihre Kreise wie Wagenlenker in den Wagen setzte, ohne aber einem von ihnen die Zügel zu lassen, weil er ihrer Leitung nicht traute, sondern alle machte er von sich abhängig, r) Bon ms-

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